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„Wunderkammer“, Staatsballett Berlin  | „A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow | 

Babylon Ballett

Double Feature 42/25

In der letzten Ausgabe fragte ich nach den Bahnkultur-Banausen aus dem Zugabteil nach Hamburg. Vielen Dank für zahlreiche Rückmeldungen, die bereits ab dem frühen Sonntag-Vormittag eintrafen. Die Gewinner kommen aus Konstanz bzw. Trier und zu viert von einem mittäglichen Spaziergang im schönen Brandenburg (Gratulation an JG, RM, HG, AS und CS, Namen der Redaktion bekannt) und rieten richtig: Es handelte sich um Igor Levit und Mark Waschke, die ihre kulturelle Eignung für die Deutsche Bahn noch zu beweisen haben. Alle Preisträger erhalten eine schöne Postkarte aus dem sehens- und besuchenswerten “Art Postal” Laden und Verlag, den die Schauspielerin Caroline Peters zusammen mit ihrem Partner in Wien eröffnet hat.

Kein Postkarten-, aber ein Buch-Tipp: Jens Biskys „Die Entscheidung“ ist das kluge, unaufgeregte Buch zur Weimarer-Republik-Frage. Bisky erzählt die Jahre 1929–34 als Kette vieler kleiner und großer Weichenstellungen, ohne Alarmismus, aber mit dem leisen Schrecken, wie dünn demokratische Strategien damals waren. Sein in einem Interview geäusserter Satz wirkt wie ein Lackmustest für alle historischen Vergleiche: „Die Leute waren damals nicht dümmer als wir.“ Warum also die ungebrochene Faszination für „Babylon Berlin“, den ewigen „Tanz auf dem Vulkan“ – und warum verliert Berlins Nachtclub-Ikone Berghain nichts von ihrem düster funkelnden Reiz? Vielleicht, weil beides Projektionsflächen sind, auf denen wir unsere Gegenwart schärfer sehen. Wie zum Beispiel der neue Abend des Staatsballett Berlin.

Main Feature

In eine düstere Bibliothek der Nacht stellt Marcos Morau sein neues Staatsballett-Stück „Wunderkammer“. Der Choreograf – Artist in Residence – spannt ausdrücklich den Bogen von den Kabaretts der Weimarer Republik zur heutigen Clubkultur; Das Berghain ist Referenz für Haltung, Rhythmus und Blick des Abends. Das Bühnenbild zeigt keinen konkreten Ort, sondern eine Black Box der Versuchungen: drehendes Sofa, Spiegelwand, eine stufenförmige Pyramide, einen Barren als zeitweiliges Heiligtum und ein schwebender Neonkranz – die eindrucksvolle Lichtarchitektur organisiert die Menge wie in Lichtfallen. Die Kostüme uniformieren das Ensemble in beschrifteten/„tätowierten“ Trikots, Leder-Harnesses, schwarzen Strümpfen; ondulierte 20er-Jahre-Frisuren und Perlenschnüre imaginieren Queerness zwischen Revue und BDSM-Studio.

Der Ablauf ist in Szenen gegliedert – eine „Sammlung“ im wörtlichen Sinne. Das „Prelude of a Broken Accordion“ öffnet  – mit einer Anspielung an Pina Bausch? – die Tür: ein einsamer Spieler, der Atem des Instruments als Rauchsignal, das die Masse anlockt. Dann wird eine Zeit ohne Zeit beschworen, die Ballettstange zu einer Altarlinie der Zugehörigkeit erklärt; schliesslich kippt es ins posierend Groteske, wird aggressiv und fast militärisch. Schliesslich, im „Grand Finale“ breitet sich die Menge wie ein Teppich aus: Schreie, Refrains, Revue-Gesten; am Ende ist die Masse wieder eine, tritt ins Publikum und singt choralähnlich einen Song über die Nacht als Mutter – und wir mittendrin.

Moraus Handschrift: große, präzise Massenszenen, die sich zu Tableaus verkeilen; dann brechen Einzelne aus – ein Riss, dem die Gruppe folgt oder den sie verschluckt. Das hat Sog und Timing. Die Musik (Clara Aguilar, Ben Meerwein) liefert den dominanten Puls aus Elektronik, Jazz-Schattierungen und Stimme; im Saal dröhnt das mit Triggerwarnungs-Ansage – „unerwartete, kräftige Soundeffekte“ gehören zum Konzept. Wegsehen und Weghören: unmöglich.

 

„Wunderkammer“ heißt barock-historisch: Kuriosa in enzyklopädischer Ordnung. Hier ist der Titel eher lose verknüpft – eine Kollektion von Atmosphären, Posen, Anspielungen, die sich zu einer Nacht-Allegorie addieren. Das funktioniert als Show – Babylon Berlin trifft Berghain trifft Friedrichstadtpalast – und es ist wirkungsvoll, mitunter überwältigend. Unter die Oberfläche gräbt es wenig: mehr verdrehte Revue als vielschichtige, tänzerische Analyse der Zeit.

Zudem: Bei aller Virtuosität ist diese Themen-Mixtur in Berlin, in 2025 nicht mehr sonderlich originell; doch sie ist glänzend gebaut, mit packenden Bildern, einem Ensemble, das „versatile and masterful“ durch die Stile schaltet, und einem Sounddesign, das den Abend wie eine Welle trägt. Man verlässt die „Wunderkammer“ geblendet – nicht klüger, aber sehr wach.

Side Feature

“A House of Dynamite” von Kathryn Bigelow ist kein Gute-Nacht-Film, wirklich nicht: Nach wenigen Minuten zieht die Spannung an und der Polit-Thriller fühlt sich so nervenaufreibend wie ein Horrorfilm. Ich hatte derartig unruhige Gefühle beim Betrachten eines thematisch ähnlich angelegten Films das letzte mal bei „The Day After”, das ist vierzig Jahre her.  

Bigelow gliedert die Handlung in drei Kapitel, welche dieselben 18 Minuten eines drohenden Atomschlags auf Chicago aus unterschiedlichen Perspektiven der US-Regierung durchspielen.

Die Inszenierung wirkt nüchtern und fast dokumentarisch, mit Fokus auf absurd-realistische Prozeduren und hektische Krisenkommunikation. Eine Auflösung zum Durchatmen bleibt aus, unterlegt von allgegenwärtig unheilvoller Musik: Bigelow verweigert dem Publikum bewusst ein klares Ende und verzichtet auf den großen Knall. Weder wird eindeutig gezeigt, ob Chicago zerstört wird, noch wer hinter dem Angriff steckt – diese Ungewissheit lastet auf dem Zuschauer bis zum Schluss – und darüberhinaus.  “A House of Dynamite” ist ein sehenswerter Film, aber nichts für nebenbei. Man sollte ihn so schauen, wie sich Nachrichten auch heutzuge am besten konsumieren lassen. Fokussiert, konzentriert, bloss nicht “doomscrolling” nebenbei.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es “unbewusst zu höchster Lust” in die Deutsche Oper Berlin, die Wagners tod-ersehende, selbstzerstörerische Liebesgeschichte zeigt: Tristan und Isolde. Wohin trägt es einen?

Ich werde berichten…

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