„Tristan und Isolde“, Deutsche Oper Berlin | Rosalía |
Weltflucht im Lampenladen
Double Feature 43/25
Ich beginne heute mit einem Wort, das gut in die Zeit passt und ausserdem sehr schön klingt: Weltflucht. Ich musste am letzten Wochenende zweimal an dieses Wort denken.
Was bedeutet es? Für mich ist es kein “der Welt abhanden kommen”, sondern eher ein “Trainingsraum für das Ertragen”. Ich brauche Orte, an denen es dunkel wird und der Alltags-Schall verklingt. Der letzte Samstag im Friedrichstadt-Palast war ein solcher Ort. Die neue, bombastisch glitzernde Show “Blinded by Delight” fährt alles auf, was es für eine perfekte Weltenflucht braucht: Kostüme, Licht, Riesenbühne, bestens gelaunte TänzerInnen. Sozusagen ein kontrollierter Kontrollverlust für zwei Stunden.
Von daher ist Eskapismus auch kein Verrat an der Wirklichkeit, im Gegenteil – es ist ihr Gegenentwurf auf Zeit, ein Test, ob etwas Anderes als die Realität doch möglich wäre.
Um viele Lampenlichter und eine wesentlich existentieller gemeinte Art der Weltflucht ging es dann einen Tag später in der Deutschen Oper Berlin. Richard Wagner lässt bitten…
Main Feature
Wagners “Tristan und Isolde” ist kein vordergründiges Handlungs-Stück über Intrigen, Liebe und Mord in Kornwall und Irland – es geht vielmehr um Bewusstseinszustände. Eine „Handlung in drei Aufzügen“ nannte Wagner zwar sein Werk – aber es ist konsequent vom Inneren der beiden Hauptfiguren her erzählt, sozusagen von Eros und Thanatos.
Harmonisch markiert der berühmte Tristanakkord – jene schwebende Konstellation aus übermäßiger Quarte, Sexte und None über dem Bass – die musikalische Zeitenwende: eine permanente Aufspannung, nicht im klassischen Dur oder Moll, ohne klassisches Auflösen, die den Weg in die musikalische Moderne öffnet. Wer’s nachlesen will: das Akkord-Mysterium ist vielfach dokumentiert worden.
Nietzsche hat Tristan – später mit Distanz, zunächst mit Faszination – als Paradefall des Dionysischen gelesen: die Verflüssigung der Grenzen, Rausch als Erkenntnisform; in seinem Ecce homo ist gar von der „Wollust der Hölle“ die Rede. Das Stück bleibt so auch philosophisch die Oper des Begehrens und der Nacht.
Michael Thalheimers Regiestil – vor allem im Theater, nicht in der Oper geschult – wird gern als Minimalismus etikettiert, treffender ist aber: radikale Verdichtung. Nicht leer, sondern streng fokussiert. Die Bühne für den langen Abend baut eine Wand aus Hunderten von Leuchten, die wie eine Atemkurve der Partitur dimmen, verlöschen, aufglühen: ein Lichtspiel über Tag und Nacht, in der Logik des Werks (Licht/Tag vs. Dunkel/Nacht) verankert und stimmig. Wie “Tristans Lampenladen” wirkt das Ganze vielleicht für diejenigen, die sich mehr Details und Requisite erhofft hatten. Jedoch ist es ästhetisch stark, wenn auch nicht revolutionär – Thalheimer prägt das deutschsprachige Theater seit gut 25 Jahren und ist selbst längst Kanon.
Und so gibt es Bilder statt Ausstattung: das Schicksals-Seil, das Isolde im Vorspiel über die Bühne zerrt und das Tristan im dritten Akt wieder aufnimmt; Schattenspiele wie bei Platons Höhlengleichnis, der Becher, der zerschellt; die Glasscherbe des Liebestranks, mit der sich das Paar (geträumt) die Adern ritzt – scharfes Zeichen für den Übergang in die unbewusste Nacht. Manches wirkt statuarisch; die Personenführung hält die Sänger zuweilen enger, als ihre Phrasen atmen möchten. Aber die Mittel sind schlüssig und aus der Partitur gedacht.
Genau diese Zurücknahme lenkt Ohr und Blick auf den Graben: Sir Donald Runnicles und das Orchester formen Linien, die in äußerstem Piano beginnen und die „unendliche Melodie“ tragen. Und so umschlingt einen bereits nach den ersten 15 Minuten das weltberühmte Tristan-Vorspiel und entfaltet seine emotional-manipulative Wirkung. Ein Kreis schließt sich: Mit Tristan begann Runnicles vor 16 Jahren seine Wagner-Premieren als GMD in Berlin – nun verabschiedet er sich damit.
Vokal trägt ein Quartett, das den Abend erdet: Clay Hilley (Tristan) mit tragfähiger, beweglicher Heldentenor-Attacke; Elisabeth Teige (Isolde) – ein jugendlich-dramatischer Sopran, der sich im Verlauf hörbar entfaltet; Irene Roberts (Brangäne) mit klangreichem Mezzo (ihre „Wachrufe“ aus dem Rang sitzen und verzaubern); und Georg Zeppenfeld (König Marke) als nobler, textdeutlicher Bass – eine Autorität in dieser Partie.
Der Abend strudelt zwar nicht, jedoch setzt er Klarheit statt Ekstase, Kontinuität statt Liebes-Kater. „Ertrinken, Versinken“ – hier eher beobachtet als überwältigt. Doch es bleibt dabei: Wagners “Tristan” ist ein Jahrhundertwerk, an der Bismarckstraße vor allem hörens- und auch sehenswert präsentiert.
Side Feature
Apropos große Oper: ROSALÍAs neues Album “Lux” bläst Pop in orchestrale Dimensionen: vier „Sätze“, London Symphony Orchestra, Chöre – eine spirituelle Dramaturgie irgendwo zwischen Fado-Schatten und Flamenco-Glut. Klanglich: viel Raum, Tremoli und tiefe Streicher, die ihre Stimme wie eine Kamera führen – nah am Atem, manchmal fern wie in einer Kathedrale. Das ist nicht nur Pose, das ist ernst gemeint.
„Berghain“, der Vorab-Track (der mit dem gleichnamigen Club nur atmosphärisch zu tun hat) mit Björk und Yves Tumor, ist Goth-Pop als Kurzoper: gedämpfter Puls, Chorflügel, ein Text, der Begehren, Angst und Selbstermächtigung ineinander schiebt. Das Video dazu lässt eine schwarz gekleidete Orchester-Phantomtruppe durch den Alltag gleiten – wie eine sichtbare Partitur, die ROSALÍA verfolgt. Ein starkes Bild für Musik als Schicksal.
Das alles ist monumental, riskant, hörenswert – und eine kluge Antwort darauf, wie Pop heute groß klingen kann, ohne leer zu werden.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es zur 100. Aufführung einer Barock-Oper. “Dido und Aeneas” wird von Sasha Waltz noch einmal auf die Bühne der Staatsoper Berlin gebracht. Ein sehenswertes Jubiläum?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
