„Dido und Aeneas“, Staatsoper Berlin | „The Hunting Wives“ | „All´s Fair“ |
Unterwasserbarock
Double Feature 44/25
Es gibt Kinoabende, die sich im besten Sinne und Popcorn-kilo- und Softdrink-liter-weise althergebracht anfühlen. In der letzten Woche gab es wieder einmal so einen: „Wicked For Good“, zweiter und wiederum ausreichend langer Teil der Musical-Verfilmung rund um Glinda und Elphaba, der in einer großen, epischen und tränenreichen Konklusion erzählt, wie Liebe und Freundschaft in Oz bedroht werden und sich schliesslich im Anderssein ergänzen. Das ist opulent, musikalisch pompös und eindeutig nicht pro-MAGA. Ich habe den Film mit vermutlich einem der größten Fans gesehen; zeitweise wusste ich nicht, ob ich auf die Leinwand schauen sollte oder auf ihn, der alle Songs auswendig mitsingen konnte. Vorher gab es von mir noch eine Portion Glinda-Zauberstaub, immerhin war es sein Geburtstagsgeschenk. Oz-tastisch!
Von dieser queeren Popcorn-Versöhnungsfantasie führt der Weg – wenn auch nicht ganz direkt – zu einem anderen Paar, dem kein Happy End vergönnt ist: Dido und Aeneas, deren Liebe von Pflicht, Politik und Götterregie zerrieben wird, ganz ohne süsses Limo-Wasser, aber dafür viel imWasser.
Main Feature
Seit über drei Jahrzehnten verfolgt die Choreografin Sasha Waltz ihre eigene, “Berliner” Dialektik von Körper und Raum. 1993 gründet sie mit Jochen Sandig “Sasha Waltz & Guests”, 1996 die Sophiensäle – ein Labor für Arbeiten wie „Travelogue“ und „Allee der Kosmonauten“, in denen Alltagsgesten und Beziehungsverwüstung zur Choreografie werden. Ab 2000 dann die eine Hälfte der Co-Leitung der Schaubühne: „Körper“, „S“, „noBody“ – eine teils überwältigende Trilogie, in der der menschliche Körper vermessen, seziert, mythologisiert und die Architektur des Gebäudes am Lehniner Platz zur zweiten Haut der Tänzer:innen wird.
Mit „Dido & Aeneas“ 2005 beginnt schließlich das Kapitel „choreographische Oper“, das sich später mit „Medea“ und „Matsukaze“ fortsetzt. In der letzten Woche war die 100. Vorstellung von “Dido” zu sehen.
Henry Purcells einzige vollständig durchkomponierte Oper, entstanden um 1689, erzählt auf knapp bemessenem Raum die Geschichte von Dido, Königin von Karthago, und dem trojanischen Flüchtling Aeneas: kurze Liebe, Hexenwerk, vermeintlich göttlicher Befehl zur Abreise, Tod.
Waltz und Carolin Emcke lesen diese Konstellation als „Liebe in Zeiten des Krieges“ – als Geschichte über Flucht, politischen Auftrag und das Zerquetschtwerden privater Gefühle zwischen Götter- und Staatsräson.
Anstatt Purcells Strenge einfach zu bebildern, bläht Waltz die Oper auf – im besten wie im problematischen Sinn. Im Prolog prangt auf der Bühne ein riesiges Wasserbecken, in das Tänzer:innen von einem hohen Gerüst springen, tauchen, treiben. Das ist zunächst sehr eindrucksvoll, auf Dauer dann aber ganz schön “wasser-wimmelig”.
Das Meer wird zum eigentlichen Protagonisten: Wie ein Bild für das prekäre In-der-Welt-Sein dieser Figuren. Am Ende des Abends, wenn die Musik verklungen ist, entzündet eine Tänzerin kleine Feuer auf der leeren Bühne – Wasser und Flamme als Rahmen einer Liebesgeschichte, eigentlich eine ganz einfache Setzung – dazwischen aber viele andere Ideen.
Herzstück des Abends ist die vollständige Entgrenzung der Funktionen. Jede Hauptfigur existiert doppelt: als Stimme und als Körper. Sänger:innen, zwölf Tänzer:innen, Vocalconsort Berlin und die Akademie für Alte Musik Berlin bilden eine gemeinsame Choreografie, in der Front und Chor, Solist:in und Masse permanent ineinanderfließen. Waltz will die Geschichte, wie sie im Gespräch mit Emcke sagt, nicht nur durch Stimmen erzählen, sondern über Bilder, Gesten, die eigene Sprache des Tanzes – ohne eindeutige Hierarchie der Mittel. In den Hexenszenen knäuelt sich ein wilder Körperhaufen, die höfische Gesellschaft formiert und zerfällt in elegant-chaotischen Tableaux; Momente, in denen Tanz, Gesang und Chor tatsächlich zu einem atmenden Organismus verschmelzen. Das funktioniert auch nach 20 Jahren noch sehr gut und fasziniert ästhetisch und dramaturgisch.
Aber: Genau diese Opulenz hat ihren Preis. Weil Dido und Aeneas auf mehrere Körper verteilt sind und sich fast nie allein auf der Bühne finden, bleibt ihr Verlieben eher atmosphärische Setzung als erfahrbares Ereignis; schon früh ist es schwierig, die Figuren überhaupt klar zu erkennen. Die großen Bankett- und Hofszenen, das parodistische Durchspielen höfischer Rituale, das Fliegen der Kostüme, die absurden Momente, in denen der Chor Dido und Aeneas mit abgelegter Garderobe behängt – all das wirkt heute wie ein sehr 2000er-Jahre-Karneval der Künste: reizvoll, aber als längerer Einschnitt in die Handlung aus der Zeit gefallen.
Musikalisch bleibt der Abend stark: Purcells dichtes Wechselspiel aus Rezitativen, ziselierten Arien, scharfen Tanzsätzen und Chören trägt die Bühne mit schlankem, federndem Barockklang; der Vocalconsort füllt den Raum mit klarer, körperlicher Polyphonie, und Didos Lamento steht immer noch wie ein einsamer Stein inmitten des choreografischen Strudels.
Zur 100. Vorstellung zeigt sich „Dido & Aeneas“ also als Arbeit, die Disziplinen damals auf eine Weise zusammengeführt hat, die heute viel selbstverständlicher wirkt. Nicht alles ist gleich gut gealtert, und man schaut inzwischen deutlicher auf die Referenzen und Vorbilder in Waltz’ Handschrift. Aber als lebendiges Archiv einer beeindruckenden Laufbahn – und als kraftvolle Studie über Liebe, Krieg und die Unbarmherzigkeit des Schicksals – behauptet sich dieser Abend immer noch erstaunlich selbstbewusst.
Side Feature
Zwei neue Streaming-Serien aus der Abteilung „abstoßend verführerisch“:
In “The Hunting Wives” verirrt sich eine Neuengländerin ins texanische Nirwana aus NRA-Parties , Pick-up-Trucks und perfekt geföhnten Trad Wives, die Schrotflinten und “Sapphic Sidekicks” gleichermaßen lieben – es endet blutig. Als Sozialstudie fragwürdig, als guilty pleasure erschreckend effizient, wie ein Auffahrunfall, von dem man den Blick nicht lösen kann. MAGA als Abblendlicht, sozusagen.
“All’s Fair” dagegen ist wie “Denver Clan” auf Speed: ein Scheidungsanwältinnen-Universum, in dem die Figuren eher Leuchtstifte als Menschen sind, die Dialoge und Kostüme so überdreht, dass Alexis Carrington plötzlich wie bürgerlicher Realismus wirkt. Mittendrin Kim Kardashian, die in diesem hysterisch obszön opulenten Überfluss aus Roben, Rooftops und Rich People Problems einfach stimmig ist – ehrlich gesagt weiß man gar nicht, warum alle so überrascht tun und ihre “schauspielerische Leistung” verreissen. Mit Schauspiel oder gar Feminismus hat das alles soviel zu tun wie ein Big Mac mit ayurvedischer Küche.
Also, Achtung bei der Dosierung: Wer gelegentlich bei McDonald’s einen Burger bestellt, versteht, warum auch diese Serien ihren Zweck erfüllen. Nur täglich zum Frühstück sollte man sie dann vielleicht doch nicht nehmen.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es in das sehenswerte Staatstheater Cottbus, wo der “Hauptmann von Köpenick” ein Gastspiel gibt. Trotz Schienenersatzverkehr, lohnt sich der Weg?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
