Raoul Hausmann, Berlinische Galerie | „Pluribus“, Apple TV |
Kopf aufsperren, endlich!
Double Feature 46/25
Berlin ist die schönste hässliche Stadt der Welt. Oder? Schon Jean Paul wusste: Berlin ist „mehr ein Weltteil als eine Stadt“, andere schimpften über „unfreundliche, ruppige und rechthaberische“ Berliner – und hatten doch „Mitleid mit allen Menschen, die nicht hier leben können“. Berlin-Bashing als Liebeserklärung: „Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin!“
Heute hängt am ICC das Banner: „Dauert noch ein bisschen – aber wird mega!” – ein Spruch, der schon fast dadaistisch ist.
Diese und andere Zitate verwendet der kleine und feine Abend „! Berlin, Berlin, Berlin !“ des Streich-Ensembles QuinText des Berliner KammerOrchesters, der sich der musikalischen und eigentlichen Geschichte der Stadt aus vielen Richtungen nähert: Mendelssohn, Pärt, Mozart, Spontini, Weber, Kaleko und viele andere – klug gemischt, souverän gespielt und gesprochen, mit vielen Musik- und Textminiaturen. Zwei Abende allein dürfen es für dieses Programm nicht gewesen sein…
Von dieser Mischung aus Großstadt-Ironie und musikalischer Hingabe ist der Weg nicht weit zu den etwas wilderen Klang- und Bildexperimenten der – oben bereits erwähnten – Dada-Stadt Berlin – und mitten hinein in Raoul Hausmanns Universum in der Berlinischen Galerie.
Main Feature
Raoul Hausmann, 1886 in Wien geboren, Sohn eines Hofmalers Wilhelms II., zieht als Teenager nach Berlin und landet ziemlich schnell im Auge des Sturms der Moderne. Erst Expressionist mit Brücke-Anschluss, dann Dada-Sprengmeister: Mit George Grosz, John Heartfield und anderen gründet er den Berliner Club Dada, elektrisiert vom Zürcher „Cabaret Voltaire“, wo Hugo Ball & Co. den Nonsens schon als Waffe gegen den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs entdeckt haben.
1915 trifft er Hannah Höch – es ist der Beginn einer siebenjährigen, hochtoxischen Liebes- und Arbeitsbeziehung, während er verheiratet bleibt und von ihr erwartete, sich bitte auch emotional und sexuell dem Dada-Programm der Schrankenlosigkeit zu unterwerfen. Gemeinsam entwickeln sie die Fotomontage als „Anti-Kunst“, doch der Ruhm bleibt lange am „Dadasophen“ hängen, nicht an der Partnerin.
Dass die sehenswerte Ausstellung “Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada” in der Berlinischen Galerie dem Kapitel „Mr. Ich und die Anderen“ einen eigenen Raum widmet und die Netzwerke, vor allem die Frauen um Hausmann, sichtbar macht, ist mehr als nur Fußnote: Es ist eine späte Korrektur der Dada-Männlichkeitsmythologie. Auf Hausmanns Visitenkarte stand: “Präsident der Sonne, des Mondes und der kleinen Erde (Innenfläche) (…)” – Understatement geht anders.
Die Retrospektive ist ansonsten streng chronologisch in sieben Kapitel gebaut: vom expressionistischen Frühwerk („Der Maler malt wie der Ochs brüllt“) über „Dada ist mehr als Dada“ mit Manifesten, Lautgedichten und Plakatgedichten, weiter zu „Eroberung all unserer Sinne“, wo der berühmte Holzkopf mit antennen-artigen Applikationen, das “Optophon” als utopischer Synästhesie-Apparat aufscheint. Dann ein großer Block Fotografie – Alltag, Strand, Haarschopf, Nacken, nie Pose, immer Wahrnehmungsübung – gefolgt von Neubeginn und Spätwerk im Exil – sowie dem Netzwerk-Raum am Ende.
Mich hat beeindruckt: „Der Kunstkritiker“ (1919/20), diese ikonische Collage eines buchstäblich zerschnittenen bürgerlichen Kopfes, hängt gleichsam als programmatische Eintrittskarte in die Dada-Jahre. „ABCD“ (1923/24) schichtet Typografie, Reklame und ein schreiendes Selbstporträt zu einem Strudel aus Sprache, Politik und Selbstinszenierung. Dazu kommt das berühmte Plakatfoto, auf dem Hausmann mit aufgerissenem Mund „Nieder die Kunst“ ruft; darüber der Satz: „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf! / Machen Sie ihn frei für die Forderungen der Zeit!“ – damals Begrüßung der Ersten Internationalen Dada-Messe, heute wie ein Kommentar zur eigenen Filterblase, Echokammer, wie wir es auch immer nennen wollen.

Die letzten Räume gehören dem Exil: 1933 flieht Hausmann als „entarteter“ Künstler über Paris und Ibiza, später über die Tschechoslowakei ins französische Limousin, wo er in Peyrat-le-Château und Limoges bleibt. Dort entstehen Fotogramme, Fotopiktogramme, neue Collagen und abstrakte Malereien – leise, tastend, und doch voller Beharren auf dem eigenen Erfinder-Gen. Die späten Arbeiten – mir weitestgehend unbekannt – kommen großenteils aus dem Château de Rochechouart, darunter Collagen, die er fast erblindet nur noch ertastet, bis zur nahezu weißen letzten Arbeit von 1970.
Natürlich kann man 2025 auf dieses selbstverliebte Dada-Männlichkeitsideal mit Skepsis und einiger Distanz blicken – ein Anti-Bürger, der gleichzeitig emotional oft sehr bürgerlich rücksichtslos war. Aber die Ausstellung schafft es, beides zu zeigen: den Liebesschuft und den radikalen Denker, der Kunst quasi als permanente Alarmanlage verstand. Seine Aufforderung „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf“ und das Vertrauen in einen politischen Aktionismus der Kunst wirken in einer Zeit, in der der Zynismus oft lauter ist als der Widerspruch, erstaunlich frisch. Schon deshalb: hingehen, Kopf auf, rausgehen – und sich auch ein bisschen ärgern lassen.
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Side Feature
Was, wenn ausgerechnet die unglücklichste Person der Welt die Menschheit vor einem Übermaß an Glück retten muss? In der Serie „Pluribus” von Vince Gilligan, der mit „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ das serielle Erzählen neu vermessen hat, stolpert Rhea Seehorn als misanthrope Autorin Carol Sturka durch eine Welt, in der fast alle von einem außerirdischen Virus in einen sanft lächelnden, wie ferngesteuerten Kollektivzustand versetzt wurden. Alle wahnsinnig freundlich, alle dauerzufrieden – und gerade deshalb zutiefst unheimlich. Der Titel „Pluribus“ (lateinisch für „viele“) spielt auf das US-Motto „E pluribus unum“ – „Aus vielen eines“ – an, das im Schriftband über dem Adler im Großen Siegel der Vereinigten Staaten und auf vielen Münzen und Geldscheinen prangt. In der Serie wird dieses Versprechen von Einheit ins Sci-Fi-Negative gekippt: aus vielen Individuen wird ein einziges, allwissendes Bewusstsein.
Gilligan erzählt das als hochpräzise und sehr ästhetisch inszenierte Mischung aus Sci-Fi, schwarzer Komödie und existentiellem Kammerspiel. Seehorn spielt Carol zwischen zynischer Schärfe und echter Verletzlichkeit, jede Augenbraue ein Kommentar zur „Good Vibes Only“-Diktatur. „Pluribus“ fragt, ob es wirklich nur zwei Modi gibt: hohl-harmonisch oder hysterisch-polarisiert. Oder ob dazwischen ein dritter Weg liegt: vernünftig, widersprüchlich, anstrengend menschlich. Spannend, oft sehr komisch, immer verstörend aktuell – eine Serie, die einen freundlich am Kragen packt und nicht so schnell wieder loslässt.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es in die Schaubühne Berlin, wo der grosse Theater-Dokumentarist Milo Rau eine neue Arbeit zeigt: “Die Seherin”. Sehenswert?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
