„Die Seherin“, Schaubühne Berlin | Diane Arbus, Gropius Bau |
Kassandra mit Kamera
Double Feature 47/25
Als legendäres West-Berliner Künstlerpaar verkörperten der Schauspieler Otto Sander (1941–2013) und die Schauspielerin Monika Hansen-Becker (1942–2025) eine Bohème, wie es sie heute kaum noch gibt. Über Jahrzehnte prägten diese außergewöhnlichen Persönlichkeiten Theater, Film und Kunst. Ihre Kinder Meret und Ben Becker folgen ihnen nach – auf ihre jeweils eigene Art. Nach Otto Sanders Tod 2013 ist im Juni dieses Jahres auch Monika Hansen verstorben; ihr gemeinsamer Nachlass wurde Anfang Dezember vom “Auktionshaus am Grunewald” versteigert.
Für mich repräsentieren die beiden auch jenes kreative Biotop, in dem ich meine ersten Theatererfahrungen machte und ästhetisch heranwuchs – bei aller späteren Emanzipation. Entsprechend war es mir ein großes emotionales Bedürfnis, an dieser Auktion teilzunehmen. Schließlich konnte ich ein besonderes Objekt ersteigern: Eduardo Arroyos Zeichnung „OTTO“(1993) – ein Porträt Otto Sanders, das nun in unserer Wohnung einen Ehrenplatz erhält.
Der Weg führt mich gedanklich zurück an Otto Sanders langjährige Wirkungsstätte – die Schaubühne am Lehniner Platz. Dort, unter Thomas Ostermeiers inzwischen seit 25 Jahren währender Intendanz, sah ich kürzlich ein Stück mit der stets sehenswerten Ursina Lardi: Milo Raus „Die Seherin“.
Main Feature
Susan Sontag fragt in „Das Leiden anderer betrachten“, was Bilder von Kriegen mit uns machen: schärfen sie unseren Blick – oder bedienen sie nur eine dunkle Lust am Grauen? Sie verfolgt die Geschichte der Kriegsfotografie vom Spanischen Bürgerkrieg bis Afghanistan und stellt die unbequeme Frage, ob der wiederholte Anblick von Leid Empathie fördert oder Abstumpfung erzeugt. Genau an diesem ethischen Nerv setzt Milo Rau an der Schaubühne Berlin mit „Die Seherin“ an.
Rau, der große Systematiker des dokumentarischen Theaters, arbeitet auch hier mit recherchierten Biografien, realen Zeugen und theatraler Verdichtung. Eine Kriegsfotografin – die wie immer souveräne Ursina Lardi – jagt Motive des Grauens durch die Krisengebiete der Welt, scheinbar immer einen Schritt schneller als das Leid – bis es sie selbst trifft. Eine Kriegs-Kassandra, der in Kairo während des arabischen Frühlings grobe Gewalt widerfährt.
Das Stück basiert auf Lebensgeschichten von Kriegsfotograf:innen, irakischen Bürger:innen und Raus eigenen Reisen, unter anderem nach Mossul, wo Rau dem Lehrer Azad Hassan begegnete, dem der IS zur Strafe eine Hand abtrennte.
Auf der Bühne: Sand, Autoreifen, Müll – eine Wüstenszenerie, die zugleich real und Bild ist. Darüber die Leinwand mit derselben Landschaft, später mit einem Flüchtlingslager und mit den Video-Auftritten Azad Hassans. Live-Spiel und Projektion verschränken sich permanent; die „Seherin“ spricht, während das reale Opfer aus dem Irak in die Berliner Gegenwart hineinsendet. Diese Doppelung macht das Unbehagen fast physisch: Wir schauen einer Schauspielerin beim Reflektieren über Bilder zu – und gleichzeitig einem Mann, der selbst quasi zum Bild wurde.
Lardi trägt den Abend. Ihr Sprachduktus ist präzise, fast kühl, und gerade deshalb so verstörend: Wenn sie ihre „besten“ Kriegsfotos aufruft, schwankt der Text zwischen professioneller Analyse, zynischem Marktbewusstsein und Momenten echter Verzweiflung. Man ist ihr nahe, wenn sie von Traumata und Einsamkeit erzählt – und abgestoßen, wenn der jagende Blick nach dem nächsten, noch „besseren“ Motiv durchscheint. Sie spielt eine Figur, die zugleich Täterin, Zeugin und Opfer ist, und hält das Publikum in dieser Ambivalenz fest.
Rau legt eine tragische, antike Schicht darüber: Die Kriegsfotografin driftet in die Figur der Kassandra, die unheilvolle Wahrsagerin, der niemand glauben will. Azad Hassan erscheint als moderner Philoktet, der verwundete und ausgesetzte Held des Trojanischen Kriegs.
Dazu kommt eine süffisante Meta-Ebene, wenn von „mittelmäßigen Regisseuren“ die Rede ist, die ihre Stoffe in der „Dritten Welt“ ansiedeln, um Fördergelder abzugreifen – ein Hieb mitten ins eigene Milieu.
„Die Seherin“ ist eine komplexe, ergreifende Arbeit, die Susan Sontags Fragen ins Heute übersetzt: intensiv, beunruhigend, lange nachwirkend. Ich war beeindruckt und überladen – wie so oft bei Milo Rau – diesem vielleicht rechtmäßigen Erben und Weiterentwickler des dokumentarischen Theaters, auch wenn ich seine politischen Zuspitzungen nicht immer teile.
Side Feature
Diane Arbus, 1923 in New York geboren, begann als Modefotografin im Studio mit ihrem Mann Allan, bevor sie in den 50ern mit der Rolleiflex auf die Straße ging: Zirkusleute, Drag Queens, Paare, Kinder, Körper jenseits gängiger Schönheitsnormen. Aus diesem Werk zeigt der Gropius Bau mit „Konstellationen“ nun 454 Fotografien – die bislang umfassendste Arbus-Schau, viele Abzüge sind erstmals zu sehen.
Die Bilder hängen nicht brav an weißen Wänden, sondern auf filigranen schwarzen Sprossenwänden, die die hohen Räume in ein begehbares Labyrinth verwandeln. Man irrt, stolpert, entdeckt die ikonischen Zwillinge neben unscheinbaren Passanten, findet eigene Fäden statt einer vorgegebenen Chronologie. Der Blick von Arbus bleibt dabei widersprüchlich: zart und schonungslos, neugierig und voyeuristisch zugleich – eine Einladung, das eigene Urteil ständig neu zu justieren.
Eine Ausstellung, die Arbus’ Werk wirklich als Konstellation erfahrbar macht – und die man in Berlin nicht verpassen sollte.
Next Feature
Im nächsten Double Feature widme ich mich meinem Lieblings-Dichter: Rilke feiert im Dezember seinen 150. Geburtstag. Eine neues Buch und eine Dokumentation widmen sich seinem Schaffen und Leben. Erfolgreich?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
