„Rilke“ von Rüdiger Schaper | „Rilke – Du musst dein Leben ändern“, arte |
Rilkes Ringe
Double Feature 48/25
Krippe, Kerzen, Konsens. Zwischen Krisenmeldungen und Geschenkpapier suche ich nach einem Text, der zur kommenden Weihnachtszeit passt, ohne naiv zu werden. Rilkes „Es gibt so wunderweiße Nächte“, in denen „alle Dinge Silber sind“ und ein „kapellenloser Glaube“ in die Herzen steigt, erzählt von einer Spiritualität ohne Kulisse, ohne großen Auftritt. Gerade deshalb passt dieses kurze Gedicht für mich so gut in unsere Gegenwart: Es verspricht einen Moment der Klarheit im Winterlicht, ob mit oder ohne Schnee, mit oder ohne Kirche – eine kleine Atempause, in der klarer wird, wofür sich das “Sich Rühren” lohnt. Überhaupt: Rilke…
Main Feature
Zum 150. Geburtstag ist Rilke plötzlich wieder überall: in Feuilletons, Podcasts, Lady Gaga-Tattoos, bei K-Pop-Idolen – und nun in einer glänzenden Biografie von Rüdiger Schaper, sowie in Thomas von Steinaeckers Arte-Doku „Rilke – Du musst Dein Leben ändern“.
Beide leisten das Gleiche auf unterschiedlichen Wegen: Sie holen den Jahrhundertdichter aus der Vitrine, zeigen ihn als Avantgardisten, Suchenden, als jemanden, der sich kompromisslos in die Umbrüche seiner Zeit wirft – zwischen Kunst, Tanz, Sprache und Moderne.
Schaper zeichnet Rilkes Weg von Prag über Russland und Paris bis nach Duino und ins Wallis nach, immer entlang der entscheidenden Allianzen: die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé, Rodin, die Mäzeninnen, die Schlösser, in denen geschrieben, gelitten, geflirtet wurde. Die Doku folgt dieser Spur als europäisches Roadmovie, stellt Handschriften, Landschaften und Stimmen nebeneinander und erinnert daran, dass hinter der makellosen Schrift ein manisch-depressiver Suchender steht, der über ein Jahrzehnt um die Vollendung seiner „Duineser Elegien“ kämpft und sie schließlich im Schweizer Wallis und auf Schloss Muzot in einem späten Schaffensrausch mit den „Sonetten an Orpheus“ krönt.
Rilkes Werk legt dabei Fährten bis tief in unsere Gegenwart. Da ist der große Katzenkörper im Jardin des Plantes, dessen Blick „vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden“ ist – „Der Panther“ als Gedicht über Gefangenschaft, das auch unsere inneren Käfige beschreibt.
Da ist der „Archaische Torso Apollos“, der am Ende in einem schlichten Imperativ explodiert: „Du musst dein Leben ändern“ – ein Satz, der vom Gedicht aus in die Philosophie weitergewandert ist.
Und da ist der Auftakt der ersten Duineser Elegie, dieser berühmte Aufschrei: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ – eine Frage in eine metaphysisch überfüllte und zugleich erfahrungsgesättigt leere Welt.
Am persönlichsten ist mir immer das kleine Gedicht „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn“ gewesen. Ich habe es zur Feier meines fünfzigsten Geburtstag gewählt, als leises Programm: dass es vielleicht nie „fertig“ wird mit diesem Leben, dass aber im Kreisen um etwas – Kunst, den Partner, andere Menschen – ein Sinn entstehen kann, der mit Effizienz wenig zu tun hat.
Schapers Buch und Steinaeckers Film sind in ihrer je eigenen Form sehr geglückte Annäherungen: Sie zeigen Rilke als radikalen Erneuerer der Moderne und zugleich als jemanden, der auch noch für heutige Leserinnen und Leser fast kompromisslos an die Transformationskraft von Kunst glaubt.
Vielleicht rührt er mich deswegen noch immer so an: weil einen seine Sätze nicht in Ruhe lassen, weil sie einem eine andere Haltung zum eigenen Leben zumuten.
Side Feature
“Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.”
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
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Double Feature wünscht frohe und friedliche Festtage im Kreise der Menschen, die euch wichtig sind. In der nächsten und letzten Ausgabe dieses Jahres folgt der teilweise bereits mit Spannung erwartete Jahresabschluss: Meine persönliche Best-Of Liste 2025. Es geht um Flugtiere, das tanzende Alter, gefallene Engel, ostdeutsche Geister, tröstende Tasten und darum, das alles besser wird…
Ich werde berichten…
with cultural regards,
