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„Kasimir und Karoline“, Theater Basel | „Johan Johannsson: Piano Works“, Alice Sara Ott | 

Abgebaut am Rhein 

Double Feature 10/26

Im Vorfrühling, wenn das Licht schon heller wird, die Luft aber noch kühl genug bleibt, um einen klaren Gedanken zu fassen, aber auch um sich ordentlich zu erkälten, liest man besonders gern Texte, die Kunst einmal nicht nur als Distinktionsgewinn, sondern als Lebenshilfe ernst nehmen. Ein aktueller ZEIT-Artikel versammelt genau das: Forschungen der Epidemiologin Daisy Fancourt, die darauf hindeuten, dass regelmäßige Begegnungen mit Kunst Depressionen mindern, die Lebenszufriedenheit erhöhen, geistig fit halten und womöglich sogar das Leben verlängern. In manchen Ländern gibt es Museumsbesuche deshalb inzwischen fast auf Rezept. Her damit! 

Nun gut: Der Artikel mahnt bei abstrakter Kunst zu etwas Vorsicht. Ich halte es trotzdem weiterhin mit ihr. Gerade das Nicht-Eindeutige, das Offene, das nicht sofort in Sprache aufgeht, bringt mir oft eine eigentümliche Klarheit. Vielleicht keine Heilung, aber doch Ordnung.

Nun nach Basel: der Rhein, der dort so selbstverständlich, so pittoresk und zugleich so kraftvoll durch die Stadt fließt, ist selbst schon fast eine Art großes, tröstendes Bild. Man schaut hinein und geht ein wenig entschlossener weiter.

Main Feature

Wenn man vom Bahnhof in Basel den kurzen Weg zum Theater läuft, sind rechts und links des Wegs noch verklebte Reste des Konfettis zu sehen, das hier vor einigen Wochen zur Basler Fasnacht geworfen wurde. Die “drei scheenste Dääg” sind vorbei und die Wiesn in München noch in sicherer Ferne. Dort aber, auf dem Oktoberfest, spielt das Stück von Ödon von Horvath, das hier heute Abend gespielt wird.

Und schon bevor jemand „O’zapft is“ sagen kann, sitzt man am Theater Basel in einem extraterrestrischen Bühnenbild-Gefährt: links und rechts Neonröhren, dazwischen eine dunkle, quadratische Kapsel – Zeppelinhülle, Raumschiff, Endzeit-Box. Und in dieser Kälte beginnt Horváth wieder einmal, erschreckend leicht, in unsere Gegenwart zu sprechen: Arbeitslosigkeit als Beziehungszustand, Liebe als ökonomische Variable, Scham als gesellschaftliches Schmiermittel. Dass der Saal an diesem Abend nur halb gefüllt wirkt, ist fast eine zusätzliche Pointe – als bräuchte dieses Stück heute wieder ein bisschen Mut, um wirklich gehört zu werden.

Ödön von Horváth, 1901 im vielsprachigen Österreich-Ungarn geboren, war der erfolgreiche Chronist jener Zwischenzone, in der das Private bereits hochpolitisch wurde. Er schrieb gegen die Verrohung an, ohne je zu predigen; und starb 1938 in Paris durch eine absurde Laune der Physik: ein herabstürzender Ast auf den Champs-Élysées.

Basel spielt – sehr klug – nicht nur “Kasimir und Karoline”, sondern verschränkt es mit “Glaube Liebe Hoffnung”: Horváth selbst hatte diese Stücke gedanklich eng zusammengeführt, Elisabeth hiess in frühen Skizzen sogar zuerst Karoline. Kasimir ist am Morgen „abgebaut“ worden, Karoline will sich trotzdem auf dem Oktoberfest amüsieren; Horváths berühmter Blick nach oben und unten kommt gleich als Klammer, wenn der Zeppelin über allem schwebt: „Da fliegen droben zwanzig Wirtschaftskapitäne und herunten verhungern derweil einige Millionen“. Elisabeth wiederum stammt aus einem realen Rechtsfall, den Horváth zusammen mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl bearbeitete – und sie betritt bei Regisseurin Karin Henkel den Abend wie eine zweite, noch härtere Wahrheitsschicht.

Was Horváth so modern macht, ist seine „Sprachlosigkeit“ aus lauter perfekt konstruierter Sprache: Floskeln, Sprüchli, Bildungsjargon als Tarnkappe für Angst. Wenn die Verhältnisse kippen, kippt die Moral gleich mit – und plötzlich sagt ein Mann, fast wie eine Selbstverständlichkeit: „Ich schätze eine Frau höher ein, die von mir abhängt, als wie umgekehrt.“ Man möchte 2026 dabei regelrecht den Mund aufmachen, aber sind wir wirklich bereits 100 Jahre weiter als diese Phrase?

Karin Henkel bleibt dabei ganz Henkel: ein streng gebauter Abend, fast außerirdisch gerahmt (Halbmasken, kaltes Licht), aber in den Szenen selbst den Spielenden verpflichtet, präzise, grotesk und ausgestellt geführt bis in die kleinste Aussprache. Gala Othero Winter gibt eine phantastische Elisabeth, die nicht um Mitleid bittet, sondern es wie einen Kredit verhandelt; Marie Löcker stemmt Karoline trotzig gegen den Sog. Jörg Pohl und Sven Schelker zeigen überzeugende Varianten des Horvathschen Männertums. Und Gast Martin Wuttke, furios wie immer (man kennt den Sound) – hier als Leichenpräparator und Unruheherd genau richtig, weil diese Welt ja auch eine Jahrmarktsnummer aus Elend ist: „Das Elend der Elisabeth“ als Attraktion, und wir schauen zu – nicht unschuldig.

Irgendwann singt jemand „Ich habe genug“, in Anlehnung an Bach – ich auch, denkt man kurz, und bleibt dann doch sitzen, weil Horváths Text an diesem Abend eine packende, sehenswerte und gegenwärtige Beglaubigung bekommt. Und am Ende steht dieser schlichte Wunsch: mit Kopf und Herz durch den verworrenen Horváth-Wald unserer Gegenwart zu kommen – und den eigenen Weg darin zu finden.

Karoline sagt am Ende des Stücks einen Satz für die Jahrzehnte:

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich –
aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln
und das Leben geht weiter,
als wär man nie dabei gewesen“

Side Feature

Es gibt Alben, die nicht einfach gespielt, sondern behutsam freigelegt werden. “Jóhann Jóhannsson: Piano Works” mit und von der Pianistin Alice Sara Ott ist so eines. Der 1969 in Reykjavík geborene, 2018 zu früh verstorbene Jóhannsson war einer der prägenden Komponisten zwischen Minimal Music, Elektronik und Film – bekannt durch Werke wie Englabörn und Orphée ebenso wie durch seine Musik zu The Theory of Everything und Sicario. Sein Werk ist ohne das von Philipp Glass nicht denkbar, führt aber die Ideen weiter und in die Gegenwart.

Aus den oft von Elektronik, Streicherflächen oder filmischer Weite getragenen Originalen werden hier konzentrierte Klavierminiaturen, die nichts illustrieren müssen und gerade dadurch umso unmittelbarer wirken. Ott nähert sich dieser Musik nicht als Virtuosin im üblichen Sinn, sondern als kluge, hoch sensible Übersetzerin: Sie reduziert, atmet, lässt Töne stehen, vertraut der Melancholie und dem Raum. Das ist keine gefällige Veredelung, sondern eine ernsthafte, sehr fein austarierte Neu-Begegnung. Die 30 Stücke sind als “Reimaginings” angelegt – und genau darin liegt die stille Größe dieses Albums. Ein weiterer Hit im Ott-Universum, hörenswert.

Next Feature

Im nächsten Double Feature wird ordentlich abgetanzt und auch ein Fest der Liebe und Triebe gefeiert: das Schauspielhaus Zürich zeigt Shakespeares “Sommernachtstraum”. Zum Verlieben?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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