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„In the Brain“, Theater Gessnerallee | „Sommernachtstraum“, Schauspielhaus Zürich | „Ein Nobody gegen Putin“, arte | 

Der Wald vor lauter Bäumen

Double Feature 11/26

Die wunderbare Villa von C. G. Jung in Küsnacht am Zürichsee ist einer jener Orte, an denen man sofort das Gefühl hat, dass Denken hier nie bloß Theorie war, sondern Lebensform, Beobachtung, tägliche Praxis. Der Blick auf den See, die Ruhe, die eigentümliche Mischung aus Bürgerlichkeit und geistiger Offenheit: All das passt zu einem Denker, der den Menschen nie als souveränes Vernunftwesen verstand, sondern als von Bildern, Mythen, Archetypen und verborgenen Kräften durchzogen.

Jungs Gedanke vom kollektiven Unbewussten ist ja bis heute so anziehend, weil er etwas Tröstliches und etwas Beunruhigendes zugleich hat. Tröstlich, weil wir mit unseren Ängsten, Sehnsüchten, Obsessionen und inneren Abgründen offenbar nie ganz allein sind. Beunruhigend, weil unter der geordneten Oberfläche des modernen Lebens eben nicht nur Individualität arbeitet, sondern ein gemeinsamer, uralter Bilderspeicher: Nacht, Wald, Begehren, Verirrung, Rausch, Gewalt, Verwandlung. Vielleicht kehren wir auch deshalb immer wieder so fasziniert zu solchen Stoffen und Zuständen zurück, weil in ihnen etwas aufscheint, das älter ist als jede Mode und stärker als jede gute Absicht.

An genau diesen unsicheren, dunklen und kollektiv aufgeladenen Zonen berühren sich nun auch Hofesh Shechters Choreographie „In the Brain“ und der „Sommernachtstraum“ in Zürich, nicht am See, nicht im Wald, sondern im Theater.

Main Feature

Nacht, Kontrollverlust, kollektive Ekstase, das Kippen von Ordnung in etwas Triebhafteres, Dunkleres, Freieres: Viel trennte diese beiden Zürcher Abende nicht. Hofesh Shechters „In the Brain“ im Theater Gessnerallee und Pınar Karabuluts „Ein Sommernachtstraum“ am Schauspielhaus Zürich kreisen beide um Zustände, in denen der Mensch nicht mehr ganz in Kontrolle seiner selbst ist. Um Gruppen, die einen tragen oder verschlingen. Um jene Momente, in denen das Denken aussetzt und der Körper übernimmt. Nur: Während Shechter daraus einen konzentrierten, elektrisierenden Abend von großer Klarheit formt, verliert sich der Zürcher Shakespeare trotz aller Verausgabung im eigenen Dickicht.

Bei „In the Brain“ gelingt etwas, das im zeitgenössischen Tanz gar nicht so häufig ist: ein unmittelbarer Zugriff, ohne jede Banalisierung. Die acht Tänzerinnen und Tänzer der jüngeren Kompanie Shechter II nehmen Energie, Rhythmus und soziale Dynamik der Clubkultur auf, ergänzen traditionelle Formen des Volkstanzes und übersetzen sie in eine Choreografie, die nie einfach nur cool sein will. Hier wird nicht Party illustriert, sondern ein Zustand. Gruppendruck, Ausbruch, Nähe, Aufladung, Erschöpfung – all das pulsiert mit einem hervorragenden Soundtrack durch den perfekt beleuchteten Raum, und man spürt schnell, dass der Titel ernst gemeint ist: Das Gehirn ist hier kein Ort des kontrollierten Denkens, sondern selbst ein vibrierender Resonanzraum. Wie diese junge Company das stemmt, mit welcher Präzision, Selbstverständlichkeit und Intensität, ist beeindruckend und begeisternd.

Der „Sommernachtstraum“ am Schauspielhaus Zürich verfolgt durchaus eine ähnliche Fährte. Auch hier wird Shakespeare nicht als luftige Elfenkomödie gelesen, sondern als fiebrige Zone von Macht, Erotik, Verirrung und Zumutung. Der Wald ist kein romantischer Fluchtort, sondern ein Bedrohungsraum, ein Albtraum mit viel Nebel, Druck und Unruhe. Das ist als Zugriff plausibel und in vielem auch reizvoll. Regisseurin Pinar Karabulut hat Tempo, Sinn für Überzeichnung, Lust am Exzess und in der Theorie wohl auch ein feines Gespür für die dunkleren Unterströmungen dieses Stücks.

Und doch bleibt der Abend seltsam unentschieden. Es fehlt nicht an Aufwand, nicht an Bildern, nicht an Energie, nicht an Spielwillen. Aber all das fügt sich zu keiner wirklich überzeugenden inneren Bewegung. Zu vieles wird angerissen, aufgeladen, behauptet, ohne dass daraus eine stringente dramaturgische Setzung entstünde. Die verwirrten und verworrenen Geliebten, die knallchargige Handwerkertruppe, die Waldkreaturen: alles verschwimmt ineinander, alles ist unter Hochdruck, expressiv und exaltiert. Und gerade deshalb bleibt der Abend an der Oberfläche, obwohl er unentwegt Tiefe signalisiert. Da hilft auch eine formstarke, offensichtlich von Pina Bausch inspirierte “Zettels Traum”-Tanzeinlage der Handwerkertruppe ganz zum Schluss nicht mehr, ebensowenig der Umstand, dass zum Schluss endlich der wunderbaren Übersetzung und dem Klang des Texts von Jürgen Gosch vertraut wird.
Man sieht das Wollen, das Können, die Verausgabung – aber keine entschiedene Form oder wirkliches Interesse, sich in die Tiefe des Shakespearschen und auch Jungschen Unbewusst-Walds zu begeben.

Vielleicht liegt genau dort der Unterschied: Shechter findet für Rausch eine Struktur. Karabuluts „Sommernachtstraum“ findet viele starke Ansätze, aber keinen zwingenden Sog. Oder anders: Im einen Abend denkt der Körper. Im anderen steht man im Wald und sieht vor lauter Bäumen das Stück nicht mehr. Der Besuch einer legendären Zürcher Tingeltangel-Bar nach der Premiere konnte wenigstens etwas Orientierung im nächtlichen Daseinsgestrüpp zurückbringen. 

Side Feature

“Ein Nobody gegen Putin” ist ein Dokumentarfilm, der seine Wucht gerade aus der Nüchternheit bezieht. Im Zentrum steht Pawel „Pascha“ Talankin, Lehrer und Videograf an einer Schule in Karabasch im Ural. Als nach dem russischen Angriff auf die Ukraine patriotische Unterrichtsprogramme, Fahnenappelle und militärische Rituale den Schulalltag durchdringen, filmt er zunächst im Auftrag des Systems – und beginnt dann, genau dieses System zu dokumentieren und zu entlarven. Über zwei Jahre entsteht so ein Film, der seltene Einblicke in den Alltag der russischen Propagandamaschine gibt, nicht abstrakt, sondern in Klassenzimmern, Fluren und Gesichtern.

So sehenswert ist dieser Film, weil er nicht auf Zuspitzung angewiesen ist. Seine Machart ist direkt, klug und sehr präzise: Talankins eigenes Material, seine Kommentare und die beobachtende Kamera fügen sich zu einer intimen Chronik darüber, wie Ideologie als Routine in einen Alltag einsickert. Das ist beklemmend, manchmal fast absurd, mitunter sogar von trockenem Humor durchzogen – und gerade deshalb so wirkungsvoll: Es ist zugleich humorvoll und niederschmetternd. Dass “Mr. Nobody Against Putin” nun bei den 98. Oscars als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, ist nur folgerichtig.

Talankin ist heute 34 und lebt nach seiner Flucht aus Russland im Exil in Tschechien. Öffentlichen Interviews zufolge wirkt er gefasst, beschreibt sein Leben aber auch als tief entwurzelt und unwirklich.

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