„La Grazia“ von Paolo Sorrentino | „Nurejew“, Staatsballett Berlin |
Schönheit des Zweifels
Double Feature 14/26
Neulich habe ich Janoschs „Die Fiedelgrille und der Maulwurf“ wiederentdeckt – jenes kleine Buch, in dem einer musiziert, statt Vorräte anzulegen, und ein anderer, blind, aber nicht blindherzig, die Tür öffnet. Ja, ich bin ein Janosch-Fan, nennen wir es kindliche Prägung. Es ist eine dieser Geschichten, die beim Wiederlesen größer werden: über Güte ohne Pathos, über das Teilen, über die stille Würde derer, die nicht zuerst nach Nutzen fragen. Aus der Zweckgemeinschaft wird, wie es im Buch so schön heißt, „die schönste Zeit ihres Lebens“.

Janosch ist gerade 95 geworden und ließ zu diesem Anlass, ganz janoschhaft spröde, ausrichten, er wolle vor allem „seine Ruhe haben“. Das passt zu einem Werk, das immer wusste, dass das Leben nicht nur schön, sondern „unheimlich und schön“ ist – und dass Trost oft von schrägen, zarten Rändern her kommt.
Nehmen wir dies als Brücke zu Paolo Sorrentinos „La Grazia“: auch dort geht es, bei aller Größe der Bilder und allem Staatszeremoniell, um Gnade, um Würde und um die Frage, wem unsere Tage eigentlich gehören.
Main Feature
Paolo Sorrentino, in Neapel geboren, hat sich vom präzisen Stilisten der frühen Filme zu einem Regisseur entwickelt, dessen Name längst für ein ganz eigenes italienisches Kino steht: hedonistisch, melancholisch, barock, immer ein wenig verliebt in Macht, Müdigkeit und Maskerade. Der internationale Durchbruch kam mit La grande bellezza, 2014 mit dem Oscar ausgezeichnet. In diesem Film ließ Sorrentino Rom noch einmal so auftreten, als sei die Stadt selbst eine alternde Diva: überwältigend, eitel, erschöpft und trotzdem unwiderstehlich. Toni Servillo war darin als Jep Gambardella phantastisch; schon die legendäre Dachparty, wild, lächerlich, traurig, ein Tanz am Rand des Kolosseums, war ein Manifest. Danach kamen Youth, schön, umstritten, oft als überästhetisiert kritisiert, The Young Pope, Loro, The Hand of God, zuletzt Parthenope. Kaum jemand filmt Neapel so wie Sorrentino: nicht naturalistisch, sondern als Erinnerung, Mythos, Salz und Wunde.
Dass er als Erbe Fellinis gilt, ist inzwischen nur noch halb Vergleich, halb Tatsache. Wie Fellini liebt Sorrentino Prozessionen, Übertreibungen, die süße Lächerlichkeit der Eliten und das plötzliche Hereinbrechen des Wunderlichen in den Alltag. Aber er ist kühler, strenger, architektonischer; seine Bilder wollen nicht nur taumeln, sie wollen ordnen.
Zugleich begleitet ihn seit langem die Kritik an einem Machismo, der Frauen zuweilen als Projektionen, Körper, Erscheinungen behandelt, lüstern bestaunt oder ornamental verkleinert. Gerade Youth steht exemplarisch dafür. Man kann das als Traditionslinie des italienischen Kinos lesen – und dennoch nicht einfach so entschuldigen.
“La Grazia” ist nun erstaunlich konzentriert. Sorrentino erzählt von Mariano De Santis, dem fiktiven Präsidenten der italienischen Republik, einem Witwer, Juristen, Katholiken, gespielt wiederum von Toni Servillo mit einer Zurücknahme, die fast noch eindrucksvoller ist als seine großen Auftritte früherer Jahre. Dieser Präsident ist eine Fantasiefigur, ausdrücklich kein Abbild realer Amtsinhaber, eher ein Ideal dessen, was Politik sein könnte und was dieser Tage so weit entfernt wie selten scheint: würdevoll, gewissenhaft, von Zweifel nicht geschwächt, sondern geadelt. Vor ihm liegen Gnadengesuche, ein Sterbehilfe-Gesetz, die Erinnerung an die Untreue seiner verstorbenen Frau, und die Frage, ob Gewissen überhaupt jemals rechtzeitig entscheidet.
Wie Sorrentino das zeigt, ist von großer Schönheit: der portugiesische Staatspräsident im Sturm auf rotem Teppich; der Astronaut, dessen Träne in der Schwerelosigkeit davontreibt; die stillen Korridore der Macht; Musik, die zwischen Trauermotiv und überraschendem Beat (eine Tanzperformance wird zum heimlichen Energiezentrum des Films) kippt. Die Dialoge sind reduziert und genau.
Einmal heißt es: „La grazia è la bellezza del dubbio.“, die Schönheit des Zweifels. Und tatsächlich lotet dieser Film das ganze Wort aus: Gnade, Begnadigung, Anmut, Würde.
Noch schöner ist die Frage der Tochter: „Di chi sono i nostri giorni?“ Wem gehören unsere Tage? Einem höheren Wesen – oder uns? Der Film gibt seine Antwort, aber nicht belehrend, sondern mit jener stillen Autorität, die nur große Filme haben. Neben La grande bellezza ist “La Grazia” ein Meisterwerk: absolut sehenswert, ein weiterer, reifer Baustein in Sorrentinos italienischem Universum, auf das selbst Fellini wohl milde, vielleicht sogar gnädig blicken würde.
Side Feature
Rudolf Nurejew, 1938 geboren, war jener seltene Fall eines Tänzers, der nicht nur Rollen verkörperte, sondern das männliche Ballettbild selbst neu schrieb: Kirow-Schule, Flucht 1961 in Paris, dann Royal Ballet, Margot Fonteyn, Weltruhm, Exzess, Krankheit, Tod 1993 an den Folgen von Aids. Aus einem Künstlerleben zwischen Disziplin, Größenrausch und Selbstgefährdung wurde früh Legende.
Dass das Staatsballett Berlin nun Kirill Serebrennikows und Yuri Possokhovs opulentes “Nurejew” zeigt, ist ein Coup: 2017 am Bolschoi uraufgeführt, im Klima der 2022 verschärften russischen LGBTQ-Gesetze erst verdrängt und 2023 ganz aus dem Repertoire genommen, kommt dieses große Biopic nun erstmals außerhalb Russlands auf die Bühne.
Der Kunstgriff der Auktion von Nurejews Nachlass trägt den Abend klug: Besitzstücke, Erinnerungsstücke, Lebenssplitter. Ausbildung, Flucht, Partner und Partnerinnen, Narzissmus und Verfall ziehen vorbei, immer wieder gestützt von einem eindrucksvollen Libretto und einem überreichen Formenkanon des klassischen Balletts, vom Corps des Staatsballets in Bestform gezeigt.
Aber gerade dort, wo Serebrennikow das Moderne und Provokante setzt und wohl den dünnst gespannten Bogen in Russland überspannte – Drag Queens, Lederkerle, nackte Photoshootings –, wirkt der Abend im Berlin von 2026 überraschend museal und sogar etwas bieder, eher tanzhistorisch als wirklich gegenwärtig.
Solotänzer Soares tanzt das alles handwerklich bewundernswert, aber nicht mit einer gefährlichen Unbedingtheit, die Nurejew ausmachte. Sehenswert ist diese Produktion aber unbedingt – nur eher als elegante Promenade durchs Ballettmuseum denn als Sturz in die Abgründe eines Jahrhundert-Tänzers.
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