„Irgendetwas ist passiert“, Volksbühne Berlin | „Neue Frau, neues Sehen“, Museum für Fotografie Berlin |
Mach’s gut, René
Double Feature 17/26
Abschiednehmen ist ein merkwürdiges Wort, weil es so aktiv klingt. Als könne man den Abschied eigenständig nehmen. In Wahrheit nimmt der Abschied meistens uns. Manchmal leise, nach einem langen Leben, das sich rundet. Manchmal abrupt, viel zu früh, als hätte jemand mitten in einem lauten Satz plötzlich das Licht ausgeschaltet. Zwei Todesfälle in der Familie und einer in entfernter Bekanntschaft haben mich in den letzten Wochen daran erinnert, wie stets und allgegenwärtig man dieses Wort in seinem Wortschatz führen sollte.
Vielleicht hilft dabei weniger Trost als Aufmerksamkeit. Für die, die gehen, klar. Aber auch für die, die bleiben. Ringelnatz schrieb: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ Das ist keine düstere Pointe, eher eine kleine Einladung: nicht alles später zu machen. Sondern immer genau hinzusehen. Hier und Jetzt.
Als ich den absolut sehenswerten Film “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” sah, da schien es mir, dass die wunderbare Senta Berger in ihrer Rolle als gleichzeitig spleenige, aber auch tief empfindende Grossmutter gleichzeitig von ihrem 2024 verstorbenen Ehemann Michael Verhoeven Abschied nahm. Es gibt in diesem Film zwei Szenen mit ihr, die einem bei so viel Wahrhaftigkeit schier die Luft abschneiden.
Der Autor und Regisseur René Pollesch nahm auch seinen Abschied, zu früh, 2024 starb er überraschend – sein langjähriger Freundschaftsmitspieler führt nun seine Ideen an der Volksbühne in Berlin weiter.
Main Feature
Fünfzehn Minuten vor Vorstellungsbeginn fährt auf dem Mitarbeiterparkplatz der Volksbühne ein blauer Jaguar mit Potsdamer Kennzeichen vor. Die Fahrertür öffnet sich, Fabian Hinrichs steigt aus, Solostar des Abends, ohne größere Eile, mit jener schlaksigen Zerstreutheit, die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Drinnen wartet die Große Bühne, draußen der Rosa-Luxemburg-Platz, und irgendwo dazwischen steht das Gespenst René Pollesch.
Hinrichs und Pollesch verband lange mehr als nur eine Arbeitsbeziehung. Es war eine jener Theaterfreundschaften, in denen Sprache nicht gesprochen, sondern wie eine überhitzte Maschine gefahren wurde.
„Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“, „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“, später sogar im Friedrichstadtpalast „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“, dann wieder in der Volksbühne „Geht es Dir gut?“ und schließlich „ja nichts ist ok“: immer wieder jagten sie Alltag, Theorie, Pop, Liebe, Kapitalismus und Erschöpfung durch den gleichen funkelnden Sprach-Fleischwolf.
Besonders „Streets of Berladelphia“ bleibt als Pollesch-Wunder in Erinnerung: Metaebenen-Akrobatik, Liebessehnsucht und Fabian Hinrichs, der sich diskursfit vom Schnürboden abseilt.
Polleschs Theater war ein Sprechen ohne Geländer. Da traf der Satz aus der WG-Küche auf den Philosophen Derrida, der Kühlschrank auf Marx, die Beziehungsneurose auf den Weltmarkt. Ein schwindelerregender Wortschwall, oft wie eine Flipperkugel durch überdimensionierte Bühnenbilder geschossen, getragen von Schauspielerinnen und Schauspielern, die nicht Rollen spielten, sondern Denkzustände unter Hochspannung verkörperten. Als Pollesch 2024 überraschend starb, war „ja nichts ist ok“ sein letztes Stück mit Hinrichs: ein trauriges und bewegendes Solo im Gehäuse einer Boulevard-WG, komisch, verzweifelt, körperlich, ein Abend über die Tragik und Absurdität des Weltzustands.
Wenn Hinrichs nun in „Irgendetwas ist passiert“ wieder allein auftritt, ist vieles wie vorher und doch nicht mehr. Mit seiner Frau Anne Hinrichs hat er Konzept, Text und Regie entwickelt. Die Bühne ist wiederum großformatig und eindrucksvoll, ein Wohnhaus mit dynamischem Innen und Aussen. Hinrichs spielt Paul und Claudia, ein Paar, das sich Alltag, Begehren und Schuld um die Ohren haut. Du verstehst mich nicht und die Welt geht unter. Die Burrata-Mittelklasse sitzt noch am Tisch, während draußen die Welt in Kriegsbildern, Sirenen, Nachrichten und Videoüberblendungen zerfällt.
Zwei sehr bezeichnende Textbewegungen: erst das intime Küchengezänk, das plötzlich zur moralischen Weltlage aufgepumpt wird; dann die Frage, wie man eigentlich weiterleben soll, wenn jedes private Glück schon wie Komplizenschaft klingt.
Nur fehlt diesmal die Fallhöhe. Der Abend weiß zu genau, woran er leidet – oder glaubt es zumindest. Er verdreht sich zu wenig in Assoziationen: “politisch, moralisch und analytisch bleibt vieles erstaunlich schlicht” wird zurecht gesagt. Was kann diese fast kunstlose Kunstform zur Beschreibung unseres Ist-Zustands beitragen, wenn sie sich nur noch resigniert an ihm wundreibt? Ist jetzt wirklich noch die Stunde des larmoyanten Lamentierens – oder bräuchte es nicht eher entweder melancholische Tröstung oder ehrlich agitierende Ernsthaftigkeit?
Pollesch war ein perfekter Beschreiber seiner Zeit, aber vielleicht auch unter der Voraussetzung, dass es nicht wirklich um alles ging. Das hat sich geändert.
Mach’s gut, René.
Deine Fortschreibung unter diesen zu wenig veränderten Vorzeichen führt mit dem wie immer faszinierend spillerigen, aber vielleicht von der sonnigen Jaguar-Fahrt aus Potsdam etwas unkonzentrierten Fabian Hinrichs eher in die Irre, wie ich finde.
Theater kann heute mehr. Es kann trösten, kann agitieren. Aber plakatiertes Weltweh sollte nicht das alleinige Mittel der Stunde sein.
Side Feature
“Neue Frau, Neues Sehen” im Museum für Fotografie Berlin ist eine Ausstellung des Bauhaus Archiv, nach der man ein wenig beschämt, aber vor allem begeistert hinausgeht. Beschämt, weil man die vielen Bilder des Bauhauses bereits gut zu kennen glaubte: die kühlen Fassaden, die schrägen Blickachsen, die Spiegel, die Masken, die selbstbewussten Körper im neuen Licht. Begeistert, weil hier plötzlich sichtbar wird, wer diese Moderne oft überhaupt erst gesehen, gerahmt, zugespitzt hat: Frauen mit Kameras, mit Witz, mit Präzision, mit sehr viel Eigensinn.
Marianne Brandt ist dabei natürlich ein Ereignis. Ihre Selbstporträts mit Kamera und Kugelspiegel sind keine hübschen Atelierübungen, sondern kleine Manifeste: Ich sehe, also bin ich. Lucia Moholy wiederum gibt dem Bauhaus seine bis heute gültige optische Grammatik, diese Klarheit aus Glas, Schatten und Struktur. Und Grete Stern öffnet den Blick weit über Dessau hinaus, ins Exil, nach Argentinien, zu Menschen und Lebensformen jenseits des Bauhaus-Kanons.
Das Schönste aber ist, dass die rund 300 gezeigten Arbeiten nicht nur Bekanntes neu signieren, sondern Türen öffnen: zu Grit Kallin-Fischer, Irena Blühová, Elsa Thiemann, Etel Mittag-Fodor und vielen anderen. Eine elegante, notwendige, sehr beglückende Korrektur des Blicks.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es zum Theatertreffen Berlin, wo die Münchner Kammerspiele “Mephisto” von Klaus Mann als Gastspiel zeigen. Und ins Kino zum Teufel, der zum zweiten mal Prada trägt. Teuflisch gut?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
