Art Basel | „Disclosure Day“ von Steven Spielberg |
Schwitzende Kunst
Double Feature 24/26
Richard David Precht hat neulich bei “Lanz + Precht” der modernen Kunst ziemlich pauschal die gesellschaftliche Bedeutung abgesprochen. Das kann man, freundlich gesagt, für kulturpessimistischen Quatsch halten.
Moderne Kunst kann agitieren, politisieren, erschüttern, aber auch schlicht rühren – weiterhin und natürlich und nicht nur in kleinen elitären Kreisen.
Ich denke an Olafur Eliassons The weather project, diese große künstliche Sonne in der Tate Modern, die man damals wohlgemerkt bei freiem Eintritt sehen konnte.
Oder an Bruce Naumans Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care im Hamburger Bahnhof, dessen kalte, begehbare Ausweglosigkeit mich immer wieder und mit mir Tausende von BesucherInnen bestürzt.
Genau, Kunst wirkt zum Beispiel durch Abstraktion. Und durch das Bewegtsein: diesen seltenen Moment, in dem ein Bild, ein Raum, eine Geste einen im Kern trifft.
Und da wäre noch so viel mehr zu sagen – wollen sie mal meinen Museumspass ausleihen, Herr Precht?
Damit ist man schon mitten auf der Art Basel: in einem Betrieb, der Markt, Eitelkeit und Erkenntnis manchmal zwar gefährlich verwechselt — und doch immer wieder Kunst zeigt, die bleibt.
Main Feature
Das Drohnenvideo durch die Art Basel Unlimited ist vielleicht der beste Einstieg: Man sieht diese riesige Halle von oben, die Kunst als Versuchsanordnung, die Besucher als kleine bewegliche Punkte, das Spektakel als Plan.
Die Flugbewegung würde auch kühlenden Wind bringen. Denn unten ist Basel in diesen Tagen vor allem eines: heiß. Die Stadt steht unter einer großen, fast südlichen Temperatur. Asphalt, Tramgleise, Rhein, Messeplatz – alles scheint zu flimmern.
Auch der Kunstmarkt hat wieder Temperatur, aber nicht mehr das gewohnte Fieber. Der neue Art Basel & UBS Art Market Report meldet für 2025 ein Wachstum von 4 Prozent auf 59,6 Milliarden Dollar. Nach zwei Jahren Rückgang ist das eine Erholung, aber keine Ekstase. Auktionen laufen wieder besser, Händler bleiben aber vorsichtiger, die ganz großen Namen ziehen, die Mitte muss arbeiten. Der Markt lebt also, aber er posiert nicht mehr ganz so unverwundbar.
Die Art Basel selbst bleibt natürlich ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Sehr weiße Sneaker, sehr schwarze Sonnenbrillen, sehr diskrete Vermögen, sehr laute Flüstereien und Insta-Videos. Manche schauen Kunst an, andere schauen, wer schaut. Wieder andere fotografieren erst das Schild und dann das Werk, um später zu wissen, was sie gesehen haben. Das ist komisch, manchmal vulgär, oft brillant beobachtbar – und gehört zur Messe wie Champagner, Security und diese besondere Art von Unentspanntheit, die sich für Weltläufigkeit hält. Sei’s drum, Tunnelblick anschalten…
Der beste Teil bleibt die Unlimited. 59 große Projekte, kuratiert von Ruba Katrib, entfalten sich als Gegenprogramm zur Gallery Booth-Logik: politische Statements, Erkundungen von Körper und Architektur, große Formate von Malerei, Materialstudien im Panorama, dazu ein verehrungswürdiger Klassiker der Moderne. Hier wird nicht nur verkauft. Hier wird gezeigt und behaupt. Genau deshalb ist die Unlimited das, was Kunstmessen selten sind: großzügig. Zum Beispiel:
Nairy Baghramian – minimalistisch, morphing und geometrisch
Auf dem Messeplatz stapelt Baghramian ihre lavendelfarbenen Aluminiumkörper über den Brunnen, als hätten sich weiche Organe plötzlich an eine geometrische Ordnung erinnert. Biomorphes und Stahl, Schweben und Stützen, Brunnen und Bank geraten in ein fragiles Verhältnis.
Chris Burden – agitierend
Burden vergrößert die Uniform des L.A.P.D. ins Monströse. Nach Rodney King wird hier nicht erklärt, sondern skaliert: Macht wächst, wenn sie sich selbst ausstellt. Die Uniformen stehen wie stumme Anklagen im Raum, lächerlich und bedrohlich zugleich.
Rashid Al Khalifa – immersiv
Aus weiß lackierten Stahlgittern baut Al Khalifa ein begehbares System aus Kisten, Käfigen, Handel, Schutz und Gefangenschaft. Licht und Schatten verschieben die Bedeutung permanent. Was Ware schützt, sperrt sie zugleich ein.
Antony Gormley – Schlemmer epigonisch
Gormleys Cortenstahl-Linien umkreisen den Körper, ohne ihn abzubilden. Das ist räumlich präzise, architektonisch sauber, aber in der Nähe von Schlemmer auch gefährlich bekannt: Mensch, Maß, Raum, Geometrie – alles da, nur kälter.
Peter Hujar – emotional
Hujars Gracie Mansion Show ist ein stiller Gegenraum zur Messe. Porträts, Tiere, Körper, New York, Nähe, Verlust. Diese Fotografien wissen, dass Zärtlichkeit nicht weich sein muss. Sie haben Würde, Schärfe und eine melancholische Temperatur.
Agostino Bonalumi – raumverzerrend
Bonalumis weiße Module machen Malerei zur Architektur. Die Oberfläche tritt aus sich heraus, wird Körper, Rhythmus, Lichtfalle. Weiß ist hier keine Neutralität, sondern ein Instrument, das Fülle und Leere gegeneinander ausspielt.
Theaster Gates – verwurzelt
Mehr als tausend Sake-Flaschen stehen bei Gates wie ein monumentales Archiv der Gabe. Keramik, Holz, Japan, Chicago, Ritual, Besitz, Erinnerung: Alles bleibt materiell und doch aufgeladen. Die Arbeit steht nicht im Raum, sie lagert Geschichte.
Jorinde Voigt – mitreißend malerisch
Voigt übersetzt Mahlers Lied von der Erde in ein gigantisches Zeichensystem. Linien, Gold, Kreise, Notationen, Bewegungen: Denken wird hier sichtbar, Musik wird Topografie. Es ist Konzeptkunst, die plötzlich zu rauschen beginnt.
Eva Jospin – umfassend im wahrsten Sinne
Jospins Panorama ist ein Kartonwald zum Eintreten. Außen Skulptur, innen Grotte, Theater, Erinnerung und künstliche Natur. Man bewegt sich durch ein Bild, das sich als Raum tarnt und als Landschaft behauptet.
Oskar Schlemmer – meisterhaft
Und dann Schlemmer. Homo, Composition in Metal zeigt, wie modern die Moderne immer noch sein kann, wenn sie nicht nostalgisch, sondern notwendig wirkt. Mensch, Maß, Linie, Fläche, Licht: Alles ist gedacht, alles sitzt.
Heiß war’s, Basel. Und wiederum sehr sehenswert.
Side Feature
“Disclosure Day” beginnt in einem amerikanischen Ring- oder Käfigkampf. Für einen Moment wähnt man sich in einem hochaktuellen dokumentarischen Kommentar auf unsere Zeit. Hier diese Art blutrünstiger Maskulinität, die vor wenigen Tagen sogar vor dem Weißen Haus gezeigt wurde. Sicherlich: Dieses Haus hält mehr aus als Opernsänger und Poeten. Aber ob man über Geschmack wirklich nicht streiten kann?
In “Disclosure Day” geht es um eine Menschheit, die erfahren soll, was ihr seit Jahrzehnten vorenthalten wurde: dass wir nicht allein im Weltall sind. Emily Blunt spielt Margaret, eine lokale Wetterfee, die plötzlich mehr empfängt als Wolkenfronten. Josh O’Connor ist Daniel, der Nerd, Whistleblower und Geheimnisträger, verfolgt von einer finsteren Alien-Verhinderungs-Agentur, deren Mitarbeitende stets so grimmig schauen, als hätten sie im Dienstwagen auch ihre Seele angeschnallt.
Spielberg kehrt hier in vielerlei Hinsicht zu seinen Wurzeln zurück. Wieder ist das Kinderzimmer die Keimzelle der Angst, der Erinnerung und am Ende auch der Erlösung. Wieder schauen die Aliens ungefähr so aus, als seien sie direkt aus den siebziger Jahren herübergebeamt worden, aus jener Welt von Unheimliche Begegnung der dritten Art, in der Staunen noch eine seriöse Erkenntnisform war.
Das Ganze holpert dramaturgisch gelegentlich. Und dieses Alien-Gadget, das aussieht wie ein geklappter Fächer, wird etwas zu oft bemüht, um die Handlung hurtig über Abgründe zu tragen. Aber es ist doch sehr viel da: der schnelle Einstieg, rasante Verfolgungsjagden, Wagenkolonnen, die schon von weitem nach Geheimbehörde riechen, eine fantastische Emily Blunt, die von der Oberflächen-Wetterfee zur neuen Heiligen der Offenbarung mutiert, und Josh O’Connor als melancholisch flackernder Nerd-Messias.
Wer eine zeitgemäßere, ästhetisch kühnere Vorstellung davon sehen will, wie wir mit Aliens kommunizieren könnten, schaut besser Denis Villeneuves schon etwas älteren “Arrival” mit der großartigen Amy Adams. Wer aber im Sommer Lust hat auf einen hervorragend ausgestatteten Besuch im Steven-Spielberg-Museum, der sollte sich Disclosure Day anschauen.
Next Feature
Im nächsten Double Feature entdeckt das Kunsthaus Zürich eine lange vergessene Künstlerin aus der Pop-Art Zeit wieder. Eye-Popping?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
