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Maurizio Cattelan, Neue Nationalgalerie | „Babylon Berlin“ Staffel 5, ARD Mediathek | 

Der Hofnarr und seine Tauben 

Double Feature 33/26

Nach den leider vorhersehbaren und trotzdem höchst verstörenden politischen Ereignissen des vergangenen Wochenendes wird plötzlich wieder überall darüber gesprochen, Politik müsse besser erklären. Und gleichzeitig emotionaler werden. Nur: Was soll das eigentlich heißen?

Sollen Gefühle nun die Fakten ersetzen? Oder müssen Fakten nur endlich so erzählt werden, dass sie auch etwas auslösen? Hannah Arendt schrieb einmal: „Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht garantiert ist.“ Das heißt aber eben nicht, dass Politik emotionsfrei sein muss. Im Gegenteil: Zahlen allein haben noch selten jemanden bewegt. Gefühl ohne Wirklichkeit wird Propaganda, Wirklichkeit ohne Gefühl bleibt Statistik.

Und schon ist man bei der Kunst. Muss sie in solchen Zeiten politischer werden? Stellung beziehen? Deutschland erklären? Oder darf, ja muss sie sich dem sogar verweigern, um eine eigenständige Rolle zu spielen?

Maurizio Cattelan stellt in der Neuen Nationalgalerie aus. Seine Ausstellung heißt NIGHT. Und natürlich denkt man da unweigerlich an Heine: Denk ich an Deutschland in der Nacht … und da ist es momentan wirklich nicht schwer, um den Schlaf gebracht zu werden.

Main Feature

Wenn bei noch warmem, aber schon verdächtig herbstlichem Berliner Wetter im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie der Preis der Nationalgalerie verliehen wird, erinnert man sich daran, dass dieser Preis einmal anders gedacht war. Seit 2000 förderte er Künstlerinnen und Künstler unter 40, für die Ausstellung, Aufmerksamkeit und Auszeichnung tatsächlich einen Karriereschub bedeuten konnten. Nun wurde das Konzept grundlegend verändert: Aus dem Nachwuchspreis ist eine museale Ehrung für international bedeutende Positionen geworden. Und eine Jury aus Emma Lavigne, Sam Keller und Klaus Biesenbach entschied sich für Maurizio Cattelan. Das schien bei dieser Zusammensetzung fast alternativlos – und man fragt sich ein wenig, worin die eigentliche Juryarbeit bestand. Viel überraschender wäre vermutlich gewesen, wenn am Ende jemand anderes gewonnen hätte.

Braucht Cattelan einen solchen Preis? Wohl kaum. Braucht die Neue Nationalgalerie eine große Cattelan-Ausstellung? Warum nicht? Genau darin liegt die Merkwürdigkeit dieses Abends. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer spricht von Freundschaft und bemüht sogar das Wort „heilig“, der Vertreter des Hauptsponsors serviert Bonmots unterschiedlicher Haltbarkeit. Nur der Preisträger selbst erscheint nicht auf der Bühne. Cattelan, kurz zuvor noch höchst lebendig durch den Garten huschend, lässt seine Dankesrede von einem Schauspieler der Schaubühne vortragen. Auch das passt: Bei diesem Künstler weiß man nie ganz, wo die Kunst endet und der Künstler anfängt. Und als Eintritt zur After-Show-Party gibt es dann eine kleine Metallplakette mit der Aufschrift: “The next mistake should be new.” Selten hat ein Satz so hübsch zu einem Künstler, zu einem Kunstbetrieb und nebenbei auch zu einigen politischen Lagen dieser Tage gepasst.

Oben in Mies van der Rohes großer Glashalle versteht man dann, warum NIGHT so gut funktioniert. Der Raum ist beinahe leer geräumt. Betreten wird er durch Purgatory, ein verkleinertes Brandenburger Tor, das mit seiner leicht freizeitparkhaften Modellhaftigkeit zugleich komisch und unheimlich wirkt. Dahinter liegen die neun mit Tüchern bedeckten Marmorkörper von All – eine deutliche Erinnerung an Giuseppe Sanmartinos Cristo velato in Neapel. In ihrer Nähe kniet Him, Cattelans berüchtigter Hitler von 2001. Auf der vertikalen Achse hängt Dawn, eine weibliche Figur in einer Transportkiste, die Haltung einer Kreuzigung. Religion, Schuld, Opfer, Erinnerung: Cattelan ist viel katholischer, als sein Ruf als Kunstbetriebsscherzkeks vermuten lässt.

Und dann liegt da noch ein Adler. Bones von 2025, monumental aus weißem Marmor gehauen, aber keineswegs majestätisch aufgerichtet, sondern zu Boden gestürzt. Ruht er? Ist er verletzt? Oder bereits tot? Gerade in Berlin ist ein Adler natürlich nie einfach nur ein Vogel. Das deutsche Wappentier liegt buchstäblich am Boden – ein Bild, das man in diesen Tagen kaum betrachten kann, ohne ihm eine politische Bedeutung zu geben, selbst wenn Cattelan sie gar nicht eindeutig festlegen will.

Überhaupt ist die Auswahl der Werke spürbar auf Deutschland und Berlin zugeschnitten: das Brandenburger Tor, Hitler, der Adler, Joseph Beuys, Günter Grass. Cattelan hat keine beliebige Werkschau in den Mies-Bau gestellt. Er lässt seine Arbeiten mit deutscher Geschichte, deutscher Symbolik und deutschen Selbstbildern kollidieren. Ob daraus ein konkreter historischer oder gar zeithistorischer Kommentar entstehen soll, bleibt offen. Gerade diese Unbestimmtheit macht den Reiz aus – und gelegentlich auch die Ratlosigkeit.

Über allem hängt Novecento, das ausgestopfte Pferd, reglos zwischen Kraft und Kapitulation. In der ehemaligen Garderobe baumelt Cattelan selbst in La Rivoluzione Siamo Noi als Miniaturausgabe im Filzanzug von Joseph Beuys. Und ganz oben sitzen Tausende präparierte Tauben. Sie tauchten 1997 in Venedig als Tourists auf, 2011 kehrten sie als Others zurück; hier heißen sie nun People. Der Mies-Tempel sieht plötzlich aus, als sei der Museumsbetrieb längst eingestellt und die Tauben hätten übernommen.

Das ist gespenstisch, komisch und erstaunlich weihevoll. Solange nur wenige Menschen eingelassen werden, funktioniert die Inszenierung nahezu perfekt. Die riesige Halle bekommt plötzlich etwas von einer verlassenen Kirche, einem Mausoleum oder einem Ort nach einer Katastrophe, bei der noch nicht ganz klar ist, was eigentlich passiert ist. Flutet allerdings die Art-Week-Crowd den Raum, droht aus der Nacht schnell ein Kunsthofstaat zu werden – mit Cattelan, der sich längst wieder unsichtbar gemacht hat, als größtem Hofnarren.

Wer sich danach etwas ratlos ins Foyer setzt, entdeckt auch dort noch einen Gast: Franz, spontan während des Aufbaus entstanden, erinnert an Obdachlose, denen die Nationalgalerie im Winter Wärme und Tee gewährt. Und draußen trommelt auf dem Dach Never, Cattelans kleiner Oskar Matzerath aus der Blechtrommel, in unregelmäßigen Abständen gegen Vergessen und Ruhe an.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“, schrieb Heine. Ob NIGHT wirklich ein Kommentar zum heutigen Deutschland ist oder eine brillant platzierte Cattelan-Retrospektive, bleibt offen. Für diese Ausstellung wird jedenfalls nicht viel zusätzlich getrommelt werden müssen. Ihr Publikum findet sie sicher. Und Mies van der Rohes einzigartigen Raum einmal so verstört, entleert und neu aufgeladen zu erleben, ist allein den Besuch wert.

Side Feature

Als Babylon Berlin am 13. Oktober 2017 auf Sky startete, war es zunächst vor allem ein Ereignis: eine deutsche Serie, die aussah, als hätte niemand vorher auf das Budget geschaut. Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten machten aus dem Berlin der späten Weimarer Republik einen fiebrigen Ort zwischen Politik, Sex, Verbrechen, Kokain und Tanzpalast. Fast zehn Jahre später endet die Serie nun dort, wo wir von Anfang an wussten, dass sie enden musste.

Die fünfte Staffel beginnt am 30. Januar 1933 mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und führt in acht Folgen bis zum Reichstagsbrand. Und natürlich sieht man das heute anders als 2017. Gerade nach den politischen Ereignissen der vergangenen Tage drängen sich Bezüge auf. Man muss daraus keine wohlfeile Warnung basteln und schon gar nicht raunen, Geschichte wiederhole sich. Damals ist damals, heute ist heute. Aber Geschichte zeigt eben auch, wie Demokratien beschädigt werden – und wie verhängnisvoll es sein kann, wenn sich ihre Verteidiger zu spät zusammenfinden.

Künstlerisch ist Babylon Berlin dabei wieder ganz bei sich. Die Drehbuchbeliebigkeiten und kleinen Ermüdungserscheinungen der vierten Staffel sind verschwunden. Das ist zwingend erzählt, hervorragend geschnitten, visuell immer noch überwältigend. Die Massenszenen haben eine Wucht, die Ausstattung sowieso, und dieser großartige Cast – Liv Lisa Fries und Volker Bruch vorneweg, aber bis in die Nebenrollen – spielt, als wüssten alle, dass es das letzte Mal ist.

Es entsteht wieder dieser alte Sog. Bei mir reichte er jedenfalls für alle acht Folgen an einem sehr langen Abend.

Und dann ist der Tanz vorbei. Bitter, konsequent und ohne Aussicht auf eine sechste Staffel, die alles wieder repariert. Babylon Berlin war und bleibt hervorragendes Fernsehen. Und am Ende sogar etwas mehr: ein Denkanstoß darüber, wie schnell aus politischer Unordnung etwas werden kann, das sich nicht mehr zurückdrehen lässt.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino und ins “Vaterland”. Der Film führt Thomas und Erika Mann zurück an Orte und Erinnerungen, von denen man sich vielleicht entfernen kann, aber auch entkommen? Erinnerungswürdig?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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