„Deutscher Herbst, Deutsches Theater Berlin | „Ikonen“, Kunsthaus Zürich |
Poolnudeln in Moll
Double Feature 37/26
Caspar David Friedrich lässt uns nicht los. Kaum ein Maler hat die deutsche Seele so eindringlich in Landschaften übersetzt: ihre Sehnsucht, ihre Innerlichkeit, ihre Melancholie. Im Guten die Fähigkeit zum Innehalten und Staunen, im Schlechten die gefährliche Neigung, aus Schwermut gleich ein ganzes Weltbild zu machen. Und Friedrich muss es auch aushalten, dass Adolf Hitler zu seinen Bewunderern gehörte und die Nationalsozialisten seine Bilder für ihre Vorstellung des Deutschtums vereinnahmten. Florian Illies erzählt in seinem Buch „Zauber der Stille“ von einem Maler, dessen Bilder durch zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte wandern, geliebt, vergessen, vereinnahmt und wiederentdeckt werden.
Besonders faszinierend ist „Abtei im Eichwald“, es führt uns auf einen winterlichen Friedhof. Kahle, beinahe gespenstische Eichen umstehen die Ruine einer gotischen Kirche. Zwischen schiefen Grabkreuzen tragen Mönche einen Sarg durch das zerfallene Portal. Dahinter schimmert ein fahles Licht, darüber eine schmale Mondsichel. Ist das der Untergang oder doch ein Versprechen?
Hier liegt Friedrichs große Faszination: Seine Bilder stehen stets an der Grenze zwischen Trost und Fatalismus. Zwischen der Schönheit des Loslassens und der deutschen Versuchung, sich in der eigenen Vergänglichkeit einzurichten. Dabei wäre eine etwas frühlingshaftere Perspektive durchaus willkommen. (Schon bemerkt? In jedem Double Feature kommt neuerdings das Wort Hoffnung vor. Gern´ geschehen…).
Friedrichs „Abtei im Eichwald“ spielt auch eine Rolle in Christopher Rüpings neuem Theaterabend am Deutschen Theater Berlin. Dort geht es um Erinnerung, Verlust und die Frage, wie viel Herbst ein Land eigentlich verträgt.
Main Feature
Christopher Rüping gehört zu den Regisseuren, die aus einer kleinen Geste, einem beiläufigen Satz oder einem scheinbar unscheinbaren Moment große Theatermagie entstehen lassen können. Sein Theater ist assoziativ, verspielt, oft von entwaffnender Einfachheit. Und es besitzt eine besondere Begabung für Schönheit und Melancholie. Auch sein neuer Abend am Deutschen Theater trägt diese Handschrift. Nur ist diesmal alles etwas schwerer. Deutschland eben. Und Herbst.
Mit dem Deutschen Herbst von 1977, RAF und bleierner Zeit hat „Deutscher Herbst“ zunächst wenig zu tun. Im Mittelpunkt steht eine Tochter, wunderbar gespielt von Wiebke Mollenhauer, die ihren dementen Vater besucht. Er erinnert sich kaum noch an sein Leben. Sie selbst leidet unter rätselhaften Schwindelanfällen. Der eigentliche Kniff: Wir, das Publikum, sind dieser Vater. Mollenhauer spricht uns direkt an, sucht in unseren Gesichtern nach Erinnerung, nach Wiedererkennen, nach einem letzten Rest gemeinsamer Geschichte. Und wir können ihr nicht antworten. Eine ebenso einfache wie schlagende Setzung, die gerade in ihrer Unmittelbarkeit erschüttert. Wer, wie ich, über längere Zeit einen dementen Vater gepflegt hat, weiß, wie schmerzhaft präzise, wie unmittelbar und bewegend diese Worte und diese Ansprache sind. Der Abend beginnt also mit mehrfachem trockenem Schlucken und einem ordentlichen Kratzen im Hals. Der Ton ist gesetzt. So geraten persönliche Erinnerung und gesellschaftliche Orientierungslosigkeit durcheinander. Mollenhauer spielt das mit einer berührenden Mischung aus Verletzlichkeit, Verzweiflung und leisem Humor. Sie ist das emotionale Zentrum dieses Abends.
Über der Bühne hängen unzählige rosafarbene Poolnudeln (ein wunderbares Wort, bitte 3x hintereinander aussprechen), die man zunächst etwas verwundert betrachtet. Eine merkwürdige, beinahe dekorative Installation, die sich jedoch bald als ebenso sinnfälliges wie eindrucksvolles Bühnenbild entpuppt. Denn die “Nudeln” stehen für die Bogengänge des Innenohrs, jenes empfindliche System, in dem unser Gleichgewichtssinn zu Hause ist und das uns bei Störungen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Wir befinden uns also gewissermaßen im Kopf, genauer: im Ohr der Tochter. Und damit mitten in ihrem Schwindel. Eine wunderbare räumliche Übersetzung eines körperlichen wie seelischen Zustands. Hier zeigt sich Rüpings besondere Begabung, aus einer zunächst rätselhaften Setzung ein ebenso einfaches wie poetisches Theaterbild entstehen zu lassen. Der Schwindel wird zum Raum, die Orientierungslosigkeit zur Bühnenarchitektur.
Dann betritt ein anderer Deutscher Herbst die Bühne. 1946 reiste der gerade 23-jährige schwedische Schriftsteller Stig Dagerman durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland. Seine Reportagen, später unter dem Titel „Deutscher Herbst“ veröffentlicht, sind eine echte Entdeckung. In einer Sprache von großer Präzision und beinahe erschreckender poetischer Kraft beschreibt Dagerman Menschen, die in überfluteten Kellern leben, im kalten Wasser Kartoffeln kochen oder zwischen den Ruinen einer Gesellschaft nach Orientierung suchen. Er beobachtet ohne moralische Überheblichkeit und mit einer Empathie, die seine Texte achtzig Jahre später verblüffend gegenwärtig erscheinen lässt. Rüping lässt diese Texte vom Ensemble sprechen, spielen, weiterdenken. Dazu gesellen sich deutsche Volkslieder aus „Frau Musika“, die dunkle Gefühlswelt der Romantik und schließlich Caspar David Friedrich. Dessen Gemälde „Abtei im Eichwald“ wird zum melancholischen Schlüsselbild: Mönche tragen einen Sarg durch eine winterliche Ruinenlandschaft. Wen tragen sie zu Grabe? Den Vater? Die Vergangenheit? Deutschland selbst?
Das sind gewaltige assoziative Bögen, auf die man sich einlassen muss. Doch wenn sich Wort, Raum und Musik verbinden, entstehen wunderbare Momente. Ein ganzer Abend scheint in Moll komponiert. Selbst Blümchen, der Eurodance-Star der Neunzigerjahre, findet darin erstaunlich selbstverständlich ihren Platz. Schließlich lagern in unseren Köpfen neben deutscher Spätromantik auch allerlei andere musikalische Altlasten.
Und dann ist da die stets großartige Almut Zilcher. Wenn sie Dagermans spätere Gedanken über das menschliche Bedürfnis nach Trost spricht, genügt plötzlich die Kraft eines Textes und einer Stimme, um den ganzen Theaterraum zu füllen.
Leider vertraut Rüping dieser Kraft nicht immer. Die assoziativen Fäden hängen bisweilen zu lose zusammen, ironische Brechungen und demonstrative Rollenausstiege unterbrechen unnötig die entstandene Magie. Wenn Zilcher schließlich noch über Cervantes, Don Quijote und die Macht gesellschaftlicher Erzählungen philosophieren muss, wirkt das trotz ihrer Virtuosität arg konstruiert. Weniger hätte diesem Abend gutgetan.
Wie viel mehr Rüping mit weniger erreichen kann, zeigt eine der schönsten Szenen: Eine riesige Plastikfolie wird von Laubbläsern langsam emporgehoben, schwebt für einen Augenblick über der Bühne und sinkt unaufhaltsam wieder herab. Ein ebenso schlichtes wie überwältigendes Bild für Vergänglichkeit, Verlust und die vergebliche Hoffnung, etwas festhalten zu können.
Wo also steht dieses Deutschland? Wie lange dauert sein Herbst? Und auf welchen Frühling darf es hoffen?
Christopher Rüping gibt keine Antworten. Sein „Deutscher Herbst“ ist ein manchmal überladenes, gelegentlich zerfasertes, aber immer wieder zauberhaftes Panoptikum persönlicher und deutscher Befindlichkeiten. Ein Abend, der einige jener Momente schenkt, die nur das Theater hervorbringen kann. Und der einem zwischendurch durchaus Zeit lässt, über sie nachzudenken.
Side Feature
Das Kunsthaus Zürich hat es nicht leicht. Sein 2021 eröffneter Chipperfield-Bau ist ein architektonisches Schmuckstück: lichte Räume, großzügige Proportionen, elegante Zurückhaltung. Nur die Betriebsrechnung war weniger elegant. Die Kosten wurden bei der Planung gründlich unterschätzt. Ende September bewilligten die Zürcher deshalb mit 55,5 Prozent Zustimmung weitere 7,3 Millionen Franken jährlich. Ein teurer Nachschlag für ein Haus, das eigentlich längst fertig ist.
Immerhin: Was darin hängt, lohnt den Aufwand. Die Ausstellung „Ikonen“ versammelt auf 800 Quadratmetern große Namen der eigenen Sammlung und bringt sie in überraschende Nachbarschaften. Claude Monets flirrende Wasserlilien begegnen Ferdinand Hodlers strenger Landschaftsordnung. Jean Tinguelys monumentale Maschinenwelt trifft auf die düsteren Fantasien H. R. Gigers. Bewegung gegen Bedrohung, Mechanik gegen Mythos. Andy Warhols Suppendose erinnert daran, wie schnell aus Konsum Kunstgeschichte wird. Dazu die abstrakte Präzision von Sophie Taeuber-Arp, die mit geometrischer Klarheit eine ganz eigene Moderne formuliert. Ein erfreulich lebendiger Dialog statt bloßer Best-of-Parade.
Und wer schon dort ist, sollte unbedingt wieder einmal in Pipilotti Rists fest installierten „Pixelwald“ eintauchen. Ein sanftes, tröstendes Bad in Farben und Klängen, das die Welt für einen Augenblick draußen lässt. Ersetzt jede Yogastunde.
Im Hintergrund hängt allerdings weiterhin die Sammlung Bührle wie ein schweres Erbstück am Haus. Ihre problematischen Provenienzen haben dem Kunsthaus erheblich zugesetzt. Seit April läuft eine neue, fünfjährige Untersuchung sämtlicher 205 Werke. Die Aufarbeitung bleibt dringend.
Die „Ikonen“ zeigen derweil, welches Potenzial diese großartige Sammlung besitzt, wenn man ihre Werke neu miteinander sprechen lässt. Zürich kann Kunst. Die Buchhaltung übt noch.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es an die Schaubühne Berlin, in der eine Erfolgsproduktion vom Broadway nun deutschsprachige Erstaufführung erlebt – inspiriert von Fleetwood Mac. Rocking Great?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
