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„Dreigroschenoper“, Schauspielhaus Zürich | „Die Mausefalle“, Schauspielhaus Zürich | HG Winkler, FAZ | 

Volle Ränge, offene Fragen 

Double Feature 39/26

«Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.» Ein Satz von verblüffender Banalität. Man möchte ihn längst hinter sich gelassen haben. Nur steht er einem ständig wieder im Weg.

Am vergangenen Wochenende etwa in Paris. Die Demonstrationen, die Unruhen und dann diese Bilder: schwarz gekleidete Jugendliche, teils vermummt, mit Luxustaschen aus geplünderten Boutiquen. Ich weigere mich etwas, das gleich ikonisch zu nennen. Feuilletonistisch aufladen lassen sich diese Bilder allemal. Eine Revolte, die sich die Handtasche gleich mitnimmt? Ist das nun das Fressen, die Moral oder gar nichts davon, wie in einem Zeitungsartikel jüngst zu lesen war? Vielleicht die erstaunliche Fähigkeit des Kapitalismus, selbst seine Gegner noch mit den passenden Accessoires auszustatten?

Natürlich sind diese Bilder nicht die ganze Geschichte der Proteste. Aber wir leben in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der nahezu alles sofort in ein Bild übersetzt wird: die Empörung, die Haltung.

Dazu passt Brecht weiterhin erschreckend gut. Seine Dreigroschenoper ist bald hundert Jahre alt und steht nun am Beginn der neuen Zürcher Schauspielhaus-Spielzeit. Der Satz mit dem Fressen ist geblieben. Die Frage nach der Moral auch. Und was davon auf der Bühne übrig bleibt, ist eine andere Geschichte.

Main Feature

Hundert Jahre Pfauen. 1926 machte Ferdinand Rieser aus dem Zürcher Theater ein eigenständiges, modernes Schauspielhaus. Gemeinsam mit seiner Frau Marianne legte er den Grundstein für jene große Geschichte des Exils und des antifaschistischen Widerstands, die später Kurt Hirschfeld, Therese Giehse und Bertolt Brecht prägten. Der großartige Dokumentarfilm Hirschfeld – Unbekannter Bekannter von Stina Werenfels und Samir hat daran unlängst erinnert. Eine Geschichte, die auch die Dramaturgin zur Saisoneröffnung beschwört. Doch zunächst gilt es, das Publikum zurückzugewinnen. Nach zuletzt nur rund 48 Prozent Auslastung, trotz eines triumphalen Visonti/Lampedusa-Verschnitts “Gattopardo” im Schiffbau, ist das dringend nötig. Also geht man auf Nummer sicher.

Mit der Dreigroschenoper, Brechts und Kurt Weills Welterfolg von 1928, der in zwei Jahren selbst seinen Hundertsten feiert. Schon ihre Entstehung ist ein Lehrstück in Sachen Autorschaft: Elisabeth Hauptmann übersetzte John Gays Beggar’s Opera und schrieb weit mehr mit, als der lange übliche Hinweis «unter Mitarbeit» erkennen lässt. Regisseurin und Co-Intendantin Pınar Karabulut wählt ihre unverwechselbare Bildsprache: eine düster gerahmte Bühne von Michela Flück, rosafarbene Vorhänge und  extravagante Kostüme. Understatement droht hier keines.

Das sieht prächtig aus, bleibt aber sonderbar flach. Die Songs sind unverwüstlich, nur findet das Ensemble nicht immer die richtige Intonation und spricht manche Spielszenen eigentlich unnötig einfach so weg. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie tückisch dieses scheinbar beiläufige, jazzige Singen ist: Zu Studienzeiten durfte ich selbst in einer Dreigroschenoper-Produktion der Hochschule der Künste in Berlin mitspielen. Auch die pointierten Dialoge und die großen Finali – «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral», «Wovon lebt der Mensch?» – besitzen an sich eine Schärfe, die hier allzu oft verplätschert.

Karabuluts, wie sie selbst betont, feministische Lesart macht Polly zur wissenden, kühl kalkulierenden Geschäftsfrau. Das ist im Stück angelegt. Nur bleibt der feministische Anspruch für mich eher Behauptung als Erkenntnis. Auch Karabuluts eigene Instagram-Selbstinszenierungen in lasziver Fashion-Influencer-Ästhetik sind da kein Widerspruch. Aber sie passen zum Eindruck dieses Abends: Die Pose sitzt, die Tiefenschärfe fehlt. Nur sollte man Pose nicht mit Brechts berühmtem V-Effekt verwechseln. Der Verfremdungseffekt soll gerade durch Distanz gesellschaftliche Verhältnisse sichtbar und hinterfragbar machen. Hier wird vor allem posiert. Und wo bleibt die schmutzige, alles Materielle überwindende und sich ihm zugleich unterwerfende Liebe? Man muss Brecht nicht zwanghaft aktualisieren. Man sollte ihn nur etwas tiefer ausloten.

Voll ist das Haus trotzdem. Ebenso im Schiffbau, wo Co-Intendant Rafael Sanchez Agatha Christies Die Mausefalle serviert. Seit 1952 läuft sie quasi nonstop im Londoner West End. Ein Schneesturm sperrt eine illustre Schar Verdächtiger in einer Pension ein, ein Mörder ist darunter. Der Palazzo aus Il Gattopardo dient nun als englischer Landsitz: ein kluges Recycling. Das Ensemble spielt mit Witz und ansteckender Lust. Besonders erfreulich: Vorstellungen auf Deutsch und komplett auf Englisch. So gewinnt man tatsächlich neues Publikum. Ich selbst habe das Stück vor 25 Jahren in London gesehen. Wer der Mörder ist, wusste ich also schon. Nämlich….nein, nein, ich halte mich an die dringende Bitte, nichts zu verraten. Den Spaß schmälert das etwas , den Theaterabend ruiniert es nicht.

Zwei volle Häuser sind ein schöner Anfang. Aber eine Strategie? Und was hat ausgerechnet Agatha Christie mit dem beschworenen Exil-Erbe zu tun? Die behauptete dramaturgische Tiefe wartet noch auf ihren Auftritt. Vorerst sitzen die Zuschauer wieder da. Das ist viel. Der Rest darf gerne folgen.

Side Feature

Nach so viel Bühnenbetrieb etwas Lektüre.

Ein sehr guter Freund hat mich kürzlich auf eine Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9. Oktober aufmerksam gemacht und sie mir zugeschickt. Was Deutschland stark macht heißt sie. Schon der Ansatz ist erfreulich: einmal nicht ausschließlich über die Defizite des Landes sprechen, sondern über seine Fähigkeiten, seine wirtschaftliche Substanz und die Menschen, die etwas bewegen. Zwölf Seiten, die daran erinnern, dass Deutschland durchaus mehr zu bieten hat als die tägliche Krisendiagnose.

Da sind Unternehmen wie Rittal, Basler oder Schott, die mit technologischer Kompetenz, Innovation und erstaunlicher Anpassungsfähigkeit auf veränderte Märkte reagieren. Kein naiver Optimismus, sondern konkrete Beispiele dafür, dass Zukunft nicht nur herbeigeredet, sondern auch gemacht werden kann.

Jasper von Altenbockum liefert mit seinem Beitrag So kann Deutschland seine Schwäche überwinden den politischen Unterbau. Die deutsche Konsensdemokratie, lange eine ihrer größten Stärken, hat zunehmend Schwierigkeiten, aus dem Ausgleich unterschiedlicher Interessen auch Entscheidungen abzuleiten. Konsens wird zum Selbstzweck, Kompromiss zur Vermeidung von Veränderung. Doch eine Demokratie, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigt, verliert irgendwann ihre Gestaltungskraft.

Genau hier trifft Altenbockum auf Heinrich August Winkler, der wenige Tage später in derselben Zeitung mit gewohnt scharfem historischem Blick vor den falschen Lehren aus Weimar warnt. Sein Beitrag Warum der Vergleich zwischen AfD und NSDAP zu kurz greift widerspricht den allzu schnellen historischen Gleichsetzungen. Die AfD ist nicht die NSDAP, die Bundesrepublik nicht Weimar. Doch die entscheidende Lehre aus dem Scheitern der ersten deutschen Demokratie bleibt aktuell: Wenn demokratische Parteien ihre jeweilige Parteiräson über die gemeinsame Regierungsfähigkeit stellen, gefährden sie am Ende mehr als nur eine Koalition.

So gelesen ergänzen sich beide Texte ausgezeichnet. Winkler beschreibt die Gefahr, wenn demokratische Handlungsfähigkeit verloren geht. Altenbockum fragt, wie sie wiedergewonnen werden kann. Und die Beilage zeigt, dass die Voraussetzungen dafür durchaus vorhanden sind. Darin liegt die Verbindung: Demokratie verteidigt man nicht allein mit Warnungen vor ihren Gegnern. Sondern auch mit Ergebnissen, Zuversicht und dem Mut zur Veränderung. Das klingt beinahe banal. Aber wir wissen ja spätestens seit dem “Fressen und der Moral”, dass gerade die banalen Sätze oft die hartnäckigsten sind.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es an die Deutsche Oper Berlin, wo Milo Rau mit Richard Wagners Der fliegende Holländer seine erste Wagner-Inszenierung vorstellt. Schuld, Erlösung und die deutsche Geschichte stehen auf dem Programm. Wagner trifft Milo Rau. Ergiebig? 

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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