„Frau ohne Schatten“, Deutsche Oper Berlin | „Unser Deutschlandmärchen“, Gorki Theater Berlin | „Der Florentiner Hut“, Komische Oper Berlin | „Die kleine Meerjungfrau“, Schauspielhaus Zürich | „Nocturnes“ von Alice Sara Ott
Always a woman
Double Feature 07/25
„She is frequently kind and she’s suddenly cruel
But she can do as she pleases, she’s nobody’s fool
And she can’t be convicted, she’s earned her degree
And the most she will do is throw shadows at you
But she’s always a woman to me“
So heisst es in Billy Joels Song „She’s always a woman“ (https://youtu.be/Cx3QmqV2pHg?si=TC2PefjJ7SFVoBx_).
„Weib“, Weiblichkeit, Wünsche – so oder so ähnlich klingt und handelt es in der Kunst in verschiedensten Formen, seit Jahrhunderten. Wie sich dies alles ausdrückt und vor allem ausdrücken darf, ist einer kontinuierlichen Entwicklung unterworfen, gesellschaftlich und kulturell – eine stetig nach oben weisende Linie ist es nicht. Und so realisieren wir wohl erst langsam, dass wir uns mitten in einer Zeit des „Backlashes“ befinden und überwunden geglaubte Muster wieder hervorkriechen, erreicht geglaubte gesellschaftliche Postionen wieder neu verteidigt werden müssen. Auch wenn der Kunst dabei wohl nicht die führende Rolle zukommt, ein Spiegel davon ist sie auf jeden Fall.
Und so wurde mir beim Besuch von vier verschiedenen Musiktheater-Produktionen in Berlin und Zürich auf einmal klar, dass sie ein mal feiner, mal stärkerer roter Faden durchzieht, entlang genau dieser Thematik. Vielleicht empfindet ihr dies ebenso – und wenn nicht, hier die einfache Erklärung: Irgendeinen Zusammenhalt musste ich ja konstruieren, wenn ich schon vier kleine Besprechungen in einen einzigen Newsletter packe….(Zwinker-Emoji).
Main Feature
Woman No 1
Richard Strauss’ Oper Frau ohne Schatten entstand 1919 – unmittelbar während und nach dem Ende des ersten Weltkriegs – in Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal und zählt zu den prägenden spätromantischen Werken. Die Oper verbindet mythische Elemente mit einer opulenten, fast monströsen musikalischen Sprache. Im Mittelpunkt steht eine Kaiserin, die ohne Schatten, ohne Kind lebt – ein Zeichen eines mystischen Fluchs, der ihre vollständige Menschlichkeit beeinträchtigt. Neben der zentralen Liebesgeschichte zwischen ihr und ihrem Kaiser-Herrscher treten Färberin und Färber auf, die als Symbol der einfachen, lebensnahen Wahrheit fungieren. Durch die anbändelnde Amme der Kaiserin vermittelt, kommt es schließlich zu einem Handel, Färberin verkauft ihren Schatten an Kaiserin, lebt darauf im Wohlstand, wird aber nicht glücklich und kehrt reumütig zum Färbergatten zurück, Kaiserin erkennt schliesslich, dass sie nur durch Verzicht auf den Schatten die ersehnte Freiheit erlangt. Fluch gelöst, Glück wieder hergestellt. Uff – grosse Mythen, nicht ohne Grund sah Strauss in diesem Werk seine Entsprechung zu Mozarts „Zauberflöte“. Aber wie ist eine derartige Handlung heute auf der Bühne zu bringen? Der Regisseur Tobias Kratzer macht es an der Deutschen Oper wie von ihm zu erwarten war: alles Mythisch wabernde, in geistige Zwischenräume verweisende der Oper ist gestrichen. Stattdessen werden die Themen Leihmutterschaft, Klassenunterschiede, Beziehungsarbeit ins realistisch Heutige verlagert. Zu sehen sind zwei gerade am Anfang des Abends ultrarealistische Räume, Luxus-Loft und Waschsalon. Der Geisterbote wird zum UPS-Kurier, die vom Färber zu fangenden Fische in der Reuse kommen als Fischstäbchen in der Pfanne daher, das ratlose Duett der Färber zur scheiternden Ehetherapie-Sitzung. Dass dies alles nicht platt und banal-provokativ daherkommt, liegt daran, dass diese Aktualisierung gut durchdacht, präzise ausgestattet, teilweise mutvoll selbstironisch, musikalisch und gesanglich virtuos gestaltet wird – und bei allem konkret Realistischen dem Stück und seiner Handlung Luft lässt zum Atmen und ihm damit die vielleicht einzig mögliche Brücke ins Hier und Heute baut. Oder sollten Textzeilen der Färberin wie „Ich bücke mein Knie vor dir“ einfach umkommentiert gezeigt werden, in 2025? Tobias Kratzer behauptet mit dieser „Frau“ an der Deutschen Oper seinen Ruf, der momentan Klügste und gleichzeitig Spielfreudigste unter den modernisierenden Opernregisseuren zu sein. (https://deutscheoperberlin.de/de_DE/production/die-frau-ohne-schatten.1355837)
Woman No 2
Noch eine Frau, die Mutter werden will und wird, diesmal im Ruhrpott-Gastarbeiter-Milieu der späten 60er Jahre: Unser Deutschlandmärchen von Dincer Güyeter ist ein moderner Roman, der die Komplexität türkisch-deutscher Identität in einer fast märchenhaften Erzählung beleuchtet. Im Mittelpunkt stehen eine türkische Mutter und ihr Sohn, deren Beziehung symbolisch für den Generationenwechsel, Gastarbeiter-Geschichte in der BRD und den Wandel in der Gesellschaft steht. Die Mutter Fatma verkörpert die Geschichte, die Tradition und das kollektive Gedächtnis – sie trägt die Last vergangener Zeiten und bewahrt dabei die Erinnerungen an schmerzhafte wie prägende Erlebnisse. Gleichzeitig fungiert sie als fast schon weise Wegweiserin, die ihrem schwulen Sohn, der für die Zukunft und einen hoffnungsvollen Neuanfang steht, Orientierung bietet. Dincer Güyeter, dessen multikultureller Hintergrund und Auseinandersetzung mit Migration und Identität sein literarisches Schaffen maßgeblich prägen, lässt viel persönliche Erfahrung in das Werk einfliessen und erhielt dafür 2023 den Buchpreis in Leipzig.
Dass am Gorki-Theater in Berlin dieses Stück nun unter der Regie von Hakan Savas Mican auf die Bühne gebracht wird, ist gerade dort logisch, da die über weite Strecken grandiose Intendanz von Shermin Langhoff, die in diesem Haus ihre Idee vom „postmigrantischen Theater“ verfeinerte und perfektionierte, nun zu einem Ende kommt. Zu sehen ist eine auf einfacher Bühne vorgeführte, revuehafte Abfolge von Szenen und Songs, die die wesentlichen Stationen des Lebens von Mutter und Sohn durchbuchstabieren. Begleitet wird dies von einer exzellent aufspielenden Band, die die Brücke zwischen türkischem Schnulz-Pop bis zu den Sisters of Mercy locker schlägt. Kern und wunderbares Zentrum des Abends sind die beiden einzigen und wunderbaren Darsteller*innen Sesede Terziyan und Taner Sahintürk, die einzelne Spielszenen präzise anreissen, häufig abrupt abbrechen, die grossen und tieferen Momente und Emotionen aber dann nahtlos in die Musik tragen – und wieder zurück. Früher Höhepunkt ist eine Szene, in der die türkische Mutter – der Effektivität halber, weil man ja in Deutschland ist – die Jungfrau Maria bittet, ihr den sehnlichen Kinderwunsch zu erfüllen und sich dann dafür noch kurz und knapp bei Allah entschuldigt.
Eine Frau, die scheinbar stur die Rolle spielt, die ihr die männliche Umgebung zugedacht hat, deren stille Emanzipation, aber auch stiller Realismus bezüglich dem, was ihr möglich ist, an diesem hemmungslos emotionalen, manchmal fast rührseligen Abend perfekt in den Vordergrund treten. „Du trugst so gerne Stöckelschuhe (…). In diesem Rausch war es für mich unvorstellbar, dass du in einer Fabrik arbeitest, niemals in diesen Schuhen” (https://www.gorki.de/de/unser-deutschlandmaerchen).
Woman No 3
Als nächstes gibt´s den gutbürgerlichen Schwank und das, was Frauen in ihm zu suchen haben: Sich verheiraten, ehebrüchig oder eifersüchtig werden. In Eugene Labiches 1851 uraufgeführtem Schwank “Der Florentiner Hut” will bürgerlicher Snob heiraten, mitsamt Hochzeitsgesellschaft, misstrauischem Schwiegervater und williger Braut – aber dann frisst sein Pferd im Park den Hut einer anderen, gerade ehebrüchigen Gattin, die ebendiesen Ehebruch unbedingt vor dem Gatten verbergen muss – es muss also ein neuer Hut her, Snob geht also auf rasante Odyssee, trifft auf rasend eifersüchtige Ex, am Ende alles gerichtet, Hut beschafft, Ehen gerettet oder geschlossen.
Herbert Fritsch, der Regie-Meister des Absurd-Akrobatischen, des farbenfrohen Slapsticks und Schwindel erregenden Wahnsinns, macht daraus „Pferd frisst Hut“ und tut sich an der Komischen Oper mit einem anderen Herbert zusammen: Grönemeyer, der Bundes-Barde mit seiner unverkennbaren Stimme und den häufig klug stolpernden Reimen. Dieser hat seinen musikalischen Beginn ohnehin in der Bühnenmusik gesucht und bereits mit Robert Wilson in den 2000er Jahren eine sehr erfolgreiche Bühnenmusical-Version von “Leonce und Lena” in Berlin produziert.
Nach einem skurril bunten Premierenfoyer-Aufmarsch und der finalen Platzeinnahme eines Berliner Kultursenators, der Schwierigkeiten hat, Parkett von Rang zu unterscheiden (in einer Vor-Wahl-Hofnarr-PR-Bombenstory jedoch Format bewies), zünden die Herberts also einen konzertanten Cinemascope-Orchesterklang und eine hoch akrobatische, wild choreographierte, skurril verrenkte Schau, gezeigt in einem abstrakt-bunten Bühnenbild der typischen Fritsch-Farbskala. Es gibt viele Türen, die im Laufe des Abends geöffnet und wieder zugeschlagen werden müssen, eine Drehtür, die sich auf Hochtouren läuft. Erzählt wird natürlich die Schwank-Geschichte, unterbrochen jedoch immer wieder durch Gröni-Songs. Das wird von den Darsteller*innen souverän und teilweise erfrischend parodistisch geliefert, jedoch bremsen die Bühnen-Balladen trotz ersten Höhepunkten so manches mal den ohnehin dünnen Handlungsfluss – und sind auch nicht immer vollends “textsicher”. Gegen abstrusen, fast dadaistischen Text-Irrsinn ist nie etwas einzuwenden, aber wohin verweisen stilistisch Textzeilen wie “Heiss, heiß, hier ist der Beweis, mein Hemd voller, voller Schweiß”? Erst im kürzeren und besser getimten, zweiten Teil, stimmt das Tempo vollends, hat der Irrsinn Betriebstemperatur erreicht und setzen die Songs präzise Kontrapunkte – vor allem, wenn die eigentlich das ganze Stück über angetrunkene Braut nun in perfektem Arrangement in schlagartiger Katerstimmung singt: “Nichts ist hier fair, im kruden Wuste”.
Grönemeyer, man muss ihn lieben – oder eben nicht. Auch wenn diesmal die Fallhöhe zwischen Text, Handlung, Form und Farce nicht gänzlich perfekt austariert ist: Grosser Jubel, eine Sitznachbarin, die einen mit ihrem Dauerkichern fast in Trance versetzt und erschöpfte Hochleistungs-Spieler*innen, allen voran der wie so oft hervorragende Christopher Nell. Über Frauen war an diesem Abend nichts Zeitgemässes zu lernen, nicht gänzlich überraschend. (https://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/a-z/pferd-frisst-hut/)
Woman No 4
Zum Schluss: Fluide Frauen in Zürich. Bastian Kraft ist ein Regisseur, der sich wie kein anderer an den grossen Bühnen um Themen der Geschlechtsidentität kümmert und der LGBTQ-Bewegung eine Bühne bereitet. Am Schauspielhaus in Zürich nimmt er nun Hans Christian Andersens Geschichte der kleinen Meerjungfrau und lässt sie von Spieler*innen des Ensembles und Stars der Zürcher Drag-Szene spielen. Das ist naheliegend, geht es in Andersens Märchen doch eben um Verwandlung und den Wunsch, aus den zugeschriebenen Rollen auszubrechen. Wenn am Anfang alle in einer Reihe vor ihren Schminkspiegeln sitzen, langsam das Make-Up aufgetragen und erste Accessoires angelegt werden, verschränken sich auf kluge, unterhaltsame und auch traurige Art und Weise das Märchen und die Biographien des Ensembles. Schwermütig gerät das Ganze aber keinesfalls, sondern voller kluger Spielfreude, mit Lust am Sich-Zeigen, Singen, Voguen und Tanzen. „Small Town Boy“ und „I need a hero“ wurden lange nicht derart packend interpretiert.
Das ist grösstenteils unterhaltsam und umwerfend, auf den Punkt, glamourös, aber auch nachdenklich und unmittelbar persönlich, wenn von anfangs schreienden Müttern erzählt wird, die dann schliesslich ihr rotgefärbtes Hochzeitskleid für die erste Drag-Performance zur Verfügung stellen. Verweise auf tagespolitsche Themen wie „School Drag Queen Readings“ oder Russlands „Propaganda-Gesetze“ sind da fast nicht nötig, machen aber allen klar, dass es um das Hier und Heute geht – schockierend wird es, als dann auch noch Barbie Breakouts legendäres Mund-Zunäh-Video gezeigt wird – Achtung: Graphic Content! (https://www.youtube.com/watch?v=57HowOloLFw). Die Bühne verwandelt sich nach und nach in einer wundersame Wasser- und Algenwelt, bis dann schliesslich alle im vollen Outfit auf der Bühne stehen und ihre Verwandlung stolz präsentieren. In einem – so könnte es genannt werden – „Selbstermächtigungs-Rap“ verschwindet die Meerjungfrau schliesslich nicht als Schaum in den Wellen, sondern ist „ready for the runway that is this weird life“.
„Drag ist ein krasser Ritt, Baby….“. Wenn es so mitreissend vorgeführt wird, dann auch noch vor begeistertem und vollem Saal, hat das Schauspielhaus einen unerwarteten, aber sehr verdienten Hit (https://www.schauspielhaus.ch/de/kalender/30696/die-kleine-meerjungfrau).
Side Feature
Sehnsucht nach etwas Entspannung und zerstreuender Träumerei in diesen Zeiten? Ich kenne Eure Antwort. Die Pianistin Alice Sara Ott liefert dafür eine neue und wunderbare Einspielung der Nocturnes von – nein, NICHT Chopin – dem Erfinder ebendieser Stück-Gattung: der irische Komponist John Field. Wieder etwas gelernt und wenigstens ein wenig hinweggeträumt: https://open.spotify.com/intl-de/album/0EOZVLK59a6f8FOKX1yiOl
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es auf die Berlinale – pünktlich zum Beginn schneebedeckt, startet das grösste Filmfestival in Deutschland ins 75. Jahr. Es geht um Tom Tykwers neuen Film, zärtliche Wölfe, Orpheus in der Unterwelt, Hilde Knef und Solo Sunny. Ich werde berichten…
with cultural regards,
