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Das ist der Titel
Double Feature 40/25
Willkommen zurück bei Double Feature.
Uwe Wittstocks bemerkenswertes Buch „Marseille 1940” liest sich wie eine nüchterne, eng getaktete Chronik einer Stadt im Ausnahmezustand. Marseille wird nach der Niederlage Frankreichs zur letzten Drehscheibe des Exils: Stempel, Visa, Transitpapiere, die Pyrenäen als Nadelöhr, Internierungslager im Rücken. Im Zentrum steht Varian Fry, der mit dem Emergency Rescue Committee ein Netzwerk baut, das Hunderten die Flucht ermöglicht – gegen Widerstände der Vichy-Behörden, gegen amerikanische Bürokratie, mit Hilfe von Mäzeninnen wie Mary Jayne Gold. Die Liste der Gesuchten und Flüchtenden reicht von Hannah Arendt bis Marc Chagall; Walter Benjamins gescheiterter Grenzübertritt und sein Suizid ziehen sich wie ein Riss durch das Buch. Wittstock zeigt Logistik, Mut und Moral in einer Zeit, in der humanitäre Hilfe als Grenzvergehen galt – und ist damit sehr aktuell, bei allen Unterschieden.
Main Feature
Von Marseille 1940 führt eine gerade Linie zu William Kentridges Musiktheater „The Great Yes, The Great No“, das jetzt in Berlin zu sehen war. Ausgangspunkt ist die Überfahrt des Frachters „Capitaine Paul Lemerle“ im März 1941 von Marseille nach Martinique – an Bord André Breton, Claude Lévi-Strauss, Victor Serge, Wifredo Lam und Anna Seghers. Kentridge erweitert das historische Tableau um Stimmen der 1930er Jahre – Paris-Antikolonialismus Bewegung “Négritude” (Aimé und Suzanne Césaire, Léon-Gontran Damas), um Frantz Fanon, ein Vordenker der Entkolonialisierung und Josephine Baker, legendäre Performern, aber auch Meisterspionin. Das könnte schnell in der trockenen und rituellen postkolonialen Konzept-Konstruktion enden, befürchtet man anfänglich.
Dann: Kentridge führt als Kapitän gewissermaßen Charon ein, den mythologischen Fährmann der Toten. Dieser liefert – frei nach Brecht – ein düster-gastfreundliches Motto: „Where you are coming from, / you will not be missed, where you are going to,/ you are not welcome…“. Geschichte, Mythos und Gegenwart fallen also in eins.
Kentridge, 1955 in Johannesburg geboren, ist ein Künstler der Überschreibungen, der Palimpseste: Kohlezeichnungen und Film-by-Erasure, Collagen aus Karten, Maschinenfragmenten, Handschrift; seit Jahren mischt er diese Handschrift mit Oper und Theater. Er denkt visuell und musiktheatral zugleich, seine Arbeiten sind Erinnerungsmaschinen – stets politisch, nie doktrinär. Auch hier sind Form und Inhalt untrennbar: die Reise als Projektionsfläche des 20. Jahrhunderts, die Bühne als schwankendes Deck.
Musikalisch wird das Stück vom „Chor der sieben Frauen“ getragen – sieben Solistinnen, deren Stimmen in verschiedenen afrikanischen Sprachen, in Englisch und Französisch ineinander greifen; dazu ein Kammerensemble mit Cello, Akkordeon/Banjo, Klavier und Percussion. Dieser Chor und weitere fantastisch singende und tanzende Solistinnen und Solisten verleihen dem Abend Körper und Gedächtnis, mal litaneihaft, mal tänzerisch, immer präzise. Im Programmheft heißt es lakonisch: „Die Welt hat ein Leck. / Die Toten melden sich zum Dienst. / Die Frauen sammeln die Scherben auf.“ Genau so klingen diese Stimmen.
Die Bühne ist ein Schiffskörper, auf dem Kentridges Projektionen der eigentliche Protagonist sind: rasende Skizzen, zerschnittene Fotos, aufgerissene Archive, darüber Masken mit übergroßen Gesichtern der Passagiere, zur Orientierung immer wieder vor die Gesichter des Ensembles gehalten. Das wandelbare Set, die Kostüme und das Licht verschmelzen mit der Videoarbeit zu einem präzisen, nie überästhetisierten Bildstrom. Komplex ist das allemal – ein dichtes Gewebe aus Seemannslied, Beguine, Fox-Trott, dadaistischem Schnitt, politischer Beschwörung. Aber es trägt hervorragend, weil der Abend nicht die Aktualität behauptet, sondern viele Allegorien anbietet.
„The Great Yes, The Great No“ ist damit ein selten geglückter Balanceakt: übervoll an Material, Ebenen, Stimmen – und doch klar in seiner Setzung. Kein didaktischer Kommentar zur Gegenwart, sondern ein Symbolraum, in dem die Geschichte der Flucht als Form sichtbar wird. Man verlässt den Saal mit dem Gefühl, dass dieses Schiff weiterfahren wird und nie ankommt – zwischen Zeiten, von Hafen zu Hafen, mit einem Chor, der die Scherben sammelt und singend Ordnung schafft – oder es zumindest versucht.
Side Feature
Wer, wie ich, die Kronenbar in Zürich liebt – diese grün schimmernde Ikone mit den alabastern-gußeisernen Leuchten von Diego Giacometti –, der ahnt, wie präzise diese vom Bruder Alberto Giacomettis geschaffene Poesie aus Bronze leuchten kann.
Das Bündner Kunstmuseum Chur präsentiert nun Diego Giacometti als eigenständigen Künstler: eine grosse Retrospektive, die sein Changieren zwischen angewandter und freier Kunst klar herausarbeitet. Über beide Häuser verteilt: In der historischen Villa Planta erscheinen die Stücke als „Mobiliar“ im Dialog mit der Familienkunst; im Erweiterungsbau fokussiert die Schau auf Werkprozess, Modelle und Motivschatz. Das Ganze ist absolut sehenswert, weil Haltung und Handwerk zugleich sichtbar werden. Die Schau läuft noch bis Mitte November, der Weg dorthin – erst recht von Zürich aus – lohnt sich.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es nach Hamburg, wo der neue Intendant Tobias Kratzer ein Oratorium von Schumann zur Eröffnung der Spielzeit gewählt hat. Eine gute Wahl?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
