„Das Dinner“, DT Berlin | „Changes“, Schaubühne Berlin | Berliner Kulturetat
Bürger, innen
Double Feature 01/25
Willkommen in 2025, ich wünsche uns ein ereignisreiches Kultur-Jahr und freue mich, dass ich meine Erlebnisse mit euch teilen darf. Gestern las ich, dass Vorsätze, die später im Jahr gefasst werden, grössere Aussicht auf Erfolg haben. Das gibt uns Zeit, im Theater, Kino oder Museum noch etwas zu reflektieren, was wir uns überhaupt “vorsetzen” sollten.
Wir beginnen das Jahr mit schauspielerisch souveränem Gegenwarts-Theater aus Berlin.
Main Feature
Auf Berliner Bühnen herrscht bürgerlicher Gegenwartston, insbesondere in „changes“ an der Schaubühne und „Das Dinner“ am Deutschen Theater. Es geht um den Wunsch nach Veränderungen, populistische Abgründe und kulinarische Floskeln. Schauspielerisch ist das brillant, aber irgendetwas fehlt…
Tatort Schaubühne am Lehniner Platz, Jörg Hartmann und Anna Schudt – im grösseren Kreis bestens bekannt als Tatort-Kommissare – schliessen sich (wieder) dem Ensemble an, um in einer Duo-Konstellation aufzutreten. Das garantiert volles Haus, noch vor der Premiere sind alle Vorstellungen ausverkauft. Die beiden spielen in der Regie von Thomas Ostermeier ein Ehepaar der Art, von der sicherlich auch etliche im Publikum sitzen. Engagierte Politikerin, kampagnengestählt und auch noch im lokalen Frauenhaus engagiert. Wirtschaftsanwalt, der den beruflichen Bruch suchte und nun als Grundschullehrer Angst vor seinen Schülern hat. „Changes“ von Maja Zade begleitet die beiden durch ihren Tag, zu Schuldirektoren, Kampagnen-Managern, Frisörinnen, Anonymen Alkoholikern, Talkshow-Hosts. Es geht um den aufrichtigen Wunsch, an der Gesellschaft, an den Menschen um einen herum etwas zum guten ändern zu wollen – und die moralischen Zwickmühlen und Bruchlandungen auf dem Weg. Zades Text ist wie stets sorgsam am Alltag abgeschaut und überhöht hin und wieder die beiläufige Sprache ins Pathetische oder Symbolische. Der Clou der ganzen Sache ist, dass Hartmann und Schudt ALLE Rollen spielen und mit minimalen Haltungs-, Kostüm-, fast gar nicht nötigen Perücken- und Accessoire-Wechseln von einem Charakter in den nächsten schlüpfen. Das ist von den beiden souverän, absolut gekonnt und fasziniert zunächst. Nach einer Weile jedoch wird klar, dass das „Rolle-wechsel-Dich-Spielchen“ nicht in der Lage ist, den Text oder die Handlung über das Alltägliche hinaus aufzuladen. Gerade das weiträumige Bühnenbild würde Raum bieten für Abgründe oder himmlische Lichtstrahlen, für eine weitere Ebene, als diejenige, die uns den Alltag präzise und zum schaudernden Schmunzeln vorführt. „Jaja, so ist es, wo gehen wir jetzt noch einen Rotwein trinken?“ Ein Fest der Schauspielkunst, keine Alltags-Apotheose a la Botho Strauss oder Rene Pollesch wird am Lehniner Platz aufgeführt – das Haus ist voll. (https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/changes.html)
Bürgerlich aufgetischt wird auch am Deutschen Theater. Andras Dömötör übersetzt Herman Kochs Roman „Angerichtet“ für die Bühne und serviert „Das Dinner“. Ehemann mit Politiker-Ambitionen auch hier, gemeinsam mit hochneurotischer Gattin, sein phlegmatischer Bruder und dessen souverän-dominierende Frau. Ein Quartett trifft in einem Edel-Restaurant aufeinander, um einen Vorfall rund um die Kinder der beiden Paare zu diskutieren. Misshandelte, gar in Brand gesetzte Obdachlose, war es Absicht, Versehen, gibt es Zeugen, wird ein Social Media-Video zum erpressenden Detail? Serviert wird also ein mehrgängiges, vom Personal in entlarvend vertrauter Weise gespreizt und überambitioniert erläutertes (Der Schinken kommt von einem kleinen Bauernhof in Italien, wir kennen den Bauern persönlich..) Menu, das den Rahmen für ein sich ebenfalls mehrgängig steigerndes und schliesslich eskalierendes Wortgefecht bietet. Dabei fallen bürgerliche Masken, die eben noch morsch vorgetragene, bürgerliche Kultiviert weicht plötzlich populistischen und menschenverachtenden Phrasen. Natürlich dürfen die Rechten nicht die Wahl gewinnen, aber müssen die Obdachlosen nun wirklich überall rumliegen und sich „entfalten“? Tja, rotweingeschwängerte Bürger-Demontage mit 2 Michelin-Sternen – ein Modus, der bereits seit einiger Zeit und nicht zuletzt durch Yasmina Reza perfekt und ins Extreme getrieben vorgeführt wird, inklusive „göttliches Gemetzel“.
Das Ganze ist wiederum hervorragend gespielt, allen voran von Ulrich Matthes und Maren Eggert, die so manchen Satz abfeuern und abstürzen lassen, treffsicher und so präzise, das es einem schauert. Aber wiederum stellt sich nach einer Weile bürgerlicher Schlachtfest-Beobachtung, wohin uns die präzise Bespieglung der Verhältnisse im Theater führen soll, was das „Addendum“ der dramaturgischen Bearbeitung dieses Texts sein soll. „Jaja, die AfD wird auch im bürgerlichen Milieu gewählt, wart ihr eigentlich schon in der neuen Mitte Cocktailbar?“ (https://www.deutschestheater.de/programm/produktionen/das-dinner)
Theater, Bühne muss mehr als nur präzise arbeitender Spiegel sein, interessant wird es gerade da, wo Schlieren, Dehnungen oder Brüche auf der Oberfläche sind. Oder?
Side Feature
Berliner Kultur-Etat Kürzungs-Wortgefechte, die einen traurigen Höhepunkt nahmen, als der regierende Bürgermeister begann, vermeintlich kulturunerfahrene Supermarkt-Kassiererinnen gegen vermeintlich elitäre Opernbesucher auszuspielen, werden in Berlin an der Theaterkasse geregelt: “Tach, heute abend, für die Zauberflöte, haben sie da auch “Dumme Supermarkt-Schubse” Ermässigung?” Berlin, das kannste….
Next Feature
Im nächsten Double Feature gehen wir zu Nan Goldins und Rineke Dijkstras umfassenden Werkschauen in die Neue Nationalgalerie und die Berlinische Galerie.
with cultural regards,
Daniel
