„The Seagull“, Barbican Center London | „Stages“, Hartmann Books
Chekh – it- ov!
Double Feature 14/25
Die nächsten beiden Ausgaben kommen aus – London calling!
Die Anfahrt durch eine Seitenstrasse und einen Tunnel ist unspektakulär – but then, you found it: Mitten in London erhebt sich das Barbican – ein urbanes Monument des Nachkriegsbrutalismus, gebaut auf den Ruinen römischer Siedlungen und der im Krieg zerstörten City of London. Was einst als „Barbican“, als Bollwerk geplant war, ist heute eine eigene Welt aus manuell beschlagenem Beton, Grün und Kultur – eine Stadt über der Stadt, gebaute Landschaft. Ursprünglich konzipiert von den Architekten Chamberlin, Powell und Bon als radikale Gegenvision zur monotonen Nachkriegsbebauung, wurde das Barbican ab den 1960ern zur gebauten Utopie: 2000 Wohnungen, drei markante Türme, Schulen, Gärten, Hochwege, ein See – und im Herzen: das Barbican Centre. 1982 eröffnet, wurde es zu einem der bedeutendsten Kulturzentren Europas.
Das Centre beherbergt ein Konzerthaus, Theater, Kinos, eine Musikhochschule, Bibliothek und wechselnde Ausstellungen. Hier spielt die London Symphony, werden Werke von Hockney, Alÿs etc. gezeigt. Besucher:innen verirren sich zwar gern in dem verschachtelten Gelände, entdecken aber dabei immer neue Perspektiven – von mittelalterlichen Kirchtürmen bis hin zu futuristischen Gewächshäusern im Conservatory.
Das Barbican ist kein klassischer sozialer Wohnbau, sondern „Brutalismus de luxe“ – mit Mahagoni-Fenstern, Einbauschränken und Fußbodenheizung. Heute gilt es als Design-Ikone und Hotspot für Kreative, mit entsprechenden Immo-Preisen, die das Real Estate Office vor Ort schonungslos annonciert hat. Die Highwalks und Podeste führen über Straßen hinweg, verbinden Wohnen, Arbeiten und Kunst zu einem urbanen Labyrinth mit Seele.
Ein Ort, der aneckt und fasziniert – roh, monumental, doch voller Poesie. Und eine Bühne für hervorragende Theater-Produktionen. Tschechow heisst in England Chekhov und „Die Möwe“ heist „The Seagull“ – das Stück wurde nun vom Berliner Schaubühnen Regisseur Thomas Ostermeier ebendort inszeniert, mit niemand Anderer als Cate Blanchett in der Hauptrolle.
Main Feature
„Die Möwe“ von Anton Tschechow ist sein wohl zentrales und am meisten gespieltes Werk. Die Auf-Dem-Land-Gesellschaft am See, die ihre Melancholie zwar erkennen, aber nicht analysieren oder gar überwinden kann: Die in die Jahre gekommene, aber weiterhin sehr von sich überzeugte Schauspielerin Irina Arkadina, ihr Sohn Konstantin, der eine neue Form der Kunst finden will, ihr Liebhaber Trigorin, ein in sich, in Sarkasmus und Langeweile ruhender Schriftsteller, die Gutsverwalter, ihre stets schwarz tragende Tochter Mascha – und dann schliesslich Nina, das Mädchen gegenüber vom See. Nina ist die Möwe, sie gerät mit ihren schauspielerischen und schwärmerischen Ambitionen in die Fänge des jungen Konstantin, dann des Schriftstellers Trigorin – ihr Flug stürzt in Wahn und Verzweiflung. Tschechows Stücke steuern zielgerichtet und gleichzeitig mäandernd auf ihr Ziel hin, seine “Dramaturgie-Regel” besagt, dass, wer im ersten Akt ein Gewehr zeigt, es im letzten auch abfeuern muss – und so geschieht es schliesslich, wenn der desillusionierte Sohn seinem Leben ein Ende setzt.
Es ist das siebte mal, dass ich dieses Stück inszeniert sehe und wenn Tschechow es als „Komödie“ bezeichnet, stimmt dies nur bedingt, sind doch Elemente der Tragödie sorgsam verwoben mit Komödiantischem. Schon allein, dass die Charaktere ihr Unglück spüren, aber über die Ursachen nichts wissen, ist zwar stellenweise komisch, gleichermassen aber auch tragisch. Jede Tschechow-Inszenierung muss sich in diesem Spannungsfeld positionieren und eine Seite wählen – oder besser: eine Balance von beiden Elementen herstellen.
Thomas Ostermeier forderte in seinen jungen Regie-Jahren, keinerlei Förderung mehr für Regisseure über 40 zu geben. Ein breitbeiniger Spruch, unter dem er nun – mit 56 Jahren – selber recht leiden würde. So oder so ist er aber nie Bilderstürmer oder ein modern-konzeptioneller Regisseur gewesen. Seine Inszenierungen bemühen sich stets um die Geschichte, um die Handlung und die Charaktere, stilistische Mittel ordnen sich dem unter, obwohl es auch einen typischen Ostermeier-Look gibt.
So auch im Barbican, wo Magda Willi eine freie Bühne mit Rundhorizont und in der Mitte einem Feld von Schilfpflanzen konstruiert hat, für Auf- und Abtritte. Davor braucht es lediglich Camping-Klappstühle, um die Szene zu setzen, die Kostüme nehmen irgendwo in Hipster-Berlin Anleihen, sind aber nicht übertrieben modern wirkend.
Ostermeier bereitet in der Tat eine Bühne für ein in jeder Rolle superbes Ensemble, das eine von ihm und Duncan Macmillan leicht modernisierte, aber absolut szenentreue Textfassung spielt.
Dann Auftritt von Cate Blanchett, dem PR-Zugpferd des Abends. Wie sie sich in ihrer Rolle als das Theater-Pferd spreizt, affektiert gibt, dann wieder verletzt und verzweifelt um Zuneigung bettelnd, das begeistert – auch auf der Bühne ist sie eine Force. Wenn sie „Do you know how much it costs to be me?“ bellt, gilt das sicher für ihre Rolle, auch für sie? Passenderweise trägt sie ein T-Shirt mit ihrem Rollennamen, wie ein Fashionlabel, und wenn sie sagt „It´s not about me, you know“, dann geht es eben doch die ganze Zeit um sie.
Wenn sie in einer in einer Schlüsselszene „Am I already so old that you dare speak to me about younger women“ keift, um ihren in Nina verliebten Liebhaber dann anzuflehen, bei ihm zu bleiben (in der neuen Textversion: „Please, lets leave, you can have your midlife crisis in the car“), dann kauert sie mit weggerissenem Mikroport auf der Bühne. Es sind verletzliche und wahre Momente, auch dies schafft sie auf die Bühne.
Hin und wieder wird die vierte Wand eingerissen, treten die Spieler an Mikrophone und adressieren das Publikum direkt – „Art has never been as irrelevant as today. It cannot help us with what needs to be done now“. Stimmt? Stimmt nicht? Ostermeier lässt es offen, gleichwohl die Parallele zur Jetzt-Zeit nicht gesucht ist, sondern offensichtlich. „Golden Brown“ von The Stranglers dient als musikalisches Loop, die Rolle des Arbeiters Simon eröffnet jeden Akt mit E-Gitarre und einem klassenkämpferischem Song von Billy Bragg.
Wenn sich also die von entsicherten Magneten gehaltenen Türen wie magisch und gleitend schliessen und diese „Möwe“ vor Publikum (nicht wenige mit Getränk in der Hand – it´s a British thing) im Barbican abhebt, dann ist eine nahezu perfekte Balance zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Damals und Heute zu bewundern. Es ist ein dem grossartigen Text verpflichtetes und sehr klug gestaltetes Fest der Schauspielkunst, das hier zu erleben ist – kein Star-Vehikel für die ohne Frage hervorragende Cate Blanchett, sondern eine bravouröse Ensemble-Leistung.
Und nun die schlechte Nachricht: mit dem Erscheinen dieses Newsletters hat die Produktion ihren sechswöchigen, stets ausverkauften „Run“ beendet, dieser Grund für eine London-Reise entfällt also leider….
Side Feature
Apropos Bühne: „Stages“ – so heißt das neue und opulente Buch der Berliner Fotografin Anna Lehmann-Brauns, und der Titel ist Programm. Er spielt auf reale wie imaginierte Bühnen an, auf alltägliche Szenerien, die sie in eine geheimnisvolle, fast magische Bildsprache übersetzt. Ihre Fotografien – ob von Berliner Kneipeninterieurs, Fähren in Istanbul oder detailreichen Modellräumen – wirken oft wie gemalt, ohne dabei ins Ironische zu kippen. Vielmehr verweisen sie ernsthaft und feinfühlig auf die Ästhetik klassischer Malerei. Melancholie und Eleganz liegen dabei nah beieinander. In “Stages” versammelt Lehmann-Brauns erstmals verschiedene Werkgruppen der letzten Jahre – als Zwischenbilanz und zugleich als neue Etappe ihres Schaffens.
Next Feature
London Calling – es geht weiter. In der nächsten Ausgabe besuchen wir in der Tate Modern eine grosse Ausstellung über Leigh Bowery, den nicht kategorisierbaren Performance Künstler aus dem London der 80er Jahre. Schliesslich geht es an die Küste der Grafschaft Kent, wo in Margate – dem Hafenort mit dem “Turner-Licht” – eine veritable Kunst-Kommune entstanden ist. Ich werde berichten…
with cultural regards,
