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„Travelogue I“ von Sasha Waltz | „Freedom Sonata“ von Emmanuel Gat | „Douglas is cancelled“, arte

Dancer in the Dark

Double Feature 10/25

2017 gab sich die Washington Post einen Untertitel: “Democracy Dies in Darkness”. Der nicht pathosfreie Spruch wurde von Journalisten-Legende Bob Woodward geformt, und mit grossem Pathos wurde sogar eine Superbowl-Werbung geschaltet. Jetzt gibt der Eigner Jeff Bezos der Meinungsredaktion des Blattes eine Kommentarlinie vor: Die Kommentare sollen sich an den „Säulen“ von „persönlicher Freiheit und freien Märkten“ orientieren. Heisst was? Tech-Bro Sprech im Reich von Donald II? Der Begriff “freie Meinungsäusserung” erfährt momentan eine erstaunliche, wenn nicht erschreckende “Umformatierung” – und dies passiert nicht im Verborgenen, sondern medial und vervielfältigt – Democracy Dies in Daylight.

Und was passiert sonst so, transatlantisch? Bei einer Rede zur Lage der Nation werden mit Marker beschriebene Pappschilder hochgehalten. That´s it? Ich habe diese Woche mehrfach ein Gedicht und Song von Gil Scott-Herron von 1970 gehört: “The Revolution Will Not be Televised”. Wie wird es 2025 sein? Auch das wird dieses Jahr zeigen, vermutlich (https://youtu.be/vwSRqaZGsPw?si=h7dRc0Ilyr3-kZ9B). Draussen scheint die Sonne.

In dieser Ausgabe wird es tänzerisch. Zwei Grosse ihrer Zunft steuern in 30 Jubiläumsjahre und zeigen in Berlin zwei Produktionen, alt und neu. Zu besichtigen ist, wie sich ihr Stil entwickelt hat, wie gut er gealtert ist und was er uns heute über Individuum, Gruppe und letztlich  – da ist sie wieder – Freiheit zu erzählen hat.

Main Feature

Wer in Berlin von zeitgenössischem Tanz redet, muss auch von Sasha Waltz reden. Vor über 30 Jahren begann ihre beeindruckende Laufbahn mit einem Stück, dass den Geist der damaligen, urbanen Zeit perfekt einfing: “Travelogue I – Twenty To Eight” legt den Fokus auf eine “Tanz WG”, fünf Tänzerinnen und Tänzer erschaffen in einem Raum mit Tisch, Stühlen, Klappbett, Klapptüren und sehnsuchtsvoll nach draussen verweisendem Fenster ein Sittenbild der damaligen Gegenwart: Rituale von Gemeinsamkeit, Kontaktaufnahme- und -verweigerung in verschiedensten Konstellationen, einsam, zweifach, mehrfach. Und dazu die “existentiellen” WG-Fragen: Ist der Kühlschrank voll, wer kriegt wieviel zu essen, wie verdienen wir Geld, wo wollen wir eigentlich hin und wer bringt die Flaschen runter?

Das Stück wird nun an eine neue Tanz-Generation übergeben, wobei sich zwei ältere Waltz-Friends in das Ensemble mischen und es bereichern. Waltz – die bei der Uraufführung des Stücks“ 1993 auch selbst tanzte – legte hier den Grundstein für ihre sinnliche, manchmal aggressiv/körperliche und hin und wieder auch intellektuell/ironisch gebrochene Bewegungssprache, für die sie bekannt und berühmt wurde. Präzise und modern, hip und klassisch in guter Balance, das ist Waltz at her best, inzwischen schon selbst klassisch geworden.

Nicht spürbar in dieser Aufführung werden die dramaturgisch-intellektuellen Überladungen, mit denen sie ihre Arbeiten späterer Jahre manches mal befrachtete. In einer energiereichen Pas de Deux-Szene erinnert die Darstellung der Geschlechterverhältnisse an Pina Bausch, überholt und aktuell gleichermassen, jedoch weniger leidvoll und existentiell choreographiert. Freiheit, Zwang, gemeinsam, einsam – viele Themen springen an diesem Abend durch den WG-Raum, ohne sich breit und wichtigtuerisch zu lange aufzuhalten (https://www.sashawaltz.de/gjbpr7oln7).

Das Stück ist frisch geblieben, begeistert nach satten und knappen 1 1/4 Stunden. Seine Aufführung in den Sophiensälen in Berlin-Mitte, deren Eröffnung 1996 den Ruf des Scheunenviertels als Kunst- und Kulturort weiter festigte, erinnert auch daran, wie sich dieser Kiez in den letzten 30 Jahren entwickelt hat – oft bedacht und mit Substanz, aber in jüngster Zeit oft auch seelenlos und immobilien-verblendet. Letzteres wird beim abendlichen Post-Vorstellungs-Spaziergang durch das neue Tacheles-Areal deutlich, irgendwo zwischen Delivery Hero Headquarter, Rewe-Supermarkt und Starbucks-Filiale.

Seit 30 Jahren fasziniert der israelische und in Marseilles ansässige Choreograf Emmanuel Gat mit seinen Arbeiten, zuletzt mit seiner sinnen- und lebensfrohen Arbeit “Lovetrain 2020” zu der Musik von Tears for Fears. Im Rahmen des klug kuratierten Festivals “Reflexe&Reflexionen”, das mit Podiumsdiskussionen über die Streitkultur, die westliche Demokratie und den Liberalismus und was wir darunter vestehen, aufwartet, passt seine neue Arbeit “Freedom Sonata” perfekt. Freiheit sei nicht Anarchie und reines Konsumieren, sondern kann nur in klar vereinbarten Regeln für den Einzelnen und die Gruppe funktionieren, räsoniert Gat und hat recht. Er erarbeitet mit seinem Ensemble eine tänzerische Formensprache, die präzise mit expressiven, grossen Gesten arbeitet und zwischen Intimität und Ausdruck variiert. Der Clou des Stücks ist jedoch, dass sich grosse Teile davon jeden Abend durch das sich in diesem Formen-Rahmen bewegende Ensemble neu zusammensetzen. Live und im Moment reagieren die TänzerInnen aufeinander, verdichten sich Gruppen und Paare. Schon beim sukzessiven und gemeinsamen Ausrollen eines weissen Tanzbodens braucht es klare Aufgaben- und Arbeitsteilung, damit es funktioniert. Exakt gleich und stets perfekt verläuft es nicht – eine schöne Metapher für die generellen Themen des Lebens. 

Das Formstrenge erinnert an die Sonatenform und findet eine eigene Poesie, wo es auf Beethovens Klaviersonate Nr. 32 trifft. Zentral aber ist an diesem Abend die Musik von Kanye Wests Album “Life of Pablo”, nach dessen Entstehung 2016 sich dieser allerdings in einem Irrgarten von Misogynie, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit verlor. Wenn nun also zu ausgerechnet zu dieser Musik das Ensemble ihre Vision von Gemeinschaft und Freiräumen erprobt, ist das Spannungsverhältnis unüberseh- und hörbar. Wer darf eine Bühne bekommen? Wie gehen wir mit Regelübertretungen um? Sind Kunst und Künstler trennbar oder eben nicht und nie? 

In den ersten 30 Minuten des 1 1/2 stündigen Abends funktioniert diese Mischung von grossem Konzept und tänzerischer Umsetzung, ist sinnlich und faszinierend. Aber, wie das bei Improvisationen nun mal passieren kann: in der dann folgenden Stunde will die Formensprache nicht mehr recht packen, wirkt teilweise etwas rat-/energielos und wird vom breitbeinigen Herumgeprahle der Musik und ihres Texts überdeckt und fast erdrückt. Es kann sein, dass dies am nächsten Abend wieder ganz anders gelang, es kann aber auch sein, dass das choreographische Konzept sich einfach nicht tragfähig genug in in einen packenden Tanzabend transferieren lässt und Choreo-Schiffbruch erleiden muss. Kraftvoll, individuell und stellenweise mitreissend gelang der Abend auf jeden Fall, eine perfekte Symbiose von Idee, Form und Ausführung war er jedoch nicht (https://www.berlinerfestspiele.de/reflexe-und-reflexionen/programm/2025/kalender/freedom-sonata).

Side Feature

Auf arte ist momentan eine englische Miniserie zu einem fast schon erledigt geglaubten Thema zu sehen: “Douglas is cancelled”. Das Thema steckt bereits im Titel, die Handlung spielt in der Medienwelt Londons, es geht um sich verselbstständigende Tweets, alte weiße Männer in Hotelzimmern und den (nochmal das Wort…) Schiffbruch feministischer Ideale im Meer der aggressiven Medien-Landschaft. Dass das Ganze nicht thesenhaft deklamierend, sondern als süffiges Kammerspiel mit permanent wechselnder Perspektive daherkommt, liegt an zwei Dingen:
Hugh Bonneville, Alex Kingston und vor allem Karen Gillan spielen das Ganze packend + das Drehbuch von “Sherlock”-Erschaffer Steven Moffat ist präzise zwischen Witz, Engagement und Spannung austariert. Wer sich je gefragt hat, wie es genau mit H. Weinstein und seinen Hotelzimmer-Bademantel-Übergriffen abgelaufen sein könnte, findet in Episode #3 eine ausführliche Spielszene, die einem auch oder gerade wieder in 2025 kalte Schauer über den Rücken herunterjagt (https://www.arte.tv/de/videos/RC-026265/douglas-is-cancelled/).

Next Feature

Im nächsten Double Feature widmen wir uns der Auseinandersetzung der modernen Kunst mit Themen wie KI und Quanten-Computing. Wie ergiebig und erkenntnisreich oder eher oberflächlich und hohl ist diese Kollaboration? Drei Ausstellungen in Zürich und Berlin beantworten dies auf sehr unterschiedliche Art.

Und wir besuchen letztmals einen Hort der konkreten und minimalistischen Kunst in Zürich: das Haus Konstruktiv. Ich werde berichten…

with cultural regards,

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