Roman Signer, Kunsthaus Zürich | Thomas Mann Playmobil
Fliegende Tische im Appenzell
Double Feature 17/25
Neulich im Flieger von Zürich nach Berlin war mein Sitznachbar in Raw-Dog Position. Alles klar? „Raw dogging“ ist der neueste Reisetrend aus den USA und wird hauptsächlich von Männern praktiziert. Eigentlich ist der Ausdruck in einem anderen Kontext bekannt und beschreibt -ahem- “Sex ohne Kondom”. Nun machen sich ihn jedoch junge Männer zunutze, die im Flugzeug an ihrer Willensstärke arbeiten wollen. Wie lange kann ich mich der völligen Langeweile aussetzen und aus dem Fenster starren, ohne durchzudrehen? Haben die Passagiere die quälende Zeit überstanden, berichten sie davon stolz im Internet. Das ist widersprüchlich? Na klar, aber vielleicht auch – wie in manchen Feuilletons behauptet wurde – Yoga gegen toxische Männlichkeit.
Ich jedenfalls habe kurz vor der Landung die eigentlich für den starrenden Doggy-Mann gedachte Mini-Schokoladen-Tafel gerne und solidarisch in Empfang genommen, um sie ihm dann nach dem Touch-Down zu überreichen. Das war kein willensstarker, aber ein für ihn unerwartet freundschaftlicher Moment, ebenfalls nicht toxisch.
Nicht nur Flugzeuge können fliegen, sondern auch Tische – jedenfalls bei Roman Signer.
Main Feature
Der 86jährige Roman Signer schenkt dem Kunsthaus Zürich eine ganz eigene Sicht auf die „Landschaft“. Doch bevor wir in den weissen Museumssaal eintreten, kurz ein Blick zurück: Signer stammt ursprünglich aus dem Appenzellerland, einer Gegend voller sanfter Hügel, ländlicher Traditionen und eher stiller Momente. Genau dort begann er, erste künstlerische Experimente zu machen, mit einfachsten Materialien und einem ausgeprägten Gefühl für Natur und Umgebung. Später zog er in das barocke Kleinod, die Bibliotheksstadt St. Gallen – weg vom bäuerlich geprägten Appenzellerland, hinein in eine – nun ja – urbanere Welt. Dieser Ortswechsel, so scheint es, hat seine Fantasie nur noch mehr angefacht: einerseits der Blick zurück auf das ländliche Idyll, andererseits die Konfrontation mit Technik, Stadtgeräuschen und neuen Menschen.
„Ich bin gegen den Strom geschwommen. Habe alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte – und gerade darum hat es funktioniert,“
erzählt Signer in der NZZ. Und tatsächlich: Er hat sich nie in klassische Kunstschulen pressen lassen, keine glatten Leinwandwerke für die weisse Wand geschaffen. Stattdessen nahm er Alltagsobjekte, Eimer und Raketen, Tische und Leitern, ließ sie fliegen, krachen oder geräuschvoll zu Boden sausen. Dabei wird alles zur Bühne seiner Experimente, oft nur für ein paar Sekunden, in denen sich die Dinge buchstäblich in Luft auflösen oder von Krafteinwirkungen verformt werden. Beeindruckt und beeinflusst wurde Signer von der inzwischen legendären Ausstellung “When Attitudes Become Form”, die Harald Szemann 1969 in Bern kuratierte. „Ich habe mich dabei immer als Bildhauer verstanden. Es geht immer um Probleme im Raum, das Geschehen im Raum, Zeitabläufe“. So auch zum Beispiel bei der Documenta 1987, als er zum Abschluss 350000 Blätter weisses Papier in die Luft sprengte.
Nun also die Ausstellung „Landschaft“ im Kunsthaus Zürich. Ein Ort, der Signers Überzeugungen auf den ersten Blick vielleicht widerspricht: Weiß getünchte Wände, teils gedämpfte Ausstellungsbeleuchtung, das übliche Museums-Flair. Doch Signer schafft es, dem Raum seine Handschrift aufzudrücken, fast als würde er die dortige Stille sprengen – mal sanft, mal überraschend laut. Und er hebt seinen Fokus auf Naturphänomene hervor, die er oft in ländlichen Szenerien inszeniert hat. Gleich beim Eintreten bemerkt man das Herzstück seiner Kunst: die Zeit. Signers Werke sind selten statische Objekte; oft sind sie Überreste von Aktionen oder deren filmische Dokumentationen. Objekte wie der „Fliegende Tisch“ machen das augenfällig: Ein ganz normales Möbelstück, das Signer mithilfe von Spannvorrichtungen und Pyrotechnik in die Lüfte katapultiert hat. Im Video sieht das dramatisch und zugleich absurd aus – so etwas sollte laut Schwerkraft-Gesetz doch nicht fliegen! Aber wenn es doch geschieht, entsteht eine Mischung aus Komik und Staunen, fast wie ein surreales Ballett. Ein paar Schritte weiter begegnen wir einer Leiter mit Stiefeln, die in Augenhöhe quer im Raum installiert ist. Es mutet an wie ein eingefrorener Moment aus einer Aktion, in der sich jemand gerade auf die Sprossen stellte, bevor alles durcheinandergewirbelt wurde. Diese Stiefel, fest verankert in einer unmöglichen Position, stehen sinnbildlich dafür, wie Signer Dinge aus ihrem alltäglichen Kontext reißt und uns damit einlädt, Gewohntes neu zu denken. Wer hat schon mal eine Leiter so gesehen – schwebend, beinahe tanzend, und zugleich irgendwie verloren im Raum? Dann der Weihnachtsbaum. Ja, tatsächlich, ein geschmückter Baum, der so schnell in Drehung versetzt wird, dass nach und nach alle geschmückten Kugeln zerberstend auf den Boden fallen. Was normalerweise die weihnachtliche Stimmung ordentlich verderben würde, wird hier zu einem Sinnbild – für Kindheitsträume, die vergehen, für eine Revolution der Natur gegen den Menschen: make your choice!
Stets spielt Signer mit Elementarkräften, doch nie mit der Absicht, einfach nur Zerstörung zu provozieren. Vielmehr geht es ihm um den Moment, in dem etwas ganz Neues entsteht. Die Gesetze der Physik und sein unverwechselbarer, auch sehr schweizerischer Humor reichen sich die Hand. So entsteht eine Form von „Performanz der Landschaft“, die wir auch in Zürich, auch im grossen Ausstellungssaal spüren: Sein Werk kann man sich wie ein Zeichen-Setzen auf Zeit vorstellen. Wenn er draußen im Appenzellerland oder an der Sitterschlucht Aktionen durchführt, ist jeder einzelne Ort Teil seines Ateliers. Und wenn er diese Aktionen ins Museum überführt, schafft er eine Art Kontrastprogramm: Kaum ein anderer Künstler fängt die Dynamik der Natur so radikal ein – nur um sie dann als ruhige Spur oder Videoaufnahme in den musealen White Cube zu stellen.
Das Faszinierende ist: Trotz all seiner Versuche, sich dem Kunstbetrieb zu entziehen, ist Signer längst ein Klassiker geworden. Doch er bleibt sich treu, bewegt sich weiterhin zwischen Appenzeller Bergen und der Kunstwelt, zwischen Stadtleben in St. Gallen und internationaler Bühne. Seine Arbeit stellt nur scheinbar Chaos dar; in Wirklichkeit ist es eine fast wissenschaftliche Neugier, die ihn antreibt. Wer genau hinsieht, erkennt eine Mischung aus ernsthafter Untersuchung von Zeit, Schwerkraft und Material – und einem feinen Sinn für das Poetische, das uns alle im Alltag umgibt.
Roman Signer lädt uns mit „Landschaft“ ein, das Gewohnte neu zu sehen – mal schwebend, mal um die eigene Achse wirbelnd, mal witzig, mal melancholisch. Er vermittelt das Gefühl, dass alles „schon nicht so schlimm werden wird“. Man verlässt das Kunsthaus mit dem Gefühl, einen Hauch der Freiheit gespürt zu haben, die entsteht, wenn man wie Signer „gegen den Strom schwimmt und alles falsch macht“ – und gerade darum im besten Sinne alles richtig.
Side Feature
Am 6. Juni gibt es einen Grund zum Feiern – Thomas Mann wird 150 Jahre. Und was schenkt man zu Manns Geburtstag? Playmobil hat da eine Idee – Thomas Mann als exklusive limitierte Sonderfigur. “Die Figur ist individuell gestaltet und zeigt Thomas Mann, bekleidet in hellem Anzug und mit Hut; in der Hand trägt er ein aufgeschlagenes Buch, das eine Seite aus dem Roman »Buddenbrooks« zeigt. Diese Sonderfigur ist ein unverzichtbares Sammlerstück für alle Playmobil- und Thomas Mann-Fans und das perfekte Geschenk für Literaturbegeisterte”. Sagt Playmobil. Nun gut, weil – und nur weil – ich im Mai Geburtstag habe, wünsche ich mir dieses edle Stück. Ob mir das Püppchen auch helfen wird, endgültig den “Zauberberg” zu Ende zu lesen und nicht wie bisher bei Seite 700 zu stranden?
Next Feature
Im nächsten Double Feature besuche ich fünf Freunde in München. Das Museum Brandhorst widmet Twombly, Rauschenberg, Cunningham, Cage und Johns eine Ausstellung, in der Gemeinsamkeiten und Beeinflussungen dieses Künstler-Quintetts gezeigt werden sollen. Lohnt sich diese Freundschafts-Beobachtung?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
