„Fünf Freunde“, Museum Brandhorst München | „Im Tiergartenviertel“, Insel Verlag
Fünf Freunde Müsst Ihr Sein
Double Feature 18/25
Ich freue mich sehr, dass das letzte „Side Feature“ über das Thomas Mann Geburtstags-Playmobil-Püppchen für einen Mehrumsatz von mindestens 10 von Euch vorbestellten Exemplaren gesorgt hat. Ich hätte einen „Kick-Back“ mit dem Spielwaren-Hersteller vereinbaren sollen….schön dumm.
Nochmals Thomas Mann: Meine überaus geschätzte Deutschlehrerin Frau W. spitzte einmal ihre Sicht auf ideale Entstehungsbedingungen für Kunst mit ihrer trockenen, aber dennoch überaus empfindsamen Art so zu: „Nehmt einfach Thomas Mann und seinen Sohn Klaus Mann – der eine hat seine Gefühle und Neigungen ein Leben lang unterdrückt und unterdrücken müssen, der andere hat sie ausgelebt, wie er nur konnte. So, und nun sagt mir, wer die bessere Literatur geschrieben hat…”. Wumms. Für sie war die Sache klar: 1:0 für Vater Mann. Sind also interne oder externe Repression wichtige Voraussetzung für gute Kunst? An diese Worte musste ich denken, als ich jüngst in München durch eine beeindruckende Ausstellung ging…
Main Feature
Elf Freunde müsst ihr sein, das weiss selbst ich als Fussball-Laie. Fünf gehen aber auch, besonders wenn diese förmlich einen Kunst-Reaktor für Neo-Dada und Proto-Pop, für Post-Abstrakten Expressionismus und Früh-Concept Art errichteten und auf kritische Masse brachten: John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly (Und ja, ich musste die genaue Definition dieser Kunst-Kategorien zur Sicherheit auch nochmals nachschlagen…)
Welche künstlerischen Verbindungen gab es, wie überlagerten und beeinflussten sich die Leben der “Fantastic Five”? Das Museum Brandhorst in München widmet dem Quintett die beeindruckende Schau „Fünf Freunde“, in der mehr als 180 Werke, Partituren, Kostüme und Filme zeigen, wie eng diese fünf sich zwischen 1950 und den späten 1970ern gegenseitig befeuerten – künstlerisch wie privat.
Der Ursprung des Netzes liegt im Sommer 1951 am experimentellen Black Mountain College in North Carolina: Cage unterrichtete dort Komposition, Cunningham Tanz, Rauschenberg brachte als Student seinen Freund Twombly mit, und wenig später stieß Johns in New York zu ihnen. Schon in ersten improvisierten Abendveranstaltungen entstand das Prinzip, das sie zeitlebens verbinden sollte: Bild, Klang und Bewegung inspirieren sich, dürfen einander aber widersprechen, um schließlich gemeinsam zu sprühen.
Freund 1: Cages stille Provokation 4’33’’ (1952) – drei Sätze absichtsvolle Nicht‑Klänge – machte Alltagsgeräusche zum Konzert und lieferte den akustischen Startschuss; die Uraufführung bleibt in der Schau als handschriftliche Partitur und als Tonmitschnitt präsent, neben Cages hoch amüsantem „Water Walk“. Rauschenbergs parallel entstandene White Paintings – reine, leicht schimmernde Flächen – hingen 1951 im College‑Speisesaal; Cage erklärte sie zur visuellen Schwester seiner Stille, weil sie jedes zufällige Licht reflektieren. Diese gegenseitige Taufe – weiße Leinwand trifft weißes Rauschen – ist der erste große Schulterschluss in der Ausstellung.
Freund 2: Kaum zurück in New York, klebte Rauschenberg Bettwäsche und Farbe zu Bed , das im Brandhorst jetzt wie ein schräg aufgehängtes Tagebuch prangt. Für ihn war das Alltagsobjekt nicht Provokation, sondern Liebesbrief: Die Decke und das Kissen sollen Farbabdrücke seiner damaligen Partner, zuerst Twombly, dann Johns, tragen – intime Spuren in einer Zeit, in der Homosexualität öffentlich kriminalisiert wurde. Zugleich entwarf er zwischen 1954 und 1964 Bühnenbilder und Kostüme für die Merce Cunningham Dance Company; der pelzbesetzte XXL‑Pulli aus Antic Meet (1958) hängt nun gleich neben Bed und erinnert daran, wie Malerei buchstäblich in Bewegung geriet.
Freund 3: Merce Cunningham entkoppelte Schritte vom Takt, ließ Tänzerinnen rückwärts laufen, während Cage erst hinterher die Musik scheinbar zufällig zusammenwürfelte. In Antic Meet treibt eine slapstickhafte Parade den Ernst des Modern Dance in die Ecke, während Rauschenbergs Kostüme zwischen Vaudeville und Concept Art pendeln. Zehn Jahre später, in Walkaround Time (1968), kommt nach Streit mit Rauschenberg dann Jasper Johns an die Reihe: Er baut sieben Plexiglas‑Kubusse nach Marcel Duchamps Large Glass, durch die Cunningham buchstäblich „um die Zeit (die man auf das Ergebnis der ersten Computerberechnungen warten musste) herum“ tanzt – Kino, Malerei und Choreografie fallen ineinander.
Freund 4: Johns’ Durchbruch Flag fehlt zwar in München, doch Target ist da: eine gemalte Zielscheibe – queere Identität als Klapptür‑Geheimnis, als Zielscheibe sogar? Johns übernahm 1964 nach Rauschenbergs Ausstieg das Bühnenbild der Cunningham‑Company; die Ausstellung legt die beiden Entwürfe nebeneinander und macht sichtbar, wie eine private Wachablösung zur öffentlichen Ästhetik mutierte.
Freund 5: Während Johns Kreise fixiert, zieht Cy Twombly sie in die Umlaufbahn: Orion III , ein Markenstück der Brandhorst‑Sammlung, zeigt in Kreide und Öl die Flugbahn des Sternbilds Orion – zugleich ein Echo auf das NASA‑Projekt „Orion“ für nuklear betriebene Raumschiffe. Rauschenbergs fantastische und subtil erotische Reisetagebücher aus Italien wiederum dokumentieren, wie eng beide in den frühen 1950ern waren und zusammenarbeiteten; die Münchner Präsentation zeigt Skizzenbücher, in denen ihre Linien fast übereinander liegen, künstlerisch und privat.
All diese Werke entstanden unter dem Radar der „Lavender Scare“, jener antikommunistischen und antihomosexuellen Hexenjagd der 1950er Jahre. Cage und Cunningham verbrachten fast vierzig Jahre als Lebens‑ und Arbeitspaar, doch es findet sich kein Liebesfoto, sondern nur ironisch verklausulierte Briefgrüße – Stille konnte auch Tarnung sein. Rauschenberg, Twombly und Johns wechselten in den frühen 1950ern von Liebes‑ zu Arbeitsverhältnissen; Kritiker der Post-Abstrakten Expressionisten witterten prompt eine geheimnisvolle „homointern“‑Verschwörung, als ihre Karrieren Fahrt aufnahmen. Die Ausstellung macht dieses Geflecht sichtbar, ohne es zum Alles-Erklärenden Prinzip zu machen: Wandtexte zitieren FBI‑Akten neben Liebesbriefen, und die Werke selbst werden als Codes der Verschwiegenheit lesbar – sei es die weiße Überblendung, die Johns’ Gesichter verbirgt, oder die leere Partitur, die Cage offenliegen lässt.
Dass „Freundschaft ein Produktionsmittel ist“, zeigt jedes Kapitel der Schau: Die White‑Paintings schärfen Cages Gehör; 4’33’’ erlaubt Cunningham, Tanz und Klang zu trennen; Rauschenbergs Kostüme bringen Johns zum Bühnenbild; Twomblys Orion‑Spiralen spiegeln sich als Bewegungsmuster in Cunninghams Spätwerken und und und – noch nie wurde das Geflecht zwischen diesen „Fantastic Five“ so nachvollziehbar und beeindruckend gezeigt.
Am Ende bleibt in meinem Kopf die Frage meiner Deutschlehrerin nach den unterdrückten “Neigungen” und der grossen Kunst – und komischerweise ein Echo: das Klappen beim Zuschlagen der Garderoben-Schliessfachtür, das in Cages Logik längst Musik ist. Man verlässt das Museum Brandhorst mit dem Gefühl, dass diese „5“ ihre Freundschaft zum Motor einer neuen Kunstform gemacht haben: das Existieren eines einzigen lebenden Organismus, dessen Elemente ständig die Position wechseln, doch im Kern untrennbar bleiben. Ein schöner Gedanke…
Side Feature
Kurzer, zugegeben etwas harscher Themenwechsel: 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs: eine gute Gelegenheit, Brigitte Landes’ schmales Bändchen “Die verschwundene Stadt – Im Tiergartenviertel” in die Hand zu nehmen, wie ich es vergangene Woche gemacht habe. Es führt zu einem literarischen Spaziergang durch ein heute ausgelöschtes Berliner Quartier. Anhand von Briefen, Tagebüchern und literarischen Miniaturen lässt die Herausgeberin Stimmen prominenter Bewohner wie Bettina von Arnim, Walter Benjamin oder Franz Hessel erklingen und rekonstruiert so das kulturell vibrierende Leben zwischen Tiergarten und Landwehrkanal, das erst die nationalsozialistische Stadtplanung und später die Bomben des Zweiten Weltkriegs tilgten. Der rote Backsteinturm der St. Matthäus‑Kirche, einziges Überbleibsel des Viertels, bildet dabei den konkreten Ausgangspunkt der Zeitreise.
Die Montage historischer Originaltexte verleiht dem Buch große Authentizität und macht die Lektüre zu einem vielstimmigen Bild vergangener Großstadtmoderne – ein stilles Denkmal für ein Stadtviertel, das nur noch in Erzählungen weiterlebt.
Next Feature
Im nächsten Double Feature feiern wir 75 Jahre Deutscher Filmpreis und 25 Jahre Lola. Auf der Bühne, im Foyer, an der Bar – wie geht´s denn so, “German Kino”?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
