Laure Prouvoste, Kraftwerk Berlin | Aung Kim, Hamburger Bahnhof Berlin | Refik Anadol, Kunsthaus Zürich | „Konzepte des All-Over“, Haus Konstruktiv | „The New Yorker“ Podcast
KI, Konfus und Konstruktiv
Double Feature 11/25
Zum diesjährigen Commonwealth Day geht King Charles on air. Im “The Kings´s Music Room” teilt er seine Lieblings-Playlist mit den gewogenen Untertanen. Es ist ein Meisterstück an Sympathie-PR, englischem Humor und regt unerwartet die Phantasie an. Charles und Camilla grooven durch die Räume des Palasts? Es gibt unangenehmere Vorstellungen…Dass Charles ein nicht unbegabter Tänzer ist, zeigte sich bereits in einem Video von 1985, in dem er eine kurze Breakdance-Einlage zum Besten gab (https://youtu.be/60XvRbJ_qZo?si=V6nqGFyniaZhyiyQ).
2025 werden sorgfältig und vorsichtig alle Länder des Commonwealth berücksichtigt, genauso wie ältere und neuere Songs. Die Stimmung steigt, wenn er Kylie Minogues “The Locomotion” aufruft: “It has that infectious energy which makes it – I find – incredibly hard to sit still”. Das Dach des Buckingham Palace fliegt endgültig weg, wenn Beyoncé “Crazy in Love” wird und Diana Ross “Upside Down” ist – “When I was much younger, it was absolutely impossible not to get up and dance when it was played. So, I wonder if I can still just manage it…” (https://www.royal.uk/news-and-activity/2025-03-07/the-kings-music-room-on-apple-music).
Shake it, Your Majesty!
In dieser Ausgabe wird es künstlich intelligent. Dass auch die Kunst sich den Möglichkeiten der KI bedient, überrascht nicht. Die Frage bleibt, wie ergiebig, gehaltvoll die Auseinandersetzung gerät und welchen Beitrag sie zu wichtigen gesellschaftlichen Diskussionen leisten kann? Schauen wir mal nach – in drei Ausstellungen in Zürich und Berlin. Und verabschieden wir uns schliesslich von einem Schweizer Hort der konkreten Kunst, bevor ein grosser Umzug ansteht.
Main Feature
Was bringt die Verschmelzung von Kunst und Technologie? Laure Prouvosts „We Felt a Star Dying“ im Kraftwerk Berlin, Ayung Kims „Many Worlds Over“ im Hamburger Bahnhof und „Glacier Dreams“ von Refik Anadol im Kunsthaus Zürich setzen sich intensiv mit Themen wie Quantenphysik, alternativen Realitäten und sogar dem Klimawandel auseinander. Grosse Themen, über die an anderen Nicht-Kunst Orten viel zu lesen und studieren ist. Was kann die Kunst also beitragen?
Im imposanten Ambiente des Kraftwerks Berlin entfaltet Laure Prouvost eine immersive Installation, die Besucherinnen und Besucher in die Tiefen des Quantencomputings entführt. Dabei kommt aber auch eine gewisse Form von Humor nicht zu kurz. Beim Betreten des abgedunkelten Riesen-Raumes ziehen schwebende, planetenähnliche Objekte die Aufmerksamkeit auf sich. Diese „Cute Bits“ (niedlich sprachlich angelehnt an die Quibits, kleinste Quantencomputing-Einheiten) genannten Elemente bewegen sich sanft auf und ab, erinnern an Himmelskörper oder mystische Kreaturen, wirken beim näheren Betrachten aber recht un-technisch und wie aus Pappmaché – sie leiten die Gäste tiefer in die Ausstellung. Zentrales Element der Installation ist ein gigantischer, semitransparenter Riesenkrake. Dessen weit ausladende und aus leichtem Mesh-Stoff durchziehen den Raum, heben und senken sich in fließenden Bewegungen und schaffen so eine atmende Atmosphäre. Unter der zentralen Kuppel des Kraken haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, sich zu legen und eine Videoprojektion zu betrachten. Diese zeigt abwechselnd unter anderem einen Vogel auf einer Eisschicht, mikroskopische Aufnahmen von Krill-Tierchen und thermografische Bilder, die in intensiven Farben leuchten. Die Soundlandschaft, entwickelt in Zusammenarbeit mit der Produzentin KUKII, verstärkt das Erlebnis durch eine Mischung aus natürlichen Klängen und elektronischen Tönen. Über allem raunt die kindliche, Englisch mit breitestem Französisch-Akzent sprechende Stimme von Prouvost, die wie eine Schamanin ihren Text vorträgt: “There is no 1 and 0, just us, intertwined”. Wir sind das Grösste und das Kleinste, gleichzeitig – Quantenphysik für poetisch versierte Non-Scientists, Abhängen unterm Video-Screen. Wenn jetzt noch ein Ayahuasca-Punsch die Runde machen würde, ein Grossteil der Besuchenden würde wohl zugreifen..
Prouvost nutzt für ihre Videoarbeit einen Quantencomputer, um die Gleichzeitigkeit verschiedener Zustände und Prozesse darzustellen. Ja, die Ausstellung ist räumlich und in der Ausführung äusserst beeindruckend und ermöglicht es den Besucherinnen und Besuchern, ein Gefühl für die Prinzipien der Quantenphysik zu entwickeln, mehr als ein Sprungbrett ist die verwendete aber nicht. Würde man Broschüre und Intro-Textwand der Ausstellung ignorieren, vielleicht wäre es sogar die unverstelltere, dem Wesen von Prouvosts Kunst entsprechendere Form, sich Fragen zu stellen, die nicht erst seit Quanten-Computern im Raum stehen (https://www.las-art.foundation/de/programm/we-felt-a-star-dying).
Im Hamburger Bahnhof präsentiert die koreanische Künstlerin Ayung Kim mit „Many Worlds Over“ eine interaktive Installation, die das Konzept des Multiversen erfahrbar macht. Ein Manga-Delivery Girl auf ihrem Motorrad, ihr Avatar, mit dem sie eine sinnlich aufgeladene Love Affair zu haben scheint, ein Unfall, Glassplitter: Der Ausstellungsraum ist erfüllt von großflächigen Screens, deren licht-pulsierende Gehäuse wie eine eigene Installation wirken, faszinierenden Metallskulpturen und die Darstellung alternative Realitäten, sogar in einem eigens gestalteten Computer-Spiel. Pulsierende Animationen, generiert durch KI-Algorithmen, verändern sich in Echtzeit und reagieren auf die Bewegungen der Besucherinnen und Besucher. Durch diese Interaktivität entsteht ein Gefühl der Verbundenheit mit den dargestellten Welten, als ob man selbst Teil des digitalen Universums wäre. Die Projektionen zeigen dynamische Muster, die an lebendige Organismen erinnern und ständig ihre Form verändern. Digitale Texte und Symbole sind in die Animationen eingebettet und bieten Hinweise auf alternative Realitäten und Möglichkeiten. Die technische Umsetzung und die Verwendung von Spiegelflächen ist raffiniert, der eigentlich nicht sonderlich grosse Raum wirkt zugleich überwältigend und verwirrend. Kim nutzt KI selbstbewusst und emanzipiert, um stringent in ihrer multi-materiellen Comic-Geschichte zwischen den Welten zu bleiben. Hipster – Gamer – Techno – Affine werden hier ein faszinierendes Intermezzo vorfinden. Wenn der Museums-Wachdienst einem mit Berliner Charme das Video-Spiel erklärt. “Sie müssen mit dem Knop hier loofen und mit dem hier diese Dinger da einsammeln, viel mehr muss man nich´ wissen, einfach machen und Spass haben”, dann ist das bereits eine erstaunlich gute Zusammenfassung meines Eindrucks (https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/ayoung-kim/).
„Glacier Dreams“ von Refik Anadol im Kunsthaus Zürich thematisiert den Klimawandel und den Verlust von Gletschern auf seine eigene Weise. Beim Betreten des dreidimensionalen Kubus, der in allen Dimensionen aus hochauflösenden Screens besteht, zeigt sich abstrakt eine sich langsam verändernde Eislandschaft. Schimmernde, fast transparente Formen symbolisieren die schmelzenden Eisschichten, während sanfte, aber eindringliche Farbverläufe von kühlen Blautönen zu weißen und grauen Tönen den langsamen Prozess des Schmelzens visualisieren – über allem liegt eine sphärische Musik. Die Installation kombiniert Echtzeitdaten über die Eisschmelze mit KI-generierten Bildern, wodurch ein Dialog zwischen konkreten Umweltinformationen und künstlerischer Interpretation entstehen soll. Dennoch stellt sich die Frage, ob die technische Faszination die komplexen ökologischen Zusammenhänge ausreichend transportiert, wir hier im richtigen Medium für die Vermittlung der Thematik sind – die Kunst also in ihrem eigenen Recht arbeitet – oder ob die beeindruckende Bildsprache nicht mehr als ein ästhetisches Hilfsmittel bleibt. Ob Anadol die gigantische Sphere Concert Hall in Las Vegas oder jetzt das Kunsthaus in Zürich bespielt: Spüren wir hier die Implikationen von KI für die Kunst oder (um US-Kritiker Jerry Saltz zu zitieren) betrachten wir lediglich einen faszinierenden “Bildschirmschoner” (https://kunsthaus.ch)?
Kunst in ihrem eigenen Recht – die konkrete und abstrakte Kunst versinnbildlicht dies wohl so gut wie wenige andere. Ein besonderer Ort für diese Form war nun fast 25 Jahre lang das Haus Konstruktiv in Zürich. Das ehemalige Umspannwerk an der Selnau bot eine perfekte Bühne für Formen, Farben, Abstraktion und das Konkrete.
„Konzepte des All-Over“ ist eine eindrucksvolle Gruppenschau, die die Verschmelzung von Farben, Formen, Licht und Architektur zelebriert. Die Ausstellung, die ihren letzten Akt vor dem Umzug des Museums einläutet, entfaltet sich als Hommage an die lange Tradition konstruktivistischer Kunst. Im Mittelpunkt und Ausgangspunkt steht der Rockefeller Dining Room, der hier bereits seit dem Beginn fix installiert war – ein begehbares Meisterwerk von Fritz Glarner (1963/64). Mit seinem System des „Relational Painting“ – modulare Trapezformen in primären Farben und nuancierten Grautönen – schafft Glarner einen faszinierenden dynamischen Raum, der Kunst und Alltagsleben harmonisch vereint – Constructive Art Dinner is served!
Die weiteren Arbeiten können als Variation auf dieses Meisterwerk verstanden werden. Besonders hervorzuheben ist die beeindruckende Installation von Carlos Cruz-Diez. Mit „Chromosaturation“ führt er die Besucher in drei aufeinanderfolgende, farbintensive Kammern, in denen Licht und Farbe auf faszinierende Weise physisch erfahrbar werden. Diese Ausstellung verbindet eine historische Ikone und zeitgenössische Ansätze zu einem Kunsterlebnis, das man sich noch schnell vor der Schliessung anschauen sollte. Auf Wiedersehen heisst es dann ab Mai im Löwenbräu-Areal (https://www.hauskonstruktiv.ch).
Side Feature
Na, steht der Frühjahrsputz an? Dann ist als Begleitung beim Schrubben, Staubsaugen und Polieren dieser Podcast die ideale Begleitung: Zum 100. Geburtstag des “The New Yorker” lädt der längste Podcast aus dem dem Zeit-Verlag den Editor-in-Chief zum Gespräch: “Alles gesagt?” David Remnick ist eine intelligente, amüsante, die USA im aktuellen und historischen Kontext betrachtende Quelle für Inspiration und Einordnung. “Actually, Hitler ruined fascism….” Warum nur von jemandem wie Remnick derartige Sprüche Sinn machen, erfahrt ihr in absolut kurzweiligen 2:20 Stunden – und noch viel mehr (https://youtu.be/jT_c38Ja0cQ?si=v79U2G8ysLTXDW8u).
Next Feature
Im nächsten Double Feature kehrt der Meister der absurden Melancholie zurück an den Ort, an dem seine bahnbrechende Regie-Karriere begann: Christoph Marthaler geht ins Panoptikum und inszeniert an der Berliner Volksbühne “Wachs oder Wirklichkeit”. Wird es ein packender Abend mit Puppen und Pointen? Ich werde berichten…
with cultural regards,
