„Faust“, Schauspiel Frankfurt | MAGA-Fashion
Kompakt Ju Göhte
Double Feature 05/25
Ausflüge am Wochenende in andere Städte, wegen in eines einzigen Theaterstücks? Mit besten Freunden, die meine Begeisterung für Kultur und das darstellende Spiel teilen? Ja, das mache ich sehr gerne, regelmässig und diesmal nach Frankfurt, Goethes Geburtsstadt, zu Faust 1+2. Ein Gretchen-artiger Ausruf “Deutsche Bahn, mir graust vor dir!” war unnötig – bestens versorgt und auf die Minute pünktlich ging es hin und wieder zurück.
Was in der Zeit dazwischen passiert ist, lest ihr hier:
Main Feature
Deutscher wird’s nicht in der Klassik: Der „Faust“ ist Goethes Opus Magnum, die mit dem Teufel per Pakt beschlossene Suche des Homo Oeconomicus nach dem Moment, zu dem er „Verweile doch, Du bist so schön“ sagen kann. Das Werk ist durch die Zeiten gereist, es wurde angeeignet, verstaubt und wieder entstaubt. Den ersten Teil kriegt der im bereitesten Sinne definierte Bildungsbürger sicherlich noch nacherzählt, aber bei dem wesentlich längeren Faust II wird es schon schwieriger, obwohl eigentlich die für unsere Zeit relevanteren Fragen in diesem Teil verhandelt werden – Inbesitznahme, Kapitalismus, künstliches Leben, Krieg. Spoiler Alert: Der Glücks-Moment findet sich nach all der wiedergewonnenen Jugend, dem Gold, dem Geld, den gewonnenen Schlachten und gebauten Palästen nicht – es bleibt ein himmlischer Chor, das Ewigweibliche, das uns hinanzieht im Sterben und Streben.
Der Puppenspieler und Regisseur Jan-Christoph Gockel inszeniert nun beide Teile dieses Stücks in Frankfurt, der Geburtsstadt Goethes, heute die Stadt der Skyscraper und Finanzinstitutionen, nicht nur, aber auch. Das passt und ist eine schlüssige Wahl. Zumal eine Aufführungsdauer „all in“ von 4.5 Stunden angegeben wird, das macht abzüglich zweier Pausen eine ordentliche Straffung nötig, zu der es auch kommt: Kompakt Ju Göthe.
Wer zudem den ohnehin grau-tristen Theatertag in Goethes Geburtshaus beginnt, wird Inspiration und Entstehungs-Motivation von Stück und Inszenierung verstehen: Das im obersten Stockwerk des absolut sehenswerten Hauses zu bewundernde Puppentheater der Familie Goethe zeigt, das Klein-Johann Wolfgang früh und fasziniert mit der Geschichte Doktor Faustens auf Jahrmärkten in Verbindung kam, sein „Urfaust“ entstand in diesem Haus.
Wenn sich also zu Beginn auf der riesigen und leeren Bühne der famose Wolfram Koch, den man bis eben noch als verspätete Putzkraft vermutete, nach vorne schiebt und den Prolog und Dialog des Theaterdirektors mit Gott gleich in einer Person spielt, steigt die Spannung und ist auch ein Hauptelement der Inszenierung bereits sichtbar, eine menschgrosse, grausteinige Gliederpuppe, der nun langsam und wundersam Leben eingehaucht wird – kein Schauspieler, sondern DIES der Faust der Inszenierung, er wird in verschiedenen Formen und Animationen den ganzen Abend zurückkehren. Koch als Theaterdirektor also verkündet: „Mach dich zur grossen Fahrt bereit“, der Bühnenhintergrund öffnet sich und eine gewaltig dimensionierte und aufwändig gebaute Jahrmarkts-Geisterbahn schiebt sich nach vorn. Koch, nun als Mephisto im klassischen Kostüm mit Puffhosen, Hörnchenkappe und Pferdefuss. Einsteigen bitte, die Fahrt beginnt – eine veritable Bilderflut, Schauspieler als Jahrmarktpuppen, opulente, gemalte Kulissen, Marionetten, jede Menge Skelett „Gestalten, die sich schwankend nähern“, teilweise von Kameras aus dem Hintergrund nach vorne auf Leinwände übertragen (Kenner wissen: dies ist der Castorf-Kniff, hundertfach kopiert seitdem). Derart kompakt und kurz, in einer halben Stunde nur, war Faust I noch nicht zu besichtigen: Desillusionierter Forscher, alt, will jung werden, Pudel wird zum Teufel, Pakt, Spaziergang, Margarete, Gier, Schwanger, Kindsmord, Gefängnis, Selbstmord, fertig. 30 Minuten um, erste Pause. Alle Zitate aus dem Goethe-Brevier nebenbei abgehakt, Respekt und Wow. Wie wird sich dieser Abend entwickeln, etwa getreu dem alten Regisseurs-Motto: Immer mit einem grossen Feuerwerk beginnen und dann langsam steigern?
Fokus liegt nun also auf dem Faust II, dieser teilweise nur lose assoziierten Szenenfolge, die aber auch wie ein Lebens- und Erkenntnis-Parcours für Faust und Mephisto wirkt.
Der erste Akt erzählt vom verschuldeten Staat, dem Kaiser, der neuen Reichtum braucht, vom Goldgraben und Geld drucken. Klingt bekannt? Regisseur Gockel führt das Ganze zunächst nach Draussen: vor dem Schauspiel, mit Blick auf die Finanztürme wird dieser Teil dynamisch und mit unplanbaren Passanten- (und Pudelhund-) Interaktionen, auf eine grosse Leinwand nach drinnen übertragen. Stilwechsel gelungen, Aufmerksamkeit weiterhin da.
Im nächsten Akt dann Mensch-Schaffung, Dr. Wagner, sein „Homunkulus“ und die schönste Frau der Welt, wegen derer Kriege angezettelt wurden, Helena. Wieder die Faust-Puppe, diesmal mit dem spielenden Faust-Darsteller and Armen und Beinen verknüpft und genial zu Bewegung und Sprache erweckt. Und vor allem die eben noch als Kaiser polternde, nun als Helena-Android langsam ins Menschliche findende, phantastisch aufspielende Melanie Straub. Schauspieler-Fokus, Puppenzauber, der Abend läuft.
Dann das Kind von Faust und Helena, Euphorion, als durchgerocktes Hipsterkind, das Selbstfindung in einer Skelett-Bowie-Cover-Band sucht und gross aufspielt. Kann eine süüüüüsse kleine Mottenpuppe, die plötzlich dahergeflogen kommt, Trost spenden (und: war die am Abend zuvor von den Freunden im benachbarten Hotelzimmer entdeckte Motte etwa bereits Teil der Inszenierung)? Alles vergebens, es wartet nur Tod des Kindes und der Selbstmord der fühlenden Helena-Menschmaschine. Hier ist der Abend dem postdramatischen Theater eines Nicolas Stemann sehr nahe und ergänzt den stilistischen Jahrmarkt perfekt. Zweite Pause, zweimal Wow.
Faustens Reise muss weitergehen, zunächst jedoch wird ein Zwischenspiel eingeschoben und zurückgespult zu Gretchens Geschichte. Die Kindsmörderin Margarete/Gretchen, die die Gewalt Fausts anklagt, ihren Missbrauch zum lautstarken Vorwurf werden lässt: Lotte Schubert spielt dies als faszinierendes Pas de Deux mit der Faust-Puppe, die sie gleichzeitig zum bedrängenden Leben erweckt. Ausweg aus Schuld und Scham für sie: Thessalische Hexe werden, die ewige Heimsuchung.
Dann landet Faust in „Hochgebirg und Hochfinanz“. Ein recht simpler „Green Screen“ Flug/Ritt durch Frankfurt und seine verstrickt/finanzierte, als überblendete Diashow gezeigte Vergangenheit wird von Wolfram Koch/Mephisto und dem jungen Faust-Darsteller souverän gemeistert, stilistisch fügt das Ganze aber nichts mehr hinzu.
Schliesslich gewonnener Krieg und ein Landstrich am Meer als Palast-Baugrund, der nur noch vom Urpaar der Verbundenheit, Philemon und Baucis, „gereinigt“ werden muss durch Mord. Die Regie-Entscheidung, das alte Paar von sichtlichen Laien, einem älteren Paar spielen zu lassen, erschliesst sich jedoch nicht, die Goethe-Linde – mit all ihrer schrecklichen KZ Buchenwald-Assoziation (dies gleich bei Goethes Weimar gelegen) – als Darsteller mit Astarmen zu zeigen, verpufft als Idee. Dass die Faust Welt-Geisterbahn sich langsam zerlegt und in einigen Trümmern auf der Bühne liegt, ist konsequent, aber ebenfalls etwas erschöpft umgesetzt, ebenso wie das finale Lamento des Faust, das im riesigen Bühnenraum verhallt.
Es bleibt die endlose Fahrt auf dem Jahrmarkt, gefangen in der „Verweile doch“-Schleife, keine himmlischen Chöre erklingen, zu Nina Simones „I put a spell on you“ versammeln sich alle Spieler*innen auf der Bühne, Faustens Puppe verwest im Zeitraffer auf der Leinwand.
Und schliesslich: Exit through Gift Shop. Beim Verlassen des Hauses werden Faust-Präsente, inklusive Pudelkern-Seife dargeboten – jaja, auch kommerziell hat Goethes Hauptwerk schon viel mitmachen müssen.
In Summe: Ein faszinierender, in seiner Detailliebe und die volle Theatermaschinerie fordernden Dimensionen absolut beeindruckender Abend. Hier und da, aber wohl nicht im Fokus stehend: schauspielerisch souveräne und mitreissende Leistungen. Und schliesslich Wolfram Koch/Mephisto, der den Abend über grosse Teile zusammenhält und ihm durch Conference mit hochgezogener Augenbraue die nötige Erdung gibt. Eine stilistisch souveräne Mischung und eine leichtfüssig-coole Fokussierung des Stoffs und derjenigen Motive, die besonders heute und hier im Faust zu finden sind. Zum Schluss hätte es – siehe Regisseur-Motto weiter oben – nochmals mehr Fokus und Kraft gebraucht, selbst in der im Stück ja vorgesehenen Erschöpfung.
Ähnlich der schwankenden Gestalten im Stück also nach fast 5 Stunden zurück ins Hotel, an die dortige Bar und eine letzte Erkenntnis: man kann auch einen Cocktail auf Äppelwoi-Basis machen und ihn „Chez Heinz“ nennen. Aber dies ist eine vergleichsweise banale Erkenntnis und sehr vergänglich. Und „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“…(https://www.schauspielfrankfurt.de/spielplan/kalender/faust-1-2/2258/)
Side Feature
Über Geschmack kann MAGA nicht streiten? Es gibt sie tatsächlich: MAGA-Fashion. Und sie kommt in etwa so daher, wie es zu erwarten war. Ich erspare uns die Fotos. Was nicht aus der Mode geraten darf: Ein wacher Blick auf LGBTQ-Rechte – noch zu erkämpfen oder in Gefahr verloren zu gehen. Bei AllOut (https://allout.org/de/campaigns/) ist eine Liste der aktuellen Themen und Initiativen zu finden, viele davon finde ich unterstützenswert.
Das Bündner Kunstmuseum Chur präsentiert nun Diego Giacometti als eigenständigen Künstler: eine grosse Retrospektive, die sein Changieren zwischen angewandter und freier Kunst klar herausarbeitet. Über beide Häuser verteilt: In der historischen Villa Planta erscheinen die Stücke als „Mobiliar“ im Dialog mit der Familienkunst; im Erweiterungsbau fokussiert die Schau auf Werkprozess, Modelle und Motivschatz. Das Ganze ist absolut sehenswert, weil Haltung und Handwerk zugleich sichtbar werden. Die Schau läuft noch bis Mitte November, der Weg dorthin – erst recht von Zürich aus – lohnt sich.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino und wird wieder episch lang – Brady Corbets “The Brutalist” ist ein heisser Oscar-Anwärter und lässt sich über drei Stunden Zeit für das Erzählen einer Geschichte von Immigration, Gesellschaft und Architektur. Was das mit Doktor Schiwago und Lawrence von Arabien zu tun hat? Ich werde berichten…
with cultural regards,
