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DF 06-25
„The Brutalist“ von Brady Corbet | Rocky Horror Show

Lászlo von Brutalien

Double Feature 06/25

Das Bauhaus in Dessau feiert in diesem Jahr sein 100jähriges Jubiläum. Dies nahm die lokale Vertretung der AfD direkt zum Anlass, dessen Stil als “Irrweg der Moderne” zu bezeichnen und es für “globale Uniformität” verantwortlich zu machen (https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/bauhaus-afd-kulturkampf-100.html). Geschichtsvergessenheit, gepaart mit verquerem und falsch verstandenem Traditionalismus, es stehen einem die Augen schreckgeweitet offen. Gut, dass in der laufenden “Award-Season” sich ein Film dem Thema Architektur, Immigration und Ideale der Kunst wesentlich komplexer, kunstvoller und ergiebiger widmet:

Main Feature

Brady Corbets monumentales Epos „The Brutalist“ eröffnet mit einer Szene von eindringlicher Symbolkraft: Flüchtlinge tasten sich – unterlegt mit drängend-dröhnendem Soundtrack – 1947 durch die düsteren Tiefen eines Schiffes, bis sie schließlich an Deck gelangen und die Freiheitsstatue kopfüber erblicken. Dieses Bild, das die Umkehrung des amerikanischen Traums suggeriert, setzt den Ton für eine Geschichte, die die Desillusionierung und den Kampf eines Mannes in einer fremden Welt beleuchtet.

Im Zentrum steht der ungarisch-jüdische Bauhaus-geschulte Architekt László Tóth, verkörpert von Adrien Brody, der nach den Schrecken des KZ Buchenwald in die Vereinigten Staaten emigriert. Brody verleiht Tóth eine tiefe Verletzlichkeit und zugleich einen unerschütterlichen Willen, der die Zuschauer in seinen Bann zieht. Seine Darstellung fängt die Zerrissenheit eines Mannes ein, der zwischen den Schatten der Vergangenheit und den Verheißungen der Zukunft balanciert – und auch in den USA von Anfang an Vorurteilen und Antisemitismus ausgesetzt ist, zunächst beläuft und subtil, aber dennoch spürbar. Es gibt durchaus Parallelen zu Brodys eindringlicher, mit Oscar ausgezeichneten Darstellung des die Warschauer Pogrome überlebenden Pianisten Szpilmann (woraufhin die Moderatorin der Golden Globes den wiederum Nominierten bereits frech als “Two-time Holocaust survivor” anfrotzelte).

Felicity Jones als Erzsébet, Tóths Ehefrau, bringt eine subtile, aber kraftvolle Präsenz in den Film. Ihre Darstellung einer Frau, die selbst mit Verlust und Anpassung ringt, ergänzt die narrative Tiefe und bietet einen intimen Einblick in die persönlichen Opfer, die mit dem Streben nach einem neuen Leben verbunden sind.

Guy Pearce glänzt in der Rolle des Harrison Lee Van Buren Sr., eines wohlhabenden Industriellen, der Tóth unter seine Fittiche nimmt. Pearce gelingt es, die Ambivalenz eines Mannes darzustellen, der zwischen altruistischem Mäzenatentum als Form und Hülle und eigennützigem Interesse schwankt, und somit die komplexen Machtstrukturen der damaligen Gesellschaft zu beleuchten. Gewählt gespreizte Sprache und Kunst-Platitüden als Wärmedecke des aufstrebenden American Entrepreneurism.

Es ist erst Corbets dritter Film und wohl nicht allzu falsch, von einem sehr frühen Karriere-Höhepunkt zu sprechen, Faszination für die Werke von David Lean und Stanley Kubrick hat er in einem Interview jüngst geäussert, und diese ist in vielen Szene spürbar. Die epische Erzählweise und die präzise Bildkomposition erinnern a Leans Monumentalfilme, zum Beispiel „Lawrence von Arabien“ oder „Doktor Schiwago“. Die tiefgründige Erforschung menschlicher Abgründe und die stilistische Strenge zeigt Parallelen zu Kubricks Schaffen, durchaus. Die Entscheidung, den Film auf echtem 70-mm-Filmmaterial im selten genutzten VistaVision-Format zu drehen, verleiht ihm eine visuelle Opulenz und zeitlose Qualität, die überwältigt und den Weg ins grosse Kino mehr als lohnt.

Die Wahl des Brutalismus als architektonischer Stil spiegelt zudem Tóths innere Welt wider. Der Brutalismus, geprägt von rohem Sichtbeton und klaren geometrischen Formen, steht für eine ungeschönte Ehrlichkeit und Funktionalität. Diese Architektur verkörpert sowohl die Härte als auch die Schönheit des Lebens und dient als physische Manifestation von Tóths Traumata und seinem Streben nach Neuanfang. Seine Bauten sind monumental und ungeschönt, ähnlich den Erfahrungen, die er im KZ Buchenwald gemacht hat. Durch seine Architektur versucht Tóth, Ordnung und Sinn in eine Welt zu bringen, die durch Krieg und Leid gezeichnet ist.

In einer der eindringlichsten Sequenzen des Films erreichen die Spannungen zwischen Tóth und Van Buren ihren erschütternden Höhepunkt. Während sie in den ehrwürdigen Marmorsteinbrüchen von Carrara nach dem perfekten Stein für ein monumentales Bauwerk suchen, geraten sie in eine abgelegene Ecke der Höhlen. Dort eskaliert ihre ohnehin komplexe Beziehung in einer schockierenden Szene, in der Van Buren Tóth vergewaltigt. Diese brutale Tat macht die zuvor unterschwellige Ausbeutung und das Machtungleichgewicht zwischen den beiden Männern auf erschütternde Weise sichtbar.  Der Marmor-Steinbruch von Carrara, seit Jahrhunderten ein Inbegriff für Reinheit und künstlerische Meisterwerke, bildet einen scharfen Kontrast zu der Gewalt, die sich in seinem Inneren abspielt. Diese Szene dient nicht nur als dramatischer Wendepunkt in der Erzählung, sondern vertieft auch die thematische Auseinandersetzung des Films mit Macht, Kontrolle und den seelischen Narben der Vergangenheit. Sie zwingt den Zuschauer, die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Abgründe der menschlichen Natur zu konfrontieren, eingebettet in die rohe und ungeschönte Ästhetik des Brutalismus, die den gesamten Film durchzieht.

Da ist es entspannend und überraschend, dass der Film in seinem Epilog den über 70jährigen Tóth bei der ersten Architektur-Biennale 1980 in Venedig zeigt, und seine Cousine ihn mit einer rührenden Ansprache ehrt, gefolgt vom Italo-Pop Klassiker “One for you, one for me“. Dass man aus ausgerechnet DIESEM Film mit wippendem Schritt kommen würde, hatte sich während der rund 3,5 Stunden vorher nun wirklich nicht angedeutet. 

In einer Zeit, in der Fragen der Identität, Migration und des kulturellen Austauschs weltweit im Vordergrund stehen, bietet „The Brutalist“ eine tiefgründige Reflexion über die Herausforderungen und Kompromisse des amerikanischen Traums. Der Film thematisiert die Spannungen zwischen persönlicher Integrität und dem Druck zur Assimilation sowie die Opfer, die oft mit dem Streben nach Erfolg verbunden sind.  „The Brutalist“ ist ein konservatives, filmisches Meisterwerk, im besten Sinne. Ein Film, in dessen Bildern man erschrocken schwelgen kann und dessen eindringlich nahe und menschliche Personenzeichnung einen in den Bann zieht. Und das alles mit eingebauter Film-Pause, die in diesem Falle nötig und passend ist…(https://www.youtube.com/watch?v=6d7yU379Ur0)

Side Feature

Ich wurde in den vergangenen Wochen mehrfach gefragt, woher der Name des Newsletters kommt: Double Feature. Die Rocky Horror Show hat mich in meiner  – nun ja – Jugend sehr beeindruckt in ihrer Radikalität, Spielfreude und mit ihren Songs. Das erste Stück darin heisst “Science Fiction/Double Feature” und hier ist der Filmausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=GKhPVHoodrU&themeRefresh=1 . Aber das wusstet ihr bestimmt… Doppelvorstellung, doppelt gesehen, doppelt gesagt – hält besser, oder? 

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es gleich 4x ins Musiktheater. In Berlin und Zürich zeigen vier Produktionen sehr unterschiedliche Sichten auf Frauen, ihre Rollen in der Gesellschaft und die Vorstellung von Weiblichkeit. Es geht um Frauen ohne Schatten, Deutschlandmärchen, Hüte fressende Pferde und kleine Meerjungfrauen. Ich werde berichten…

with cultural regards,

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