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„Wachs oder Wirklichkeit“, Volksbühne Berlin | „Marzahn von Amour“, ARD

Nimm mich in die Wirklichkeit

Double Feature 12/25

„Ring the bells that still can ring

Forget your perfect offering

There is a crack, a crack in everything

That’s how the light gets in.“

Leonard Cohen war ein musikalisches und vor allem textendes Genie und dies nicht erst, nachdem er ein Zen-Kloster besucht hatte. Die berühmten Zeilen aus seinem Song „Anthem“ von 1992 fielen mir in den letzten Tagen mehrfach ein und auf, sie scheinen mir momentan sehr passend – tröstend im gleichen Maß wie ermutigend, im Kleinen wie im Grossen.

Die Risse, die das Licht hereinlassen, davon wird später in dieser nun bereits 12. Ausgabe von „Double Feature“ (das Dutzend ist voll…) noch einmal die Rede sein. Risse, die nicht verschlossen werden sollten – währenddessen schlägt mir meine Amazon App ernsthaft vor: „Wir dachten, ihnen würde vielleicht unsere Auswahl an Schleifscheiben gefallen“. Ist noch ein weiter Weg, liebe KI…(https://youtu.be/c8-BT6y_wYg?si=dtNP9hfWGPVX7WBz).

In dieser Ausgabe geht es um die Rückkehr des Regie-Grossmeisters Christoph Marthaler an den Ort, an dem seine schon drei Jahrzehnte währende Karriere begann: die Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz.

Main Feature

Christoph Marthaler war Architekt, bevor er mit knapp über fünfzig Jahren Regisseur wurde. Es war eine Umschulung der für uns glücklichen Art, als er 1993 an der Volksbühne „Murx den Europäer…“ inszenierte. Drollig abstruse Knallchargen in Karo-Pullover und mit Kassen-Brillengestell, Übriggebliebene einer Übergangszeit, vollzogen in einem getäfelten Wartesaal eine musikalische Revue mit Texten. Über allem lag eine Aura des melancholisch Absurden, des Imperfekten und lachhaft Vergeblichen, eine Endlosschleife menschlicher Bestrebungen, die lustigerweise zum Scheitern verurteilt sind.

Es wurde der Auftakt für eine epochale Regie-Karriere, der Stil unverwechselbar und oft kopiert, unvergessen das Lied „Danke für diesen schönen Morgen…“, das noch jahrelang in der Telefon-Warteschleife der Volksbühne zu hören war (https://youtu.be/p9P_LzQK_8M?si=oQfDk9vnqP9rfOob).

Nach über 10 Jahren kehrt Marthaler  – über 80jährig – nun zurück an den Rosa-Luxemburg-Platz, fragt „Wachs oder Wirklichkeit“ und meint es wörtlich. Inspiriert von einem Panoptikumbesuch in Hamburg (nicht Berlin, das dortige Panoptikum besuchte ich in meiner Kindheit mit grosser Begeisterung…) wird ein von Marthalers „Haus“-Bühnenbildnerin Anna Viebrock geschaffener zweistöckiger Foyer/Wartesaal/Bibliothek/Lounge-Raum sichtbar, perfekt in vielen Details gestaltet. 50er Jahre, Geländer und Sitzmöbel, rechts eine „Überflutetes Ahrtal“-Wandtapete , links ein drollig geschmackloser roter Vorhang mit Bienenprint. Und mittendrin im ganzen Raum verteilt: Wachspuppen, die mehr oder weniger schnell erkennbar sind. Lady Di, Heino, Horst Lichter, Margot Honecker, Karl Lagerfeld, Albert Einstein, Imelda Marcos, Taylor Swift, Kent Nagano bilden die skurrile Runde. Wenn dann die famose und bereits 85-jährige Hildegard Alex mit Staubwedel im Raum herumschreitet und einige der Figuren zum Leben erweckt, realisiert man, dass sich hier wächserne Puppen und fleischliche Schauspieler vermischt haben. Was ist echt, was ist fake, sind die Figuren wirklich, was sie qua Kostüm vorgeben zu sein?  – Was für eine Szenerie und Ausgangslage!

Sogleich stürzt sich der Abend dann lang und länger in Text und Texte – Marthaler hat den in Deutschland recht unbekannten und vor ein paar Jahren verstorbenen Schweizer Autor Jürg Laederach ausgesucht, um die Thematik des Abends zu unterlegen. Laederachs Texte sind absurde Gebilde, sie treiben die Beschreibung von Alltag, Miteinander und Auseinandersetzung durch leichte Wortverschiebungen, Verdrehungen, Wiederholungen und Rhythmisierungen ins Abstruse und Tragkomische. Marthaler bedient sich bei Laederachs Romanen und Einzeltexten und lässt sogar eine kleine Sitcom-Theaterskizze aufführen. Textproben gefällig? „Das Leben ist eine Pistole, es geht kaum je los. Manchmal aber doch“ – „Schau nicht immer in deine Unterhose, als wäre da die Zukunft drin“ – „Wenn ich deine Meinung hören will, werde ich sie dir schon sagen“. Die Figuren sprechen vor sich hin oder miteinander – irgendwo zwischen Dieter Roths Dada und Hausgeist Rene Polleschs Zivilisations-Suada. Und immer wieder ruft die staubwedelnde Hildegard Alex: „Nicht einschlafen!“

Auch musikalisch ist der Abend passend und hochoriginell aufgestellt. Jürg Kienberger (Marthalerianer der ersten Stunde) geistert unverändert knallchargig von Klavier zu Synthesizer und lässt hin und wieder seine glockenhelle Stimme erschallen, Clemens Sienknecht – bestens in Hamburg geschätzt für absurde Musik/Theater Revuen – beglückt die Szenerie mit „Drei Engel für Charlie“ Gedenkfrisur und einem allzu eng anliegenden weissglänzenden Overall. Wenn er am Anfang vor den eisernen Vorhang tritt, um „Rhythm is a Dancer“ in einer Klavierfassung zum Besten zu geben, verhakt er sich leider und zum Glück bereits im ersten Wort und kommt mehrere Minuten lang nicht vom Fleck – Erinnerungen an „Danke für….“ von 1993 werden wach und sind wohl auch gewollt.

Wie üblich bietet der Abend eine gewagt/entschiedene Mischung aus Klassik – diesmal Mendelsohn-Bartholdy und Monteverdi  – und vor allem Schlagern.

Zentraler Moment des Abends wird daher die mitreissende Darbietung eines Kirchentags-tauglichen 90er Jahre Songs durch Tora Augestad. „Nimm mich in die Wirklichkeit, irgendwas nimmt mir das Licht, nur durch einen Spalt seh ich dieses wunderbare Licht“. Da ist er wieder, der weiter oben bereits beschriebene „Crack“ a la Leonard Cohen, in wunderbarer Marthaler-Manie dargeboten: Wahrhaftigkeit im Wachsfiguren-Kabinett. Rührend auch, wenn sich die echten Spieler*innen zum Schluss einen wächsernen Partner suchen und dann Burt Bacharachs „That´s what friends are for“ in sanftem Chor-Arrangement erklingt. Hier ist die Inszenierung bei sich – was ist wahr, was nicht, ist die Wahrheit im Einzelnen oder Gemeinsamen verborgen? Fake and my and your and our reality? Ein kluger und gleichzeitig nicht bedeutungshubernder Abend, tröstend und absurd erheiternd, das gelingt in solchen Momenten (https://youtu.be/dOba1lDnPJg?si=jbgnj3yFeRhcwhhT).

Viele Anspielungen an die alten, oft etwas zu sehr verherrlichten Volksbühnen-Zeiten sind in diesem Panoptikum verborgen und enthüllen sich nach und nach – über Rene Pollesch wurde schon geredet, das teils über-amateurhafte Vorsprechen von Texten kennt man aus Castorfs Endlos-Inszenierungen bestens – und sieht der Wachskopf links in der Vitrine nicht genauso aus wie der Volksbühnen-Grande Henry Hübchen?

Beste Zutaten also für einen perfekten Marthaler-Punsch? Erstaunlicherweise bleibt eine leicht schale Note im „Abgang“. Warum? Vielleicht deshalb, weil die Wachs-Spieler trotz Texten und Musik den Bühnenort nicht ausreichend in Besitz nehmen und durchmessen, durchstolpern, durchqueren. Zu oft ist es eine Abfolge von Nummern, eine von Auftritt zu Auftritt laufende Revue. Da entstehen dann leider auch Risse, die den Abend etwas auseinander fallen lassen. Vielleicht war es die Erschöpfung bei der zweiten Vorstellung nach der Premiere?

Kein perfekter, aber ein in vielerlei Hinsicht typischer und stolpernd glücklichmachender Abend ist es geworden. Im Foyer der Volksbühne werden Postkarten verteilt, auf denen zu lesen ist: „Manche lachen, keiner weint“. Das trifft es eigentlich ganz gut.(https://www.volksbuehne.berlin/#/de/repertoire/wachs-oder-wirklichkeit)

Side Feature

Leben in Berlin-Marzahn, ein ehrlicher und liebevoller Blick auf die Menschen dort und ihre Probleme, Hoffnungen und Sehnsüchte – dies alles in einer neuen Serie nach dem Roman von Katja Oskamp: „Marzahn Mon Amour“. Das könnte klischierter Kitsch werden – wird es aber nicht, dank einem pointierten Buch und der in Ruhe und mit grosser Empathie arbeitenden Regie und Kamera. Und vor allem dank Jördis Triebel als strauchelende Schriftstellerin Kathi, die als Fußpflegerin anheuert. Sie ist die Idealbesetzung für diese Rolle, zusammen mit einem hervorragenden Ensemble an Fuss-Zu-Pflegenden schafft sie in 6×25 minütigen Folgen Miniaturen über das Leben, seinen Lauf, setzt Marzahn ein liebevolles Denkmal jenseits von AfD- und Proll-Vorurteilen. Das erinnert teilweise an Andreas Dresen, findet aber eine eigenständige Sprache und ist eine kleine und vielleicht doch nicht sinnlose Hoffnung darauf, dass nur Zuhören, Nähe und Güte uns retten können (https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL21hcnphaG4tbW9uLWFtb3VyLzhlOWYzMGRjLWYyMzMtNGYwNy1iNDNhLTgxMTEzMDczZjAxOA).

Und dass man vielleicht mal Glitzer-Fussnagellack probieren sollte…

Next Feature

Im nächsten Double Feature wird es Minimal Music-musikalisch. Die Komische Oper bringt Philipp Glass´Oper „Echnaton“ zur Aufführung, der bärige Wirbelwind Barrie Kosky führt Regie. Wird es ein minimal maximales Erlebnis? Ich werde berichten…

with cultural regards,

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