„Bernarda Albas Haus“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg | „Also sprach Zarathustra“, Schauspielhaus Zürich | Cyprien Gaillard, Galerie Sprüth Magers
O Mensch! Gib Acht!
Double Feature 20/25
Nummer 20, oha! Vielen Dank an die “DF-Community”, alte und neue Mitglieder, für den Weg bis hierher… und bitte daran denken: unterstrichene Passagen im Text führen direkt durch Klick zu Links und weiterführenden Informationen. Toll, oder?
Seit ich in derselben Strasse in Berlin wohne und regelmässig beim Nachbarhaus an einer Gedenktafel vorbeigehe, die an Mascha Kaléko erinnert, als sie hier von 1936-1938 lebte, habe ich ihr Werk wieder bewusster wahrgenommen – nicht zuletzt durch eine hervorragende Sammlung ihrer Werke, die jüngst herauskam.
“Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Mein Leid verklang wie ein gehauchtes Wort.
Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle
Das trug wie eine Welle mich hinfort.
Und Licht ergoß sich über jede Stelle,
Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh. –
Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Nun schließ ich sie bald nicht wieder zu.”
Diese Verse entstanden sehr wahrscheinlich Anfang der 1940er Jahre in Kalékos kleinem Greenwich-Village-Zimmer. Im Augenblick eines plötzlichen Sonneneinfalls ins enge „Exil-Zell“-Zimmer verwandelt sie ihr Gefühl von Gefangensein in ein Bild überwältigender Helligkeit – eine poetische Sekunde des Aufatmens und der Zuversicht mitten im materiellen und seelischen Ausnahmezustand des New-York-Exils.
Zuversicht, Aufatmen, das Helle – an diese Begriffe musste ich mich erinnern, als ich in Berlin und Zürich zwei Theater-Produktionen besuchte, die DIES nun gerade nicht ausstrahlten…Verse als Gegengift, sozusagen.
Main Feature
Katie Mitchells Hamburger Produktion „Bernarda Albas Haus“ – die als Gastspiel das diesjährige Theatertreffen in Berlin eröffnete – ist zur Abwechslung kein Live-Kino-Abend, sondern ein klaustrophobisch offenes Puppenhaus: Zwei Stockwerke, zwölf Zimmer, vorn aufgeschnitten wie ein Diorama. In Alice Birchs straff modernisierter Lorca-Fassung beobachten wir 90 Minuten lang ein Uhrwerk aus Parallelmontagen, Mikroport-Geflüster und Zeitlupen, das patriarchale und durch die Mutter Bernarda ausgeübte Gewalt seziert – sicherlich eindrucksvoll, aber oft auch erstickend.
Lorca schrieb seinen Dreiakter 1936 kurz vor seiner Ermordung; erst 1945 wurde er uraufgeführt. Alice Birch greift im Heute seine Frauentragödie in einer Kette von Übersetzungen auf und schärft Motive wie sexualisierte Kontrolle, Social-Media-Ablenkung und Klassenspannungen, ohne den Handlungskern zu sprengen. Ihre Simultanstruktur – Szenen laufen oft versetzt, aber ineinander verzahnt – liefert Mitchell die Partitur für extreme Präzision.
Mitchell verzichtet auf die sonst typische Live-Video-Überblendung; stattdessen trägt das offene Haus selbst den Voyeurismus – wir brauchen keine Leinwand, weil jedes Zimmer permanent sichtbar bleibt. Paralleldialoge greifen „wie Zahnräder“ ineinander, doppelte Chor-Momente erzeugen Unbehagen, und Mikroports lassen Sätze ortlos im Raum schweben. Die starre Sichtachse zwingt die Zuschauenden, ihre Aufmerksamkeit aktiv zu lenken. Aber: Das visuelle Konzept gerät phasenweise zur illustrativen und bei aller Grausamkeit stylischen Schaubühne, die Ambiguitäten glättet und allzu sehr ästhetisiert.
Alex Eales’ blassgelber Setzkasten erinnert an ein Gefängnis mit Gittertor; Privatsphäre existiert nirgends. Das Licht tastet Zimmer wie Laborröhren ab, während Paul Clark/Melanie Wilson eine Soundscape zwischen Herzschlag und Sirene über die Szene legen. Die ästhetische Brutalität illustriert, was der Text bereits benennt – ein doppelter Holzhammer, der Wirkung erzielt, aber kaum Raum für Subtext lässt.
Julia Wieninger liefert als Bernarda eine kontrollbesessene Furie, deren Macht in körperlicher Präsenz und kaltem Timbre kulminiert. Bettina Stuckykontrastiert als demente Maria mit grotesker Verletzlichkeit. Die Töchter (u. a. Linn Reusse, Eva Maria Nikolaus) formen ein Ensemble-Korps, das zwischen choreografierter Stille, eruptiven Wutausbrüchen und synchron gesprochenen Zeilen oszilliert – technisch brillant, aber auf Kosten individueller Tiefe.
Starkes Ensemble, radikales Raumkonzept, akustische Hochspannung – doch die totale Sichtbarkeit birgt ihr Paradox: Was ständig transparent ist, bleibt selten rätselhaft. Birchs Text gewinnt Aktualität, verliert aber Poesie, und Mitchells rigide Choreografie beeindruckt mehr, als sie atmen lässt. Ein dann noch textfern zum Schluss inszenierter Kollektiv-Selbstmord von Mutter und Töchtern verhallt im gruselig Ästhetischen. Ein Abend, der im wahrsten Sinn des Wortes „unerbittliches Theater“ bietet – scharf fokussiert, formal virtuos, jedoch so hermetisch, dass Empathie und die Hoffnung, dass der Mensch doch nicht ein derartiges Monstrum sein könne, durch die Gitterstäbe schlüpft.
Wird also nichts mehr mit dem Menschen – sollte es also eher der „Übermensch“ werden?
Mit Sebastian Hartmanns Zürcher “Also sprach Zarathustra” erlebt man einen vier-einhalb-stündigen Theater-Rausch, der Nietzsches prophetischen Text in ein technoides Gesamtkunstwerk verwandelt – berauschend und zugleich ermüdend. Hartmanns erstes Gastspiel am Schauspielhaus Zürich präsentiert sich als radikale Sinnesmaschine, die zwischen Ekstase, Diskothek und Live-Performance pendelt.
Friedrich Nietzsches Original verkündet den Tod Gottes, ewige Wiederkunft und die Idee des Übermenschen – Gedanken, die jede „richtige“ Auslegung unterlaufen sollen. Hartmann folgt diesem Geist: Statt linearer Dramatisierung zerlegt er das Werk in Monolog-Splitter, Videozitate und Sound-Loops, so dass Bedeutung permanent entgleitet.
Der Abend in der riesigen, in ganzer Länge bespielten Halle des Schiffbaus dauert lang und endet recht punktgenau um Mitternacht, was bei einem Besuch unter der Woche schon allein eine Herausforderung ist. Ein „Starter-Kit“ aus 3-D-Brille, Ohrstöpseln und Gebrauchsanweisung signalisiert früh, dass hier körperliche Ausdauer gefragt ist. Die Bühne – 50 Meter lange, weiß gekachelte Wände, die verschoben und als Projektionsflächen genutzt werden – verwandelt die Halle in ein begehbares Diorama. Live-Kamera-Bilder legen intime Close-ups über das Panoptikum.
Zwischen den Textblöcken treibt DJ Samuel Wiese das beeindruckend kostümierte Ensemble und – zweimal – Teile des Publikums in einen Techno-Rave; Barbesuche sind aber ausdrücklich erlaubt. Gegen Ende kippt das Spektakel ins Bildhafte: Schauspieler*innen überschütten eine riesige Leinwand mit Farbe, ehe das Szenario in Stroboskop und Kunstnebel verpufft. Das neunköpfige Ensemble – u. a. Elias Arens, Linda Pöppel, Tabita Johannes, Artemis Chalkidou – teilt Zarathustras Rede in eruptive und teilweise nackt dargebotene Soli. Arens’ zehnminütiges Furioso im Farbregen setzt einen Höhepunkt und wird mit Szenenapplaus belohnt. Pöppel findet schliesslich in ihrem ruhigeren Nacht-Monolog lyrische Klarheit.
Hartmanns Markenzeichen – ekstatische Dauer, Medienvermischung, kollektive Improvisation – soll Denken „in Bewegung setzen“. Tatsächlich entstehen dionysische Momente, wenn Text, Beat und Körper verschmelzen. Gleichzeitig zeigt sich die Kehrseite des Konzepts: Die permanente Überreizung nivelliert Dynamik; nach der zweiten Tanzpause wirkt der Exzess vorhersehbar. Etwa ein Drittel des Publikums verlässt den Saal vor Schluss – ein Kommentar auf die fehlende dramaturgische Verdichtung?
Ein Abend von enormer Sinneswucht, der Nietzsches Antipredigt als Festival der Überforderung feiert. Wer sich auf Viereinhalb-Stunden-Techno-Theater einlässt, erlebt grandiose Bilder und starke Einzelleistungen; wer nach philosophischer Schärfe sucht, könnte in der Dauerwelle aus Sound und Farbe das Denken erlahmen fühlen. Ermüdet, aber bewegt verlassen wir um Mitternacht den Schiffbau – und hören doch nicht etwa Nietzsches/Zarathustras Stimme flüstern – wenn auch nicht vom Hellen, dann wenigstens vom Tiefen?
O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
Side Feature
Grausamkeit, Leere, Gottes Tod – machen wir konsequenterweise gleich in diesem Geiste weiter:
Deutschland, eine Zivilisationswüste – aber mit Witz. Cyprien Gaillard knüpft in der Berliner Galerie Sprüth Magers mit seiner 30-minütigen 3D-Filminstallation Retinal Rivalry (2024) direkt an frühere stereoskopische Arbeiten wie Nightlife (2015) an und treibt die technische wie konzeptuelle Erforschung des bewegten Bildes weiter. Gedreht in 4K und mit 120 fps als duale Projektion präsentiert, bombardiert der Film das Auge mit mehr Informationen, als es verarbeiten kann – ein kalkuliertes Spiel mit dem Wahrnehmungsphänomen der „retinalen Rivalität“, bei dem das Gehirn zwischen zwei inkompatiblen Bildern oszilliert.
Inhaltlich führt Gaillard durch ikonische und scheinbar banale Stadträume Deutschlands – von den römischen Ausgrabungen unter dem Kölner Dom bis zum improvisierten Michael-Jackson-Memorial in München – und legt dabei sedimentierte politische, popkulturelle und architektonische Schichten frei. Hyperreal scharfe Aufnahmen aus irritierenden Perspektiven (etwa im hohlen Bronze-Kopf der Bavaria-Statue oder in Rattenhöhe vor einem Nürnberger Burger King) verdichten sich zu einer psychedelischen Collage aus Faszination und Unbehagen.
Damit übersetzt Retinal Rivalry Gaillards langjährige Beschäftigung mit Entropie, urbanen Ruinen und kollektiver Erinnerung in eine sinnliche Vollerfahrung: ein Expanded-Cinema-Format, das das Publikum physisch in den Bildraum hineinzieht – und auch bald in München im Haus der Kunst zu sehen sein wird.
Next Feature
Im nächsten Double Feature wird es tänzerisch – das vielfach gelobte Staatsballett Berlin hat eine Zürcher Produktion von Schuberts Winterreise neu einstudiert – mitten im Mai. Und das legendäre Tanztheater Pina Bausch konfrontiert die TänzerInnen der legendären „Kontakthof“ Inszenierung von 1978 mit ihren damaligen Videobildern. Tanzen und Springen, Lachen und ….?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
