Nan Goldin, Neue Nationalgalerie Berlin | Rineke Dijkstra, Berlinische Galerie | Hannelore Hoger
Picture Imperfect
Double Feature 02/25
Heute geht es um die Kunst der Fotografie, momentan zu besichtigen in zwei bemerkenswerten Ausstellungen in Berlin
Main Feature
Berlin zeigt derzeit zwei außergewöhnliche Ausstellungen, die sich auf ganz eigene Weise mit Identität und Menschlichkeit auseinandersetzen: Nan Goldins „This Will Not End Well“ in der Neuen Nationalgalerie und Rineke Dijkstras „Still — Moving. Portraits 1992 – 2024“ in der Berlinischen Galerie. Beide präsentieren intime Einblicke in das Leben ihrer Sujets, doch während Goldin uns mit roher Emotionalität in die Abgründe persönlicher Geschichten führt, bleibt Dijkstra im meditativen, fast formalen Rahmen des klassischen Porträts. Zwei Blicke auf Menschen, die mehr verbindet, als es auf den ersten Blick scheint.
In der Neuen Nationalgalerie wird Nan Goldin als Chronistin von Außenseiterlebens gezeigt. Ihre Bilder sind ein Blick in Welten, die selten so eindrücklich dokumentiert werden: Drag-Kultur, queere Gemeinschaften, gelebte Sexualität, aber auch Drogenabhängigkeit und Gewalt. Goldin zeigt Menschen in Momenten voller Zärtlichkeit, Lust und Leid – ungeschönt, manchmal brutal ehrlich, aber nie voyeuristisch, immer empathisch.
Das Ausstellungskonzept mit sechs Pavillons, gestaltet von Architektin Hala Wardé, unterstreicht die thematische Vielfalt. Besonders eindrucksvoll sind Goldins Diashows, allen voran „The Ballad of Sexual Dependency“, die immer noch eine emotionale Wucht entfalten. Bilder wechseln im Takt von Lou Reeds „Perfect Day“ oder Velvet Undergrounds „Heroine“ – Momentaufnahmen eines Lebens in radikaler Freiheit, aber auch in Zerbrechlichkeit.
Goldins Werk ist aber nicht nur humanistisch, es ist auch politisch, wie sie bereits bei der pro-palästinensisch aktivistisch umbrüllten Eröffnung sagte. Die Ausstellung thematisiert ihren aktuellen Furor gegen Israel und von ihr angeklagten Genozid nicht, sie endet mit ihrem bereits “historischen” Aktivismus gegen die Sackler-Familie und die Opioid-Krise in den USA. Hier zeigt sie, dass Kunst nicht nur Dokumentation, sondern auch Intervention sein kann – und genau in diesem Moment ihre Vielschichtigkeit und Differenziertheit verliert und verlieren muss. Dennoch: Goldins Blick auf die Welt ist und bleibt persönlich und zugleich universell – ein kraftvoller Aufruf, genauer hinzusehen (https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/nan-goldin/).
In der Berlinischen Galerie zeigt Rineke Dijkstra ihre unbestechlichen Porträts von Menschen in Übergangsphasen ihres Lebens. Wo Goldin impulsiv und emotional ist, arbeitet Dijkstra mit strenger Formalität und unendlicher Geduld. Ihre Porträts sind still, reduziert, fast skulptural – doch in dieser Ruhe liegt eine enorme Kraft.
Ein besonderer Fokus liegt auf Jugendlichen, deren Identität noch im Werden ist. Serien wie „Beach Portraits“ oder „The Buzz Club“ zeigen junge Menschen in einem Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Verletzlichkeit und Selbstbehauptung. Dijkstras Blick ist empathisch und zurückhaltend – sie gibt ihren Porträtierten Raum, sich selbst zu zeigen.
Herausragend sind auch ihre Videoporträts, besonders “I see a woman crying”, das eine Gruppe von SchülerInnen beim Betrachten und Interpretieren eines Bilds von Picasso zeigt. Eine rührende, poetische, universelle Arbeit über Wahrnehmung von Reflexion von Kunst (https://berlinischegalerie.de/ausstellungen/aktuell/rineke-dijkstra/).
Obwohl Goldin und Dijkstra auf den ersten Blick sehr unterschiedlich arbeiten, gibt es subtile Parallelen. Beide Künstlerinnen interessieren sich für Übergänge – Goldin für Momente extremer Emotionen, Dijkstra für Lebensphasen des Wandels. Beide porträtieren ihre Sujets mit radikaler Ehrlichkeit, ohne zu beschönigen oder zu manipulieren.
Doch während Goldins Arbeiten fast überwältigend emotional sind, wirkt Dijkstra distanzierter. Goldin erzählt Geschichten, ihre Werke fühlen sich oft wie Tagebucheinträge an. Dijkstra hingegen hält fest, beobachtet – ihre Porträts gleichen eher eingefrorenen Momenten in einem fortwährenden Prozess.
Wer sind wir in den Augen anderer? Welche Geschichten erzählen wir über uns selbst? Wo enden Authentizität und wo beginnt Inszenierung? In einer Zeit, in der Identität politisch ist, könnten diese Fragen kaum aktueller sein.
Wer sich auf beide Ausstellungen einlässt, erlebt zwei grundverschiedene, aber komplementäre Sichtweisen auf das Menschsein. Ein lohnender Doppelbesuch – irgendwo zwischen roh und reduziert, impulsiv und meditativ.
Side Feature
Im Erinnerung an die im letzten Dezember verstorbene Schauspielerin Hannelore Hoger hier mein “Lieblings”-Zitat von ihr: “Man soll sich auf das Leben einlassen, wenn´s kompliziert wird, wird´s kompliziert”.
Next Feature
Im nächsten Double Feature gehen wir ins Kino – zu Daniel Craig, der in “Queer” mit vollem Konsum- und Körpereinsatz alles daran setzt, sein 007-Image loszuwerden.
with cultural regards,
Daniel
