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DF 03-25
„Queer“ von Luca Guadagnino | Erich Kästner 

Queer and Loathing in Mexico City

Double Feature 03/25

Ich hoffe, ihr verbringt den Januar trotz vielem optimistisch und mit dem einen oder anderen Plan für das noch junge Jahr. Das Kultur-Jahr 2025 zeigt sich schon jetzt in ersten Umrissen als eins, auf das ich sehr gespannt bin. Und wie es mit dem ersten Monat im Jahr so ist: er vergeht erschreckend schnell und irgendwo zwischen Dry January und Dry White Wine, was mich angeht.

Heute gehen wir ins Kino und der erste Film dieses Jahres heisst für mich “Queer”

Main Feature

Im neuesten Film des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino, schlicht „Queer“ betitelt, wagt sich der Filmemacher an die Herausforderung, William S. Burroughs‘ gleichnamigen, berüchtigt fragmentarischen Roman auf die Leinwand zu bringen. Was daraus entsteht, ist ein Film, der ebenso betörend wie irritierend ist – ein Werk, das von großartiger Schauspielkunst und einer atemberaubenden Cinematographie lebt, zugleich jedoch die Frage aufwirft, ob Stil und Substanz wirklich Hand in Hand gehen.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Daniel Craig. Der ehemalige Bond-Darsteller übernimmt die Hauptrolle des Lee, einer Figur, die irgendwo zwischen Selbstzerstörung und verzweifeltem Begehren taumelt – im Mexico City der 50er Jahre. Craig spielt Lee mit einer Intensität, die fast schon unangenehm nah geht. Da er in seinen Werbeauftritten perfekt geschnittene Smokings bereits für extra flauschige Pullover tauschte und sein Hairstyle auch eher ins Wuschlige ging, deutete sich ein Image-Wechsel bereits mehr als an. Seine Darstellung ist verletzlich, roh, manchmal abscheulich – genau das, was der Stoff verlangt. Craig gelingt es, den inneren Kampf, die Sehnsucht nach Zuneigung und Liebe des Protagonisten so glaubhaft zu verkörpern, dass man sich seiner Präsenz nie entziehen kann. Es ist eine mutige Performance, die zeigt, dass Craig weit mehr als einen Martini-schwingenden Geheimagenten zu bieten hat. Sein “object of desire”, sphinxartig und in sich ruhend gespielt von Drew Starkey, ist eine perfekte Projektionsfläche.

Doch so beeindruckend die Schauspielkunst auch ist und auch ein kaum erkennbarer Jason Schwartzman als “Allen Ginsberg”esker Sidekick ebenfalls absolut sehenswert, es ist die visuelle Umsetzung, die „Queer“ zu einem filmischen Erlebnis macht. Guadagnino, bekannt für seinen nahezu sinnlichen Umgang mit Kamera und Licht, erschafft hier Bilder, die wie Kulissen wirken und gleichermaßen verstörend und wunderschön sind. Von den verschwitzten Straßen Mexikos bis hin zu den klaustrophobischen Innenräumen und Traumsequenzen, die Lees psychischen Zustand widerspiegeln, wirkt fast jede Szene wie ein kunstvolles Gemälde. Guadagnino hat ein Talent dafür, Atmosphäre zu schaffen – und „Queer“ zeigt ihn auf dem Höhepunkt dieser Fähigkeit. Dabei hilft ihm auch die faszinierend fokussierte Musik von Trent Reznor.

Doch genau hier liegt auch das Problem. Burroughs’ Text ist alles andere als ästhetisch. Er ist roh, verstörend, manchmal geradezu abscheulich in seiner Offenheit. Guadagninos ästhetische Sensibilität, so meisterhaft sie auch ist, scheint oft mit dem zerrissenen, chaotischen Geist der Vorlage zu kollidieren. Man könnte argumentieren, dass der Film Burroughs‘ Essenz verwässert, indem er eine Geschichte über Desillusionierung und Obsession in ein optisches Fest verwandelt. Die grobkörnige Unmittelbarkeit des Romans wird durch die glatte, makellose Oberfläche des Films ersetzt – ein Kontrast, der schwer zu verdauen sein mag.

Das heißt nicht, dass Guadagnino Burroughs nicht versteht. Im Gegenteil: Es gibt Momente, in denen der Film die innere Leere und das sexuelle Verlangen seines Protagonisten meisterhaft einfängt. Doch diese Augenblicke können sich verloren anfühlen in einem Werk, das so stark auf Stil setzt, dass es manchmal Gefahr läuft, den Inhalt zu erdrücken. Ist das eine bewusste Entscheidung? Vielleicht.

Am Ende ist „Queer“ ein Film, der eher fasziniert als spaltet. Daniel Craig und die Cinematographie allein rechtfertigen den Besuch, doch die Diskrepanz zwischen Burroughs‘ anarchischem Geist und Guadagninos eleganter Umsetzung bleibt bestehen. Vielleicht ist das letztendlich auch der Punkt: Der Film erinnert uns daran, dass Adaptionen immer Interpretationen sind – und Guadagninos „Queer“ ist eine Interpretation, die zu Diskussionen einlädt, statt einfache Antworten zu liefern (https://www.youtube.com/watch?v=eknj5_0tF2s).

Side Feature

A apropos “Dry January”, da gibt es doch sicherlich ein Zitat von Erich Kästner?Gibt’s:

„Toren besuchen im fremden Land die Museen, Weise gehen in die Tavernen.“

Dies kann ich aus der Sicht von Double Feature natürlich nicht zu 100% unterschreiben…

Next Feature

Im nächsten Double Feature ziehen wir eine vielleicht nicht sofort offensichtliche Parallele zwischen dem hochausgezeichneten Film “Emilia Perez” und einer Performance der Regisseurin Lola Arias in Berlin: “Los Dias Afuera/The Days Out There”.

with cultural regards,

Daniel

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