Berlinale 2025 | „Der deutsche Film“, Hatje Cantz Verlag
Schnee, Licht, Blut und kein Frühstück
Double Feature 08/25
Diesen Newsletter versende ich ein paar Stunden bevor die Ergebnisse der Bundestagswahl in Deutschland bekanntwerden. In der aktuellen Ausgabe der “Zeit” findet sich ein interessantes Interview mit zwei potentiellen Kandidaten auf das Amt des Kulturstaatsministers – Joe Chialo (der sich wohl unfreiwillig zum zwar stylischen, aber dennoch Mangelverwalter der Berliner Kultur entwickelt) und Carsten Brosda. Nach einer längeren Diskussion über das Politische in der Kunst und die Durchsetzbarkeit von Linien, die die Kulturförderung ziehen möchte, kommt es – natürlich – zu den Begriffen Leitkultur und Christentum. Grosszügig und im Scherz offeriert Chialo dem Ex-Katholiken Brosda die Rückkehr zum Christlichen und die Organisation entsprechender kleiner “Wunder”. Brosda: “Nee, lass mal”…Bleiben wir also gespannt, welche kulturpolitischen Impulse eine hoffentlich schnell formbare Regierung setzen wird (https://www.zeit.de/2025/08/kulturministerium-kandidaten-joe-chialo-carsten-brosda-berlin-hamburg?freebie=367bf8ff).
Einen vermutlich letzten grossen Auftritt bei der Eröffnung der diesjährigen und 75. Berlinale hatte die amtierende Staatsministerin Claudia Roth – nicht. Dies einer von verschiedenen Impulsen, den die neue Leiterin Tricia Tuttle der Eröffnungsgala gegeben hat.
Das umfangreiche Programm der Berlinale erfordert Mut zur Lücke, FOMO-Resilienz (wobei dies fast das Gleiche ist) und die Lust sich auf Unerwartetes einzulassen. Hier meine 8 (nicht 75) Beobachtungen:
Main Feature
Pünktlich zum Beginn des “Red Carpet” für die Eröffnung der 75. Berlinale begann es in Berlin zu schneien und wollte nicht mehr aufhören. Dies gab dem nach wie vor unwirtlichen, abweisenden und wenig repräsentativen Potsdamer Platz wenigstens so etwas wie Winter-Märchenwald-Charme, der sich bis den nächtens durchfahrenen Tiergarten fortsetzte.
Die Eröffnungs-Gala wurde straff und mit angenehmem Fokus auf Film, Filmemacher*innen und Filmemachen gestaltet, dauerte so nur noch knapp 45 Minuten. Tricia Tuttle gab dem Anlass einen international wirkenden, professionellen und gleichzeitig ruhig leidenschaftlichen Drive, der ihm guttut, in 2025, selbst oder gerade in Berlin. Und wenn die “Show” das nächste mal dann nicht mit 20 Minuten Verspätung beginnt, ist die Straffung auch wirklich ein zeitlicher Gewinn…
Tilda Swinton erhielt – man könnte sagen: endlich – den Goldenen Ehren-Bären. Mit der Berlinale verbindet sie eine lange Zeit, Mitte der Achtziger Jahre besuchte sie das Berliner Festival erstmals, auch im Schnee. Mit ihrer sorgsam austarierten Dankesrede wirkt sie wie ein androgyner Alien, eine Präsidentin des „Independent State of Cinema“, den sie ausruft, inklusiv, immun gegen Versuche der Okkupation und Dominanz oder „Riviera-Bauten“.„Let´s keep looking up. With all my love, Tilda“. Zweifelsohne ein früher Höhepunkt des Festivals (https://youtu.be/Fqol-1nTp_U?si=9tMaWR9Nu2ASdRKv)
Tom Tykwer präsentierte seinen neuen Film “Das Licht” als Eröffnungsfilm. Nach 10 Jahren Film-Abstinenz und purem Fokus auf die grandiose TV-Serie “Babylon Berlin” nun also wieder ein Werk für die Leinwand, bei dem Tykwer für sowohl Buch als auch Regie verantwortlich zeichnet, etwa 25 Jahre nach seinem zwar nicht ersten, aber doch bahnbrechenden Film “Lola rennt”. “Das Licht” ist übervoll und mit doppelter Länge wie die “Lola” auch überlang. Berliner, bürgerliche und sich entfremdete Familie wird durch die Ankunft einer syrischen Flüchtlings-Putzkraft mit dunkel-rätselhafter Vergangenheit ordentlich durcheinandergerüttelt. Die Afrika-Kulturprojekt Mutter, die selbst nach ihrer Rückkehr dauernd am Handy hängt, permanent mansplainender und zuhause sofort blankziehender (schon daher eine Paraderolle für Lars Eidinger) Werbeagentur-Vater, VR-Brillen-Gamer Sohn und sich in Clubs wegdröhnende Tochter im Dauer-Anklage Modus – alle erfahren durch Putzkraft Farrah eine Art Erweckungs-Therapie-Breakthrough. Dieser wird aber nicht nur durch Zuhören, Berühren und Hinterfragen ausgelöst, sondern vor allem durch eine mysteriöse Lampe, deren stroboskopartig ausgesendetes Licht die Hineinschauenden in andere, neue Bewusstseins-Zustände blitzt. Tykwer verhandelt viel und wohl auch viel von sich selbst: Bürgerliche Selbstgenügsamkeit, das Scheitern der Bemühungen um eine bessere Welt, den Wunsch nach echter Beziehungs-Begegnung, die Gleichzeitigkeit von Ereignissen und das schicksalhaft ausgewürfelte “Was wäre wenn?”, die Familie als kleinste Einheit der Gesellschaft. Seine Themen sind echt empfunden und mit grosser Betroffenheit und grossem Engagement gesetzt, dies ist auf alle Fälle bemerkenswert. Es regnet permanent in diesem Film, symbolisch für eine drohende Sintflut? Der Film bricht ständig die Form, springt von Kammerspiel zu musicalartiger Performance zu Comic-Strip zu existentiellem Ehedrama. Stark und faszinierend ist er im Visuellen und der Form, ein schwebendes Kids-Pas de Deux im und über dem Becken des Berliner Westhafens wird noch länger in Erinnerung bleiben. Schwach ist er dann, wenn er seine Gedanken und Haltung den Figuren dialogisch in den Mund legt, das wirkt oft hölzern, proklamiert und wird zum Glück wenigstens einige Male durch freche Handlungswendungen abge- oder unterbrochen. Aber wie schon der afrikanische Ex-Mann der Mutter zu ihr sagt, als deren Auseinandersetzung nirgendwohin führt: „I think it is better we do this in writing“ – stimmt leider auch für diesen Aspekt des Films (https://youtu.be/g3ruwO46siA?si=9n3JbUdy27ilscSD).
Das deutsche Kino kann keine Genre-Filme? Horror, Science Fiction, Western? Doch, in den 70er Jahren wurden in Deutschland erzählerisch und ästhetisch einige neue Wege beschritten – wild, schräg, blutig. In Uli Lommels “Die Zärtlichkeit der Wölfe” von 1973 zum Beispiel begibt sich ein von HW Fassbinder bestens bekanntes Ensemble auf die Spuren des Massenmörders Fritz Haarmann. In ausgestellten, posierten und getragenen Szenen wird – stilistisch irgendwo zwischen “M-Eine Stadt sucht einen Mörder” und “Psycho” – eine blutige, freizügige, aber gleichzeitig melancholische Elegie aufgeführt. Besonders wird die Vorführung durch den Ort, an dem sie stattfindet: Die von der Deutschen Kinemathek als Zwischenquartier fantastisch neu ertüchtigte und gestaltete Halle des E-Werk bietet eine vielfältige Fläche für zukünftige Projekte. Auftakt gelungen, mit viel Aufwand, aber wenigstens ohne Blutvergiessen. Horst Bonnets DEFA-Film “Orpheus in der Unterwelt” von 1974 schließlich ist eine wunderbar straff erzählte Adaption der gleichnamigen Operette von Jacques Offenbach – subtil systemkritisch, frivol innerhalb der Möglichkeit und herrlich camp in der Ausstattung – Die Linie zu Baz Luhrman-Filmen oder einer auftrumpfenden Barrie Kosky-Inszenierung spannt sich bis zur Bar des Berliner Fernsehturms, die sich nach dem Besuch der DEFA-Unterwelt für einen – wenn auch bei Zimmertemperatur servierten – Sekt mehr als eignete.
Im Rahmen der Reihe „Berlinale Classics“ wird eine der Perlen des DEFA-Filmschatzes in digital restaurierter Form wiederaufgeführt: “Solo Sunny”. Wer mich etwas besser kennt, weiss, wie sehr ich diesen 1980 im Osten uraufgeführten und im Westen ausgezeichneten Film schätze. Die Geschichte einer nicht kompromissbegabten Sängerin in Ost-Berlin, die sich ihren Platz und ihre Selbstachtung trotzig erarbeiten muss, ist auch beim zig-sten Anschauen beeindruckend und bewegend. Mit seiner authentischen Darstellung von Lebenswirklichkeit der DDR und einer immer noch innovativ und frisch wirkenden filmischen Sprache schafft der Film eine emotionale Tiefe, die auch moderne Zuschauer in ihren Bann zieht, da Themen wie Selbstverwirklichung und der Widerstand gegen gesellschaftliche Konventionen nun einmal nie aus der Mode kommen. Und wenn das 2022 verstorbene Drehbuch-Genie Wolfgang Kohlhaase die Basis legt, dann geht auch nach 45 Jahren in diesem Film nichts schief. “Is´ohne Frühstück – is´auch ohne Diskussion”.
Zum bereits 39. mal werden im Rahmen der Berlinale die Teddys vergeben – der Queer Movie Award der Berlinale. Die angenehm auf 90 Minuten gestraffte und gut moderierte Preisverleihung (bei der leider das Budget für gute Tontechnik offenbar ebenfalls gestrafft wurde) fokussiert sich auf die Filme und Filmemachenden. Höhepunkt ist eindeutig der Special Teddy für den Regisseur und diesjährigen Berlinale-Jurypräsidenten Todd Haynes. In seiner bedachten Rede erinnert er an sein grosses Vorbild Fassbinder und an den Kampf gegen Aids und Vorurteile in den späten Achtziger und Neunziger Jahren. Er schlägt einen sehr naheliegenden Bogen zum momentan “Backlash”, deren Auswirkungen die Community wohl gerade erst zu begreifen beginnt – auch künstlerisch. Es sei wieder Zeit zusammenzustehen und zu kämpfen. Grosser Applaus und stehende Ovationen im Saal…
Am Ende gewinnt mit – im Unterschied zur eisigen Eröffnung bei fast frühlingshaften Temperaturen – “Dreams (Sex Love)” ein norwegischer Film den goldenen Bären, in dem es zart, bedacht und Schritt für Schritt um junge, queere Liebe geht, keine grossen, politischen Themen weit und breit. Der Preisträger für den besten Kurzfilm bricht fast in Tränen aus und sagt: “If you have to choose between Fear and Love, choose Love”. Ein sanfter Ausklang der Berlinale in einer Zeit, die alles andere als ebendies ist.
Side Feature
Wo wir schon bei Filmen sind: DAS Referenzwerk für den Deutschen Film liegt nun vor, auf fast 1000 Seiten, fast 5 kg schwer und vergleichsweise günstig. Im Hatje Cantz Verlag zeigt die Deutsche Kinemathek anhand ihrer zahlreichen Schätze alles, was über Epochen, Filme, Filmschaffende ihre Zeit wissens- und betrachtenswert ist. Faszination und Freude beim Schmökern sind garantiert. Und ideal für den Coffee Table ist das Opus Magnum auch noch, vorausgesetzt, dass dieser stabil genug ist (https://www.hatjecantz.de/products/67121-der-deutsche-film)…
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es in drei Berliner Galerien, die sich aktuell mit den Themen Originalität und dem Individuellen in der Kunst auseinandersetzen. Unter anderem gibt es ein Wiedersehen mit dem Künstler-Duo Elmgreen & Dragset. Ich werde berichten…
with cultural regards,
