„Echnaton“, Komische Oper Berlin | „Ein Ende und ein Anfang“ von Oliver Hilmes
Sing like an Egyptian
Double Feature 13/25
„Wenn mich die Menschen fragen, wer mein Publikum sei, so sage ich ganz ehrlich, ohne zu zögern: Ross. Das war mein Publikum. Die anderen Leute kamen einfach zu meiner Arbeit.“
Dieses Zitat von Felix Gonzales-Torres erklärt die Arbeit des 1996 früh gestorbenen Künstlers. Ross Laycock war sein Partner, er starb – genauso wie Gonzales-Torres – an AIDS. Gonzalez-Torres´ mit einfachen Objekten hergestellte, minimalistische Arbeiten können als sensible Reflexionen der Themen Vergänglichkeit, Verlust und Solidarität betrachtet werden. Besonders seine „partizipativen“ Arbeiten machten ihn bekannt:
Ein aufgeschichteter Haufen von golden verpackten Bonbons fordert die Besuchenden auf, zuzugreifen und verändert sich dadurch, bis er schliesslich verschwunden ist. Das Werk von 1991 – dem Todesjahr von Ross – heisst „Untitled (Portrait of Ross in L.A.)“. Grosse Aufregung herrschte 2002, als das Art Institute of Chicago einen Text zu dem Werk veränderte, da sich Besucher über die Erwähnung von AIDS und Homosexualität beschwert hatten.
Oder: Ein Stapel Papier lädt zum Mitnehmen ein und ist mit einem grell-roten Rechteck bedruckt, in dessen Mitte „Wir erinnern uns nicht“ zu lesen ist – Das Zitat, ursprünglich aus der Befragung von DDR-Bewohnern nach ihrem Leben in der Zeit vor dem Mauerfall entstanden, ist vielschichtig verstehbar. Auch dieses Objekt reduziert sich mit der Zeit und löst sich schliesslich auf – Erinnerung zum Mitnehmen, die den Ort der Erinnerung auslöscht. In der wunderbaren Sammlung Hoffmann, die mehrere Werke Gonzales-Torres´ in ihren immer noch beeindruckenden Räumen in Berlin zeigt, wird „Untitled (Wir erinnern uns nicht)“ gezeigt. Wir haben einen Bogen Papier mitgenommen, gerahmt und in unserer Wohnung platziert, es schien die passende Zeit dafür zu sein, aus vielen Gründen (https://sammlung-hoffmann.de und https://www.felixgonzalez-torresfoundation.org/works/untitled-we-don-t-remember).
Um die Erinnerung an einen ägyptischen Herrscher, der nur eine einzige Gottheit verehren wollte und um minimalistische Mittel geht es auch in dieser Ausgabe von Double Feature. Die Komische Oper Berlin zeigt Philipp Glass´ Werk „Echnaton“.
Main Feature
Minimal Music ist ohne Philip Glass nicht denkbar, wahrscheinlich ist er sogar ihr größter Botschafter. Der vor allem in den 70er und 80er Jahren populär gewordene Stil orientiert sich gen Asien, insbesondere Indien, und Afrika – von europäischen Gepflogenheiten des Komponierens hielt er wenig, auch von der insbesondere in den 60er Jahren populären, seriellen und atonalen Musik
Minimal Music ist Mantra und Meditation, daher bezieht sie einen Grossteil ihrer Faszination und war nicht zuletzt auch deshalb in der Buddhismus-faszinierten amerikanischen Kulturszene ihrer Zeit so populär. Es braucht Bereitschaft sich darauf einzulassen, diese Musik verlangt ihr Recht, um wirken zu können. Den heutigen Hörgewohnheiten entspricht sie aber viel mehr als denen vor 50 Jahren, daher wurde Glass in späteren Jahren auch als Filmkomponist bekannt und populär.
Zentrale Elemente seines Werks sind seine drei „Porträtopern“, in denen er von 1976-1983 bekannte Biographien in den Mittelpunkt rückte: „Einstein on the Beach“, „Satyagraha“ (Gandhi) und „Echnaton“.
Epochal und unvergesslich ist Robert Wilsons vielstündige Umsetzung des „Einstein“: Wilsons abstrakter, maschineller, artifizieller Bewegungsstil in reduzierten, graphischen, mit Licht und Form spielenden Bühnenbildern lieferte die perfekte Form für Glass´ Musik. Der sich ebenfalls stets wiederholende, wirbelnde, taumelnde Tanzstil von Lucinda Childs lieferte die Choreographie dazu. Dass ich eine Wiederaufführung dieser Inszenierung vor einigen Jahren erleben durfte, zähle ich zu den Privilegien und Höhepunkten meiner bisherigen Kultur-Erlebnisse (https://robertwilson.com/einstein-on-the-beach).
Es ist natürlich unmöglich, derartige Erinnerungen und abgespeicherte Emotionen wegzulegen, wenn an der Komischen Oper Berlin im Schiller-Theater nun Barrie Kosky die dritte und letzte der Opern auf die Bühne bringt: “Echnaton”.
Echnaton, der eigentlich Amenophis IV. hiess und nach dem Tod seines Vaters jung den Thron bestieg, ersetzte die Praxis der „Vielgötterei“ durch die Anbetung des einen Gottes – Aton. Echnaton bedeutet: “Der Aton dient“. Von der durch ihn gebauten neuen Hauptstadt Achet-Aton gibt es quasi keinerlei Spuren mehr, einzig in Tell Al-Amarna finden oder fanden sich Relikte – dies, da die monotheistische Phase Ägyptens nicht lange währte. Wie der Pharao starb, ist unklar, dass die Spuren seiner Religion in der nachfolgenden Zeit radikal beseitigt wurden, ist jedoch unübersehbar. In Berlin ist vor allem Echnatons Gattin bekannt und eine Ikone: Nofretete. Ihre berühmte Büste fand nach ihrer Ausgrabung in Tell Al-Amarna den Weg in die Berliner Museen.
Glass erzählt über Echnaton nicht in biographischer Linie, sondern in eigenständigen Bildern, die in drei Akten zusammengefasst sind – Aufstieg, Herrschaft, Fall. Nach dem Tod und der Beerdigung des Vaters wird der neue Pharao gekrönt. Sein Plan, nur noch den Gott Aton anzubeten, setzt er gewaltsam mit Zerstörung eines Tempels um, bevor er seiner Gattin Nofretete innige Liebe gesteht. Die Anbetung des Gottes gerät zum Hymnus, der einem Psalm des Alten Testaments gleicht (Glass vermutete auch in Moses einen Aton-Jünger, dies ist aber unbelegt). In der neu gebauten Stadt lebt das Königspaar zunehmend isoliert und taub für Hilferufe aus dem Volk – es kommt zum Aufstand und der Ermordung Echnatons, er bleibt als „Grosser Verbrecher“ in vorläufiger Erinnerung, ein Touristenführer erklärt in der Gegenwart die Ausgrabungsstätten, Echnaton, Nofretete und Mutter Teje singen derweil aus dem Jenseits.
Die Wirkung der Oper bei ihrer Stuttgarter Uraufführung 1984 muss frappant gewesen sein, natürlich wegen der Neuartigkeit von Glass´ Komponierstil, der clownesken und circus-haften Umsetzung von Regisseur Achim Freyer, aber auch, da der Einsatz eines Countertenors für die Hauptrolle zu dieser Zeit ungewohnt war.
Und warum wählte Glass einen dunklen Klang mit einem Ensemble ganz ohne Geigen? Die Antwort hierauf ist vergleichsweise banal: Da die Premiere wegen Baumassnahmen im grossen Haus der Staatsoper Stuttgart auf der kleineren Bühne verlegt werden musste, war im Orchestergraben schlicht nicht genug Platz für diese…
Koskys Inszenierung macht alles Wilson-hafte in meinem Gedächtnis schnell und souverän vergessen, gleichwohl sie das wohl Abstrakteste ist, das er bisher produziert hat: In einem klinisch weissen Raum spielt sich das Geschehen ab, durch Türen und auf- und zufahrende Spalte treten Spieler auf und ab oder wird die Lichtmaschinerie herabgesenkt, die dadurch die Rolle einer faszinierenden Installation bekommt. Die Lichtstimmungen sind geschickt und perfekt gesetzt. Schwarz und Weiss, Sonne und Schatten, Licht und Dunkelheit bilden passenderweise die Hauptkonstaste, der schwarz gewandete Chor ist präzise in Stimme und Bewegung. Umso mehr treten dadurch die farbigen Kostüme der Protagonisten hervor. Echnatons orangener Krönungsmantel ist prachtvoll gearbeitet, zum Liebesduett tragen er und Nofretete einen überdimensionalen Tüll in Rosa – opulent und queer wirkt das, keine Ägypten-Symbolik weit und breit. Dunkle Wolken-Silhouetten werden getragen und an Gerüststangen heraufgezogen, ein schwarzes Holzhaus symbolisiert den Tempel, der schliesslich birst und eine sich langsam aufblasende, schwarze Wolke preisgibt; weisse Kugellampen senken sich herab oder werden vom Chor getragen. Das kleine Tanzensemble untermalt das Geschehen hin und wieder durch eine aus der Musik heraus entwickelte Choreographie, es ist nicht der übliche und exaltierte Kosky-Dance-Style, der hier geboten wird, und das passt perfekt – Rituelle Gesten oder Derwisch-hafte Drehungen, es ist ein kluges Tanzvokabular, das hier geschaffen wurde.
Die abstrakten Bilder, die entstehen, balancieren gekonnt zwischen illustrierend, symbolisch oder einfach nur graphisch – alles wirkt überlegt und stylish, dem Werk verpflichtet. So wird eine perfekte Bühne geschaffen, um die Musik im Zentrum und wirken zu lassen. Für die Sänger und vor allem das Orchester ist es ein kräftezehrender Marathon, die rund 2,5 Stunden Musik auf die Bühne zu bringen, sie meistern es beeindruckend und mitreissend. Einzig der immer wieder von Band eingespielte Erzähler mit der Stimme von Komische Oper-Grande Peter Renz findet nicht ganz den passenden Tonfall, was aber nur am Rande auffällt.
Ein Abend wie eine Mammut-Meditation mit geöffneten Augen und Ohren, Bilder die noch lange im Kopf bleiben. Wenn zum Schluss der agitierende Chor über Echnaton herfällt und ihn meuchelt, kann man dies tagesaktuell als die Rache am eitlen und prunksüchtigen Herrscher lesen, muss es aber nicht. Am Ende “siegt die Musik” und sendet Herrscher, Volk und Publikum auf eine andere Ebene, auf der Frieden durch permanente Wiederholung entsteht. Ein minimal maximales Erlebnis, bereits drei Wochen vor der Premiere waren alle Vorstellungen ausverkauft (https://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/a-z/akhnaten-echnaton/)…
Side Feature
Nochmals zum Thema Erinnerung: im Mai jährt sich das Ende des 2. Weltkriegs in Europa zum achtzigsten mal. In seinem gerade erschienenen Buch „Ein Ende und ein Anfang – Wie der Sommer 45 die Welt veränderte“ beschreibt Oliver Hilmes die Zeit zwischen Mai und August 1945 – also von deutscher Kapitulation bis zur Atombombe über Hiroshima. Hilmes erzählt prägende Monate für Deutschland und die Welt als Geschichte durch Geschichten. Er eröffnet ein reiches Panorama an Personen, Orten, Schicksalen und Situationen. Alltagsschicksale in Berlin und Deutschland stehen neben kulturellen Persönlichkeiten im Exil, grosse politische Ereignisse wie die Konferenz in Potsdam werden jenseits des protokollarischen Ablaufs erzählt.
Mit einem großen Gespür für das Kuriose und Erschütternde beschreibt Hilmes Geschichten und Situationen – es wird gehungert, geplündert und gehofft, aber auch getafelt und getrunken. Truman, Churchill, de Gaulle und Stalin stehen neben Thomas, Erika und Klaus Mann, neben Brigitte Mira oder Thea Sternheim, neben Billy Wilder oder Alma Mahler-Werfel, um nur einige zu nennen. Aber auch unbekannte Personen wie zum Beispiel die Berliner Hausfrau Else Tietze oder der Rotarmist Wassili Petrowitsch werden in ihren rührenden oder in vielerlei Hinsicht aussagekräftigen Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen zitiert – der Quellenreichtum des Buchs ist enorm und zeugt von findiger Recherche.
So entsteht kein plumpes Varieté der Namen und Orte, sondern ein bewegendes, aus vielen Episoden konstruiertes, manchmal fast schwindelerregendes Abbild einer Zeit, die Jahrzehnte lang prägend für Deutschland und Europa wurde – und deren Setzungen und Doktrinen wir wohl jetzt in ihrer Zertrümmerung beobachten können. Schon von daher ist Hilmes´ Buch ein packendes Stück Erinnerung zur genau richtigen Zeit (https://www.penguin.de/buecher/oliver-hilmes-ein-ende-und-ein-anfang/buch/9783827501899#rezensionen-4426950).
Next Feature
London Calling – in den nächsten beiden Ausgaben von Double Feature geht es nach London und in den Barbican, diese Festung des Luxus-Brutalismus. Dort zeigt der Berliner Regisseur Thomas Ostermeier seine Lesart von Tschechows „Die Möwe“, mit niemand Anderer als Cate Blanchett in der Hauptrolle. Ferner besuchen wir eine Ausstellung über den subversiven Paradiesvogel der Londoner 80er Jahre-Szene, Leigh Bowery, und fahren an die Kreideküste von Kent, wo in Margate bereits William Turner das beste Licht fand und eine veritable Kunst-Kommune entstanden ist. Ich werde berichten…
with cultural regards,
