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DF 16-25
„Warten auf Godot“, Berliner Ensemble | „Mord im Regionalexpress“, RambaZamba Theater

Sowas Von Abgefahren

Double Feature 16/25

Ich habe in den letzten Monaten eine neu auftretende Theater-Zivilisationskrankheit entdeckt, wohlgemerkt nicht bei mir, aber dem Großteil des Publikums: Die „Standing Ovationitis“ – das zwanghafte Verlangen, bei jeder, aber wirklich jeder besuchten Vorstellung von Theater, Oper, Konzert, nach höchstens einer Minute vom Sitz aufzuspringen, um der absolut unübertreffbaren Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Vielleicht handelt es sich um eine Wahrnehmungsstörung meinerseits, jedoch scheint das Publikums-Bedürfnis, sich der Einzigartigkeit des theatralen „Here and Now“ zu vergewissern, gestiegen zu sein.

Erklärbar wäre es aus vielen Gründen – und bei genauem Überlegen auch wünschenswert. Mein Beschluss daher: Ich halte es mit Diana Ross – „If there‘s a cure for this, I don´t want it.“

Main Feature

Uraufgeführt 1953 im winzigen Théâtre de Babylone in Paris, wurde Samuel Becketts Warten auf Godot rasch zum Signaturstück des frisch getauften „Absurden Theaters“. In einer Nachkriegsepoche, die Sinn und Zuverlässigkeit erschüttert sah, schickte Beckett zwei heruntergekommene Wanderer auf eine bis auf einen Baum leergefegte Bühne, ließ sie reden, warten, scheitern – und damit die klassischen Säulen des Dramas einkrachen: Handlung, Ziel, Katharsis. Der Sinn-Zug war abgefahren.

Die Rezeption schwankte anfangs zwischen Buhrufen und Euphorie; doch bald wurde klar: Hier sprach ein Werk die fundamentale Erfahrung der Moderne aus – das Bewusstsein, dass Sinn stiften schwerer, vielleicht unmöglich geworden ist. Beckett, Ionesco, Genet oder Pinter – Autoren, die mit Sprachschleifen, zirkulären Handlungen und groteskem Humor die existenzielle Verlorenheit sichtbar machten. Godot blieb ihr Archetyp: Zwei Akte, kaum Aktion, Welten aus Wortspielen und Stille – und doch ein komisches Fieberthermometer der menschlichen Lage. Damit wurde das Stück zum Prüfstein vieler Generationen: Mal Spiegel des Kalten Kriegs, mal Allegorie auf Migration, mal Sinnbild digitaler Endlosschleifen.

Beckett zeigt bis heute, dass das tragikomische Nicht-Ereignis – das Warten selbst – theatrale Sprengkraft besitzt. Sinnsuche 2025: Godot ist das Stück der Stunde und wird nun vom Meister der rohen und menschlichen Bühnen-Form, Luk Perceval am Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht.

Perceval streicht den Namen Godot komplett aus dem Stück, das Warten wird dadurch noch zielloser. Überhaupt, wer ist dieser Godot? „Wenn Gott gemeint gewesen wäre, hätte ich ihn so genannt“, sagt Beckett sinngemäß.

Die eindrucksvolle Bühne von Katrin Brack sieht aus wie ein edel ausrangierter Bühnen-Backstage‑Schrottplatz: halbtote Scheinwerfer, Seile, irgendwo ein Mikro. Ein Theaterraum, klar als solcher markiert. Ist er auch als  Spielort geeignet? Mitten drin zwei Gestalten, verloren wie Walk‑on‑Actors, denen ihr Stück abhanden gekommen ist.

Matthias Brandt stolpert als Estragon in zerfetzten Netzstrümpfen, orangener Sonnenbrille, Tank‑Top – eine kaputte und resignierte Diva, die es in den Beinen hat, halb Trash‑Drag, halb Kneipen‑Clown. Sein Wladimir – Didi – wird von Paul Herwig gespielt und ist das hyperaktive Gegenbild: Schlabberhosen rauf, Schlabberhosen runter, Worte wie Ping‑Pong‑Bälle. Zwischen beiden vibriert manches mal eine Art kaputter Zirkusbeat – ein Versuch, sich gegenseitig bei Laune zu halten, während der Sinn der Strecke bleibt. Häufig aber wird aneinander vorbeigespielt, jedoch nicht so, wie Beckett es gemeint hätte…

Immer wieder liest die Souffleuse deutlich die Regieanweisungen ein, was zu Verlegensheitspausen bei den Spielern führt – das Spiel ist geschrieben, kein Entrinnen möglich im Bühnenraum? Es bleibt eine nicht konsequent etablierte Regie-Idee.

Phillipp Haagen legt Live‑Musikschübe darunter: Klavier, Tuba, ein Röcheln von Free‑Jazz, frei improvisiert, Beckett-Jam.

Dann Auftritt des zweiten Paares: Wenn Pozzo/Lucky – ein BDSM-Doppelpack aus Oliver Kraushaar und Jannik Mühlenweg – wie ein apokalyptisches Varieté hereinstürmen, das Sinnbild von Herrschaft, Unterwerfung und deren Umkehr abliefern und schon bald den gesamten Zuschauerraum auf allen Rängen einnehmen, fast wie eine Welle überströmen, dann wird der Abend grotesk, körperlich – und verstörend gut.

Fehlt der Mythos, wenn Godot namenlos bleibt? Vielleicht. Das Problem ist an diesem Abend jedoch eher, dass sich viele im Einzelnen gute Ideen wie Bühne, Musik oder Aktionen nicht zu einem atmosphärischen Ganzen fügen – mehr Vertrauen in Becketts Urgewalt von Text, gebettet auf den einen Regie-Gedanken, sowie noch präziseres Spiel gerade des Hauptdarstellers hätten aus diesem Abend mehr gemacht. „Wir finden doch immer was, was uns glauben lässt, dass wir existieren, nicht wahr?“ An diesem Abend stimmen die grossen Worte aus „Godot“ nur bedingt. Eine Person erhob sich zum Applaudieren nach etwa zwei Minuten kurz vom Sitz, setzte sich dann mangels Klatsch-Solidarität aber schnell wieder.

Side Feature

Noch ein abgefahrener Zug – das RambaZamba-Theater in Berlin heißt auch nach Friedrich Merzens Party-Aufruf „RamboZambo“ noch so. Seit über 30 Jahren arbeiten hier Schauspielende mit und ohne Behinderung miteinander. Milan Peschel, aus der Volksbühnen-Pollesch-Entourage und entsprechend im präzisen, akrobatischen und abstrusen Bühnengeschehen geschult, führt Regie beim von ihm und dem Ensemble verfassten „Mord im Regionalexpress“.

Miss Marple, Sherlock Holmes, ein Mord, der vielleicht gar keiner ist, der Zug als einzig noch möglicher Ort der Begegnung, ein aus dem DDR-weit bekannten Gemälde „Peter im Tierpark“ verschwundener Peter, der eventuell im 90er Jahre Berlin die Freiheit genoss? Eine absurde Textfläche wird mit viel körperlichem Einsatz von einem spielbegeisterten Ensemble im Spanplatten-Zug ins Publikum geschleudert. Besonders sehenswert wird es dann, wenn der einzig „nicht-behinderte“ – und schon nach den ersten 5 Minuten pudelnassgeschwitzte – Jan Bülow im Vergleich zu seinen RamaZamba-Ensemble-Spielern eigentlich wie der Befremdlichste aller Zuginsassen wirkt.

Zitat gefällig? „Ständig habe ich das Gefühl, ich stehe an einem Kreuzweg. Entweder Verzweiflung und äußerste Hoffnungslosigkeit oder totale Vernichtung. Was wahrscheinlich auf das Gleiche hinausläuft. (…) Na jedenfalls, meine panische Überzeugung von der absoluten Bedeutungslosigkeit des Daseins hat mich schliesslich zum Kauf einer Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg veranlasst.“ RambaZamba did it again!

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es nach Zürich. Das Kunsthaus ehrt den Meister der Transformation, der seit fünf Jahrzehnten mit einfachsten Mitteln die Möglichkeiten von Zeit, Bewegung und Energie auslotet: Roman Signer. Die Schau „Landschaft“ bringt seine Kunst dorthin, wo sie eigentlich gar nicht stattfindet – in den White Cube. Gelingt der Transfer?

Ich werde berichten…

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