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Sam Youkilis, C/O Berlin | Ull Hohn, Haus am Waldsee | Elmgreen&Dragset, Galerie Hetzler | Roberta Flack

Tausendmal Ich  

Double Feature 09/25

Mit viel Gendern ist jetzt Schluss, jetzt wird’s Rambo Zambo. Es wird noch herauszufinden sein, welche der verbalen Stilblüten des wohl zukünftigen Bundeskanzlers Friedrich Merz bewusst gesetzt sind und welche ihm “mal eben so rausrutschen” – ich zähle nicht zu denjenigen, die Merz bewusstes De-Gendern des Begriffs “Ramba Zamba” unterstellen – gleichzeitig bin ich froh, dass er bei seinem Party-Aufruf am Wahlabend nicht an “Remmi Demmi” gedacht hat, wer weiss, was dabei herausgekommen wäre. Angesichts der politischen Lage geht es wohl auch am allerwenigsten um Feiern, sondern um das Schnell-ins-Handeln-Kommen. Und zwar, wie Merz es sagen würde: Rocki Zocki.

Heute geht es zu drei Galerie-Austellungen in Berlin, die sich auf sehr unterschiedliche, aber jeweils eindrucksvolle Weise um die Frage der Identität des Künstlers und die Rolle des Betrachters kümmern. Dabei entstehen vielfache Varianten des Künstler- und Betrachter-Ichs:

Main Feature

In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung “Under The Sun” bei C/O Berlin verwandelt Sam Youkilis den flüchtigen Instagram-Moment in ein fast rituelles und archivarisches Erlebnis. Der in New York geborene Fotograf und Filmemacher fängt mit seinem iPhone die Sehnsüchte und Versprechen des Reisens sowie die Schönheit des Alltäglichen ein – von einem über den Tresen gereichten Espresso bis zu den kleinen, fast unscheinbaren Gesten im urbanen Raum. Bekannt wurde er mit seinem Insta-Channel und die Ästhetik seiner kurzen Clips ist damit voll kompatibel. Dabei schwingt immer ein Hauch Ironie mit: Es ist fast so, als ob er mit jedem Video-Clip fragt, ob uns das Gewöhnliche nicht gerade in diesem Moment überwältigend charmant erscheint. Gleichzeitig zeigen die Clips auch genau das, was Social Media ist: Beobachten immer gleichzeitig mit Darstellen und Sich-Präsentieren. Und daher changieren seine globalen Reiseclips immer zwischen der Poesie des kleinen Moments, dem Archivieren menschlicher, kultureller Gesten und dem Posing – folglich ist die Linie von subtiler Poesie und purem Kitsch sehr fein. Die Ausstellung vergrößert diese digitalen Fragmente in einen immersiven Raum auf grossen Screens und montiert in cleverer Taktung stets mehrere Clips thematisch zu einem räumlichen Erlebnis  – In den guten Momenten lädt Youkilis dazu ein, über die Auswirkungen von Social Media auf unsere Wahrnehmung und Identitätsbildung nachzudenken (https://co-berlin.org/de/programm/ausstellungen/sam-youkilis). 

Ull Hohn, dessen künstlerische Karriere – wenn auch tragisch kurz  – durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Malerei als für ihn lebenswichtigem Medium geprägt war, kehrt in „Revisions“ im wunderbaren Haus am Waldsee zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. In einer Zeit, in der die Malerei als altmodisch und erschöpft galt, brachte Hohn  – Schüler von Gerhard Richter, was spür- und sichtbar ist – frischen Wind in die traditionelle Landschaftsmalerei, die er durch Unschärfen, veränderte Farbgebung oder sichtbare Textur der Farbe verzerrte und setzte dabei auf eine Mischung aus formalen Experimenten, persönlichen Erinnerungen und politischen Diskursen.
Die Ausstellung zeigt, wie Hohn alte Werke, Zeichnungen und Stillleben neu interpretiert – fast so, als ob er sich in einem emotionalen Rückblick fragt: „Was hätte ich noch alles wagen können?“ Mit seinen halb abstrakten „Penis Mustern“ (ja, genau…) und anderen skurrilen Details spielt er zugleich mit ernsten Themen wie Sexualität und Identität. Dabei entsteht ein Dialog zwischen der persönlichen Tragödie des Künstlers – er starb 1995 an AIDS – und dem universellen Anspruch der Malerei. Es ist ein eindringlicher, fast schon bittersüßer und mit viel Licht und Luft beeindruckend in den Räumen des Haus am Waldsee inszenierter Blick zurück, der den Betrachter dazu anregt, über den Stellenwert von Kunst in Krisenzeiten und den unaufhörlichen Drang zur Selbstreflexion nachzudenken (https://hausamwaldsee.de/ull-hohn/).

Im Gegensatz zu den eher medienbasierten Ansätzen der beiden vorherigen Ausstellungen nimmt das Duo Elmgreen & Dragset in „Momentan nicht erreichbar“ eine erfrischend andere und stets ein wenig ironische Haltung ein. Die Ausstellung in den phantastisch grosszügigen Räumen der Galerie Hetzler in der Potsdamer Strasse präsentiert figurative Skulpturen, die den Betrachter in eine Welt introspektiver und fragiler Alltagsszenen entführen.
Der erste Blickfang: Ein schwarz patinierter Bronzekoß eines Geiers, der wie ein geduldiger Beobachter auf einem kahlen Baum thront – fast so, als ob er auf den perfekten Moment zum „Füttern“ wartet. Kurz darauf folgt eine Skulptur eines hiker-mäßigen Mannes (L’Addition, Black Bronze), der sich in einem reduzierten, beinahe schon eisigen Snowscape verliert. Mit leicht abgewandtem Blick wirkt er zwar fern, ist aber gleichzeitig in seinem weißen, wändenartigen Kubus gefangen – ein Bild, das subtil andeutet, dass auch der tapferste Wanderer manchmal ins Straucheln gerät. Weiter oben im Gebäude sieht man „The Examiner“ – eine Figur mit Kamera, die im Betrachten des unten liegenden Szenarios so vertieft ist in ihr Tun, dass sie quasi Zielscheibe für den Blick der Besucher wird. Ein weiterer skurriler Moment: Ein Junge, der auf einer Waschmaschine sitzt (60 Minutes, Black Bronze), wirkt in sich gekehrt und nachdenklich, während in einem anderen Raum ein kleines Kind in Unterwäsche mit übergroßen Pumps (Morning) sein Spiegelbild mustert – mit einem auf dem Boden liegenden Lippenstift als stiller Zeuge. Im letzten Raum sticht ein helmtragender Mann hervor, der seinen umgekippte Moped beäugt – begleitet von farbenfrohen Panels mit Titeln wie „Schlechte Laune“, „Gute Laune“ und „Scheißegal“.
Die Ausstellung thematisiert mit feiner Ironie, dass all diese Figuren – sie alle sind männlich und adoleszent – in ihre eigene, innere Welt vertieft sind. Sie sind nicht erreichbar, weil sie so sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Das schafft eine gewisse Distanz: Der Betrachter bleibt Außenseiter und bekommt nur flüchtige Einblicke in diese privaten, beinahe melancholischen Momente. Eine beeindruckende, kleine und gleichzeitig raumgreifende Präsentation (https://www.maxhetzler.com/exhibitions/elmgreen-and-dragset-momentan-nicht-erreichbar-2025). 

Obwohl es sich um sehr unterschiedliche künstlerische Ansätze handelt – digitale Video-Installationen bei Youkilis, persönliche Rückblicke in der Malerei bei Hohn und skulpturale Betrachtungen von Männlichkeit und Einsamkeit bei Elmgreen & Dragset – verbindet alle drei Ausstellungen die Frage nach dem Selbst und dem Alltäglichen.
Youkilis verwandelt flüchtige digitale Momente in greifbare, beinahe meditative (und manchmal etwas kitschige) Erlebnisse, während Hohn in einem emotionalen Rückblick versucht, seine künstlerische Identität zu rekonstruieren. Elmgreen & Dragset hingegen nehmen uns mit auf eine Reise in die Welt der inneren Selbstbeobachtung, in der die Protagonisten scheinbar verloren sind – oder kurz davor, sich selbst zu finden. Alle drei Projekte fordern den Betrachter dazu auf, über den eigenen Umgang mit Identität, Erinnerungen und der ständigen digitalen Erreichbarkeit zu reflektieren – und das auf humorvolle, zugleich nachdenkliche Weise.

Immer erreichbar, für das Vergangene erreichbar, momentan nicht erreichbar…

Side Feature

Mit 88 Jahren ist der letzten Woche die grosse Soul-Sängerin, Pianistin und auch Aktivistin Roberta Flack gestorben. Natürlich ist “Killing Me Softly….” ihr bekanntestes Lied, Tribut zollen möchte ich ihr aber mit einem Song, der besser in die Zeit passt und hin und wieder dringend benötigte Leichtigkeit verströmt : “Where is the Love?” (https://youtu.be/sI7UOwOhKEs?si=icH1rKe-Ox_2Nquh)…

Next Feature

Im nächsten Double Feature besuchen wir zwei Tanztheater-Produktionen in Berlin. Die eine feiert das 30jährige Jubiläum der Berliner Tanz-Ikone Sasha Waltz, die andere erschafft aus der Sicht des israelischen Choreographen Emanuel Gat zu seinem ebenfalls 30jährigen Bühnenjubiläum eine Ode an die Freiheit. Ich werde berichten…

with cultural regards,

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