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„Emilia Perez“ von Jacques Audiard | „Los Dias Afuera“, Gorki Theater Berlin |Berliner Kultursenator

Trans Americana

Double Feature 04/25

In einer Zeit, in der an einigen Orten wieder zwanghaft das Binäre beschworen wird, ist es wichtig, dass gerade die Kunst sich dem “Dazwischen” öffnet und die Geschichten erzählt, die dort entstehen. Das mag manchmal befremdlich, ungewohnt, nicht einfach einzuordnen sein – es zu leugnen und gar anzugreifen ist aber erst recht keine Option. Politisch nicht, künstlerisch schon gar nicht.

Daher gehen wir ins Kino und ins Theater – die dort diesmal verhandelten Themen sind sehr ähnlich, bei allen Unterschieden im Stil.

Main Feature

Wir begegnen zwei bemerkenswerten Werken, die sich mit Transformation und Identität auseinandersetzen: dem Film „Emilia Pérez“ und dem Theaterstück „Los Días Afuera / The Days Out There“. Beide Produktionen beleuchten auf ihre Weise die Themen Geschlechteridentität und persönliche Wandlung, jedoch mit unterschiedlichen Ansätzen und Resonanzen. Sie erzählen Geschichten von Veränderung und Neubeginn – ein Motiv, das eigentlich so alt ist wie die Menschheit selbst und hier in moderner, gerade momentan in oft kontrovers diskutierter Verpackung dargeboten wird.

Unter der Regie des französischen Filmemachers Jacques Audiard präsentiert „Emilia Pérez“ die Geschichte eines mexikanischen Drogenbosses, der sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzieht, um seiner kriminellen Vergangenheit zu entfliehen und ein neues Leben als Frau zu beginnen. Dabei verliert Audiard offenbar weder seinen Humor noch seine Liebe zu überraschenden Genremixen – irgendwo zwischen „Narcos“ und „La La Land“ und mit einer Prise Almodóvar. Diese Mischung sorgte in Cannes für Aufruhr und Applaus. Der Film spielt mit den Kontrasten: harter Gangster trifft auf schillerndes Musical, brutale Gewalt weicht emotionalen Geständnissen, und mittendrin tanzt das Ensemble durch die absurden Wendungen ihres Lebens. Audiard scheint dabei die Devise zu verfolgen: Wenn schon Verwandlung, dann richtig! Die Story von Emilia mag bisweilen wie ein schillernder Albtraum wirken, doch sie bleibt überraschend menschlich. Die Kritik an manchem kulturellen Klischee sollte man zwar nicht vollends beiseite schieben, aber seien wir ehrlich: Wer erwartet bei einem queeren Gangster-Musical schon ethnographische Studien?

Das eigentlich Wichtige ist: Der Film hat Stil, eine packende Choreographie von Damien Jalet und unverwechselbare Musik. Und wenn er manchmal ein wenig zu sehr auf das Drama-Pedal tritt, dann nur, weil er weiß, dass es sich gehörig lohnt, beim Publikum Emotionen loszutreten. Das Ergebnis ist ein augenzwinkernder Ritt durch Mexiko, den man besonders dann schätzen wird, wenn man sich öffnet für unvorhersehbare Genre-Sprünge. Und der der Hauptdarstellerin Karla Sofia Gascon bravourös eine Bühne bereitet und der hervorragenden Selena Gomez hilft, endgültig ihr Disney-Image abzustreifen (https://www.youtube.com/watch?v=Qlbr7gJgBus).

Ganz anders das Theaterstück der argentinischen Regisseurin und frischen Ibsen-Preisträgerin Lola Arias, gezeigt am Gorki-Theater in Berlin. „Los Días Afuera / The Days Out There“ basiert auf den realen Erfahrungen ehemaliger argentinischer Gefängnisinsass*innen, einige von auch Trans*Personen.  Während Audiard Fiktion als Maske nutzt, bringt Arias die ungeschminkte Wahrheit auf die Bühne. Es ist ein dokumentarisches Musical, das zwischen Voguing und Cumbia-Melodien die Lebensgeschichten von Menschen erzählt, die nach Jahren in Gefängnissen ihre Identität zurückerobern. Die Stärke dieser Inszenierung liegt in ihrer Authentizität. Hier werden keine Geschichten aus zweiter Hand inszeniert, sondern echte Menschen stehen auf der Bühne – mit allen Narben, Hoffnungen und Träumen. Wenn diese Protagonist*innen in Tanz und Musik ausbrechen, dann spürt man die Freude am Leben, die trotz aller Widrigkeiten nicht verloren ging. Es ist eine kraftvolle Botschaft: Egal, wie hart das Leben zuschlägt, der Wille zur Selbstverwirklichung bleibt. Doch Vorsicht: Wer einen depressiven Abend im Theater erwartet, wird von Arias‘ Werk positiv überrascht. Trotz der schweren Themen verströmt das Stück eine Energie, die ansteckend wirkt. Es ist eine Feier der Resilienz, eine Ode an die Freiheit – mit einem Soundtrack, der einem lange im Ohr bleibt (https://www.gorki.de/de/los-dias-afuera-the-days-out-there).

Transformation, Identität und das Ringen mit der eigenen Vergangenheit stehen im Zentrum beider Werke. Während „Emilia Pérez“ uns mit Telenovela-Energie umwirft, setzt „Los Días Afuera“ auf rohe, unmittelbare Menschlichkeit. Beide Produktionen fragen auf ihre Weise: Wer kann ich werden, wenn ich die Zwänge meiner Vergangenheit hinter mir lasse?

Wo „Emilia Pérez“ das Publikum in eine schräge, hyperrealistische Welt entführt, bleibt „Los Días Afuera“ geerdet in der harten Realität seiner Protagonist*innen. Der eine hört nicht auf, von sich zu singen, während das andere auch schweigend noch Bände spricht. Beide Werke erinnern uns daran, dass Veränderung möglich ist – ob mit einem Musicalnummer oder einem Cumbia-Rhythmus.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Transformation ist mehr als eine äußerliche Wandlung. Sie erfordert Mut, Authentizität und oft auch eine ordentliche Portion Humor. So oder so, wahre Kunst berührt die Herzen – auf der Bühne und auf der Leinwand.

Side Feature

In einer Hamburger (nicht Berliner) Podiumsdiskussion äusserte sich der Berliner Kultursenator neulich so: „Es muss auch im Verstörenden eine gewisse Exzellenz geben.“ Klingt abdruckbar, aber hält es auch einem längeren Darüber-Nachdenken stand (https://www.zeit.de/2025/03/joe-chialo-cdu-berlin-kultursenator)?

Next Feature

Im nächsten Double Feature reisen wir in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main, wo am Schauspiel sein zentrales Werk “Faust” gegeben wird. Beide Teile. In “nur” fünf Stunden? Wie geht DAS denn? Ich werde berichten…

with cultural regards,

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