Leigh Bowery, Tate Modern London | Margate
Would You Let Yourself In?
Double Feature 15/25
Wir sind weiterhin im sonnigen und vor-frühlingshaften London. Im Oktober 1980, als der 19-jährige Leigh Bowery in Thatcher-London ankam, fühlte er sich an seinem ersten Weihnachten in der Fremde einsam und niedergeschlagen. Um diesem Neuanfang einen Rahmen zu geben, schrieb er am 31. Dezember vier Neujahrsvorsätze nieder:
Auf 12 Stones kommen,
So viel wie möglich lernen,
In der Welt der Kunst, Mode oder Literatur Fuß fassen
Jeden Tag Make-up tragen.
Diese frühen Vorsätze enthüllten bereits den unbändigen Ehrgeiz eines jungen Mannes, der sich dazu berufen fühlte, alle Konventionen zu sprengen und sich selbst als wandelbare Leinwand zu inszenieren. Dieses Streben nach Selbstverwirklichung und ständiger Neuerfindung sollte sein ganzes Leben prägen und den Grundstein für seine spätere, extravagante Karriere legen.
Main Feature
Eine Ausstellung über Leigh Bowery in der Tate Modern entfaltet sich als ein opulentes Kaleidoskop der Extravaganz, in dem jeder Schritt des Besuchers in die grenzenlose Welt eines Künstlers führt, der Mode, Performance und Skulptur in einem einzigen atemberaubenden Akt verschmolz. Die Retrospektive zeichnet das Leben eines Mannes nach, der mit unbändiger Leidenschaft für das Anderssein die konventionellen Vorstellungen von Schönheit und Identität revolutionierte – ein Leben, das sich wie ein kunstvolles, sich ständig wandelndes Kostüm präsentierte.
Bowery, geboren 1961 und 1994 von einer AIDS-Erkrankung dahingerafft, verstand es meisterhaft, sein eigenes Abbild zur lebenden Skulptur zu formen. Wie er selbst einst erklärte: „Ich wollte wie der seltsame Kerl auf der Straße sein, über den du deiner Mutter erzählst.“ Dieses selbstbewusste Manifest durchzieht die Ausstellung und verleiht ihr eine rebellische, subversive Aura. Schon beim Betreten der Galerie wird Bowerys monumentale Präsenz spürbar: Ein imposanter Kleiderständer mit seinen allerersten Kostümen – von patchworkartigen Coats bis zu Tweed-Jacken – entführt den Besucher in die Zeit, als der australische Riese, der aus einem ruhigen Vorort Melbournes nach London kam, begann, die Modewelt mit seinen exzentrischen Kreationen zu revolutionieren. Die Ausstellung besticht durch ihre Vielzahl an Exponaten, die Bowerys facettenreichen Stil dokumentieren. Im Mittelpunkt steht ein grüner Anzug mit orangefarbenen Polka Dots, der nicht nur als visuelles Highlight fungiert, sondern auch als Symbol für seine unkonventionelle Ästhetik gilt – ein Outfit, das förmlich „aus der Vitrine springt“ und an Begriffe wie „gilded boy-god“ und „Christmas pudding on legs“ erinnert.
Die eindrucksvollen Fotografien von Fergus Greer, der Bowery in ikonischen Momenten als „Regency dandy in pistachio pantaloons“ festhielt, verleihen der Ausstellung eine besondere Intensität. Greers ästhetische Bilder sind eingefrorene, Momentaufnahmen eines wilden Lebens, in dem jeder Augenblick zur Performance wurde – verglichen mit Bowerys sonstigem Auftreten sind sie fast etwas zu “clean”.
Ein weiterer dramaturgisch wichtiger Aspekt der Ausstellung ist die Darstellung von Bowerys Leben im Kontext seiner Performance-Kunst. Neben beeindruckenden Kostümen und Fotografien finden sich filmische Fragmente, die die ausgelassene Atmosphäre seiner Nächte im “Stepney Flat” einfangen – ein Ort, der an eine überdrehte Szene aus „EastEnders“ erinnert. Hier zeigt sich Bowery in all seiner Vielschichtigkeit: Mal als selbstbewusster Ausführer auf der Tanzfläche, mal als stiller Beobachter intensiver Emotionen. Die enge Zusammenarbeit mit dem Choreografen Michael Clark, dessen Tänzer Bowery kostümierte und inspirierte, wird eindrucksvoll dokumentiert. Clark, eine prägende Figur im zeitgenössischen Tanz, begleitet Bowery auf seinem Weg und verleiht der Ausstellung durch seine legendären Performances zusätzliche Tiefe.
Ein besonders faszinierendes Element stellt das BBC-Video dar, in dem Bowery bei Harrod´s zu sehen ist. In diesem Clip tritt er in schillernden, mit Pailletten übersäten Hoods und trapezförmigen Kleidern auf, während er die überraschten Reaktionen der Kunden parodiert – ein typisches Beispiel seiner Fähigkeit, den alltäglichen Raum in eine Bühne zu verwandeln und Konventionen spielerisch zu unterlaufen. Diese humorvolle, zugleich provozierende Inszenierung zeigt Bowery in voller Blüte seiner künstlerischen Rebellion und unterstreicht den unnachahmlichen Esprit, der ihn so unverwechselbar machte.
Die Ausstellung gewährt zudem einen intimen Einblick in Bowerys Privatleben: Tagebücher, Postkarten und handgeschriebene Notizen offenbaren eine überschwängliche Emotionalität und einen scharfsinnigen Humor, der die äußere Extravaganz oft in den Schatten stellt. Ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1990 – „Hungover, depressed, full of regrets, no money“ – enthüllt die Schattenseiten eines Lebens, das stets zwischen ekstatischer Selbstdarstellung und selbstzerstörerischem Exzess pendelte. Diese persönlichen Dokumente verleihen der Retrospektive eine tief menschliche Note und machen deutlich, dass hinter dem schillernden Äußeren ein empfindsames, oft verletztes Inneres verborgen lag.
Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung Bowerys Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern wie Lucian Freud. Freud porträtierte Bowery in eindrucksvollen Akt-Studien – sei es schlafend oder ausgestreckt auf dem Boden –, die eine monumentale Gleichgültigkeit gegenüber sowohl der eigenen Nacktheit als auch den emotional aufgeladenen Gemälden des Künstlers ausdrücken. Es wird erzählt, dass Bowery einmal ein unfertiges Werk von Freud „entliehen“ haben soll – ein symbolischer Akt, der das komplexe Zusammenspiel von Kunst, Besitz und Identität in seinem Leben eindrucksvoll unterstreicht.
Die filmischen Fragmente, die Bowery in seinen späteren, experimentellen Performances zeigen, sind ebenso beeindruckend. In diesen Szenen löst er mit Elementen aus Drag, Bondage, Couture und karnevalesken Einlagen alle Grenzen zwischen Selbstdarstellung und Kunst vollständig auf – sein Körper wird zur wandelbaren Leinwand, auf der jede Farbe, jede Bewegung und jedes Detail eine eigene Geschichte erzählt. Dabei wird auch deutlich, wie Bowery alltägliche Gegenstände – wie etwa alte Vorhänge – in atemberaubende Kostüme verwandelte und damit seinen unermüdlichen Drang zur kreativen Selbstverwirklichung zum Ausdruck brachte. Etwas pflichtschuldig und versteckt werden auch in einem Raum mit grosser Triggerwarnung am Eingang die provokativen und grenzüberschreitenden Performances gezeigt, Flüssigkeiten werden von Bowery ins Publikum geschossen – nicht aus seinem Mund…
Ein besonders prägnantes Motiv, das in der Ausstellung immer wieder auftaucht, ist die Frage: „Would you let yourself in?“ Dieser Satz, der ursprünglich von Mark Vaultier am Eingang des legendären Nachtclubs Taboo verwendet wurde, forderte die Besucher heraus: Würden sie sich selbst in diese exzentrische Welt hineinwagen, in der Anderssein zur Norm wurde? Der Satz steht als Metapher für Bowerys radikalen Ansatz, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und das Publikum dazu einzuladen, die eigene innere Zurückhaltung abzulegen und das Außergewöhnliche zu umarmen. Es ist ein Appell, sich selbst zu öffnen und die eigene Identität in all ihren Facetten zu entdecken – genau das, was Bowery sein ganzes Leben lang verkörperte: Sein Leben zu leben, wie nur Du selbst es kannst.
Side Feature
„Ich liebe das Licht von Margate“, sagte der Maler W. Turner vor rund 200 Jahren, und diese Worte klingen bis heute nach – ein Beweis für die inspirierende Atmosphäre, die diese Küstenstadt in der Grafschaft Kent – 1,5 Stunden mit dem Schnellzug von London entfernt – durchdringt. Margate hat sich zu einem Hotspot kultureller Innovation und künstlerischer Vielfalt entwickelt, in dem Vergangenheit und Gegenwart harmonisch verschmelzen. Das Turner Contemporary von David Chipperfield, ein architektonisches Statement an der Küste, zelebriert sowohl historische als auch zeitgenössische Kunst und zieht Besucher an – ein “artsy lighthouse”.
Das legendäre “Dreamland”, einst ein Ort nostalgischer Vergnügungen, erlebte im Film “Empire of Light” eine Wiedergeburt als Zentrum für Film und Kunst, in der Spielhalle nebenan greifen kleine Kranschaufeln für 1 Pound nach Plüschfiguren, die “Maskotka” heissen (ich handelte souverän nach dem Motto “1 Spiel = 1 Gewinn”…). Die King Street bildet das pulsierende Mini-Herz der Stadt, gesäumt von charmanten Cafés, unabhängigen Boutiquen und Kunstgalerien, die den urbanen Charakter unterstreichen.
Die Strandpromenade lädt zu Spaziergängen ein, bei denen man die frische Meeresbrise und den weiten Blick genießen kann – auf den Stufen sitzen Einwohner und Tagesbesucher, gefühlt alle essen “Fish&Chips” aus der gleichen Box, aus dem dem gleichen Shop, vor dem sich meterlange Schlagen bilden .
Ergänzend zur kulturellen Vielfalt hat die Tracey Emin Foundation, die sich der Förderung von zeitgenössischer Kunst und kreativen Projekten widmet, Margate zu einem noch dynamischeren Ort gemacht. Diese Institution trägt dazu bei, das künstlerische Erbe der Stadt weiter zu stärken und einen Raum für innovative Ideen zu schaffen.
Margate ist ein Ort für eine “New Bohemia”, den sich diese auch leisten kann – im Unterschied zu London. Und natürlich wissen dies auch die klugen Pop-Pet Shop Boys und haben das Video zu ihrem gleichnamigen Lied in Margate gedreht. “Where have they gone, les Petits Bonbons“….?” Well, to Margate!
Next Feature
Double Feature macht eine Oster-Pause. Danach warten wir im Berliner Ensemble auf Godot, zusammen mit dem Ausnahme-Schauspieler Matthias Brandt in der Hauptrolle. Lohnt sich die Wartezeit?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
