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DF 45-25
„Der Hauptmann von Köpenick“, Staatstheater Cottbus | Udo Kier |

Kasperle in Cottbus 

Double Feature 45/25

“There is no such thing as an empty space or an empty time. There is always something to see, something to hear. In fact, try as we may to make a silence, we cannot.”

John Cage, Silence: Lectures and Writings


John Cages Satz aus „Silence“, dass es keine leere Zeit und keinen leeren Raum gibt, stand am letzten Sonntag über einem Memorial in der Akademie der Künste Berlin für Robert Wilson, den grossen Theater-Magier (hier mein Nachruf auf ihn). Er hatte diese Veranstaltung neben ähnlichen in New York, Paris und Mailand in den letzten Wochen vor seinem Tod im Sommer diesen Jahres noch selber geplant – ich hatte die Ehre anwesend sein zu dürfen

Eine lange, fast halbstündige Stille, nur von Atemzügen und vereinzeltem Husten des Publikums und einem langsam changierenden Licht im Auditorium begleitet, ließ Geister und Meditation durch den Saal ziehen. “Bob” hätte es gemocht. Dann sang Christopher Nell leise „’Cause if I dream it, maybe it will happen…“ aus einer von Wilsons letzten Arbeiten und sprach von seinem eigenen, inneren Kind, während irgendwo im Zuschauerraum ein kleines Kind Laute machte, wohl zufällig. Nele Hertling erinnerte an Wilsons Berliner Jahre, Angela Winkler wie ein nie erwachsen gewordenes Kind an „Bob” und “seine Jungs” und wie ihre Tochter Nele ihn mit einem Gedicht aufmuntern wollte.

Es war, als sei er da. Ein stiller, reinigender Abschied, das Wilson-Universum wird weiterhin existieren. Farewell, Bob.

Main Feature

Im Dunkeln von Berlin nach Cottbus zu fahren, das ist schon eine kleine Versuchs­anordnung. Hinter Lübben werden die Lichter rar, links irgendwo der Spreewald, dann die fast gespenstisch stille Silhouette des Branitzer Parks, dieser von Fürst Pückler hingeworfene Landschaftstraum mit Pyramiden und Hügeln. Ein „Verfahrer“ in irgendeinem Cottbuser Kreisverkehr gehört dazu, bevor dann das Navi endlich ernsthaft „Schillerplatz“ sagt.

Dann steht es da, dieses Jugendstil-Ufo: das Staatstheater Cottbus von Bernhard Sehring, hell angestrahlt, mit seiner kompakten, fast geschlossenen Fassade, den Figurennischen und dem dunklen Kuppelaufsatz mit dem Schriftzug „Der Deutschen Kunst“ – modernistischer Prachtbau mit klassizistischen Einsprengseln, mitten in der Lausitz. Im ersten Stock das Kuppelfoyer, geschwungene Treppen, im Zuschauerraum Gold, Stuck, Deckenmalerei: Stadttheater als bürgerliches Selbstbewusstseins­konzentrat, das am letzten Samstagabend „Der Hauptmann von Köpenick“ zeigt.

Zuckmayers „deutsches Märchen“ entstand 1930/31 nach Begegnungen mit dem echten Wilhelm Voigt – dem Schuster, der aus existentieller Verzweiflung und im Hauptmannskostüm das Köpenicker Rathaus stürmte und den Bürgermeister festsetzte. 1931 von Heinz Hilpert in Berlin uraufgeführt, nach zwei Jahren von den Nazis verboten, Zuckmayer ins Exil gezwungen. 1956 dann die berühmte Verfilmung: Helmut Käutner, Real-Film, Heinz Rühmann im Comeback, während die jüdischen Produzenten Walter Koppel und Gyula Trebitsch wegen dessen Karriere im Dritten Reich zunächst erheblichen Widerstand leisteten. Heute wird Rühmanns NS-Konformität noch einmal neu verhandelt – bis hin zur nachträglichen Aberkennung einer Film-Ehrenmedaille. 

Sebastian Hartmann, der in Cottbus Kindheit und Jugend verbracht hat, kehrt mit der Inszenierung an „sein“ Haus zurück; er ist bekannt für expressive, hochenergetische Abende, die ihre Vorlagen auch mal anarchisch zertrümmern können. Er baut sich im Großen Haus eine zweite Bühne in die Bühne: eine Miniatur der Theaterfassade, ein Kasperletheater, vor dem acht Darsteller:innen in bunten Uniformen, Perücken und Dialekten Identitäten an- und abstreifen. „Ein buntes Kostüm- und Maskenspiel“, das trifft es ziemlich gut.

Ein Höhepunkt (und Knotenpunkt) ist später am Abend der Auftritt von Rühmann, Thomas Gottschalk und Joachim Kaiser: Aus dem Off läuft ein Late-Night-Talk von 1993 (ab 11:00min) , während auf der Bühne Riesen-Puppenköpfe die drei als übergroße Medien-Ikonen nachzeichnen – Rühmann, der ewige Lieblingsonkel; Gottschalk, die Samstagabend-Dauergute-Laune; und Kaiser, jahrzehntelang wohl einflussreichster Musik-, Literatur- und Theaterkritiker und Kultur-Gockel der „Süddeutschen Zeitung“. Wer spricht da eigentlich über wen? Und wie deckungsgleich ist das Bild des „anständigen“ Volksschauspielers mit der Biografie?

Hartmann lässt sein großartiges Ensemble alle Komödienregister ziehen, ohne das Stück je als harmlose Komödie durchzuwinken; Timing, Musikalität, Energie sind beeindruckend und verhelfen zu teilweise wahrhaftigen Text-Momenten. Gleichzeitig treibt er die Dekonstruktion teilweise zu weit, so dass Zuckmayers Faden ausfranst, Pointen im vermeintlichen Diskursgewitter untergehen. 

Manche im Publikum fühlen sich erkennbar vorgeführt, enttäuschte Erwartungen werden trotzig kommentiert, vereinzelt knallen Sitze, wenn jemand den Saal verlässt. Da war Leben im Saal, unerwartet, aber authentisch. Jedoch: Warum sollte ein großstädtisch geschulter Regiestil nicht auch in Cottbus anecken dürfen? Cottbus Provocateur.

Denn verhandelt werden keine Museumsfragen: Wie bleibt man Mensch in einem System, das nur Uniform oder Nummer kennt? Was richtet Obrigkeitshörigkeit – damals im Kaiserreich, später im Nationalsozialismus, dann im westdeutschen Nachkriegskult um „saubere“ Stars – mit einer Gesellschaft an? Und wie lange erzählen wir uns noch die Märchen von den Unschuldigen im richtigen Kostüm?

Auf der Rückfahrt nach Berlin liegt das Theater wieder als helles Schiff im Dunkel, dann nur noch Autobahn, eisige Kälte, Sternenhimmel und angeregte Gespräche. Nach der Rückkehr keine Molle mit Korn, sondern ein perfekt gemischter Martini. Ein surrealer Trip – aber einer, der sich lohnt: wegen des Stücks, des Gebäudes und der beruhigenden Gewissheit, dass Theater als Momentkunst immer eine Reise wert ist.

Side Feature

„Stars, Sterne stehen am Himmel, was soll ich da?“ – Udo Kier hat den Star-Begriff immer freundlich weggeknurrt und sich doch in über 270 Filmen unauslöschlich eingebrannt – nach seiner Aussage waren davon über 150 Mist, 50 mit Alkohol zu ertragen und 50 richtig gut….

Diese glasig-blauen, zugleich müden und wahnsinnigen Augen, in denen immer ein anderer Film mitlief, machten selbst kleinste Auftritte zu Ereignissen: Warhol-Vampir, Fassbinder-Gesicht, Lars-von-Trier-Bote aus den Zwischenwelten. Jetzt ist diese Stimme verstummt. Wer ihm nachreisen will, sieht auf Arte Jobst Knigges superbe Doku „Der wunderbare Udo Kier“ – ein spätes, liebevolles Close-up auf einen, der nie Star sein wollte und genau darum leuchtete.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es in die Berlinische Galerie, die den Urvater des Deutschen Dada ehrt: Raoul Hausmann. Sehenswert und angemessen?

Ich werde berichten…

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