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DF 49-25
Best of 2025 | Christian Marclay, Neue Nationalgalerie

Best of 2025

Double Feature 49/25

Willkommen zurück bei Double Feature – zum letzten Newsletter in diesem Jahr.

Pantone schickt uns 2026 mit der Farbe „Cloud Dancer“ ins Off-White: ein fast farbloses, wolkiges Weiß, das angeblich Beruhigung und stille Reflexion verspricht. Man könnte auch an die weiße Fahne denken – die Farbe des Kapitulierens. Genau das wäre aber eine fatale Assoziation, gerade wenn es um Kultur geht. In meiner Kultur-Realität leuchtet daneben ein Plakat des Berliner Ensembles: „Theater für alle, die die Realität nicht aushalten.“

 

 

Dazwischen pendelte für mich 2025 Kultur: Trostspenderin, Reflexionsraum, Ablenkungsmaschine, Abstraktionslabor, Navigationshilfe, Übungsfeld für Aufrichtigkeit und Menschlichkeit. Es war ein reiches Kulturjahr, ich konnte und durfte in einer beruflichen Übergangszeit sehr viel erleben, mit Menschen, die mir viel und alles bedeuten – dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig fiel mir die Auswahl des Besten vom Besten nicht allzu schwer, die Krone haben sich meine persönlichen Sieger*innen mehr als verdient – und zu ein paar lobenden Erwähnungen versteige ich mich ebenfalls noch.

 

Im Musical Chicago heißt es im Song „Class“ seufzend: „Whatever happened to class?“ – ich habe ihn einer guten Freundin recht spontan zum Geburtstag dargeboten. Wo sind die Gewissheiten, der Respekt und die Aufrichtigkeit hin, nach denen auch die Kultur mal laut, mal leise fragt?

 

Hier also meine sehr persönliche Double-Feature-Best-of-2025-Hitliste – zum Erinnern, Nachspüren und Weitergeben.

Main Feature

Bestes Theater – Die Möwe/The Seagull, Barbican Theatre
Chekh-it-ov! Im Londoner Barbican, diesem Brutalismus-Utopia über der City, hebt Thomas Ostermeiers „The Seagull“ mit Cate Blanchett als gnadenloser Schauspiel-Mutter Arkadina ab: Campingstühle, Schilf, Hipster-Look, dazu Billy Bragg und „Golden Brown“. Tragik und Komik halten sich perfekt die Waage – ein Fest der Schauspielkunst, kein Starvehikel, sondern glühendes Ensemble-Theater in einem dafür perfekt geeigneten Raum.

Und auch: 

„Burgtheater“, Burgtheater Wien – Ein Haus stellt seine eigenen Hausgötter zur Disposition.

„Wachs oder Wirklichkeit“, Volksbühne Berlin – Marthalers Panoptikum und „Nimm mich in die Wirklichkeit…“.

 

 

Bester Film – „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski
Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ verwandelt einen Hof in der Altmark in einen Geisterspeicher weiblicher Biografien: vier Frauen, vier Jahrzehnte, ein Ort. Kein braves Generationsdrama, sondern ein assoziativer Erinnerungsstrom, in dem Kamera und Ton wie Geister durch Zeiten gleiten. Altmärkische Trance, die deutsches Kino neu stimmen lässt und bleibt.

 

Und auch:

„The Brutalist“ von Brady Corbet – Die Szene, in der die Familie aus dem Bauch des Flüchtlings-Schiffs steigt und die Freiheitsstatue kopfsteht, schreibt sich ein.

 

 

Bester Tanz – „Kontakthof – Echoes of ’78“, Tanztheater Wuppertal
In „Kontakthof – Echoes of ’78“ wird die alte Wuppertaler Lichtburg zum Resonanzkasten: Neun Tänzer*innen Mitte siebzig begegnen ihren eigenen jungen Filmgeistern. Balzrituale, Machtspiele, Zurückweisungen leuchten doppelt – live und in Schwarzweiß. Altern erscheint als Veredelung: jeder Atemzug schreibt neue Bedeutungen in Bauschs radikale Choreografie und zärtlich, schmerzhaft, überwältigend präsent.

 

und auch:

„Figures in Extinction“, Nederlands Dans Theater – Ein überwältigender Katalog verschwindender Arten, getanzt als elegische Warnung.

„A Year Without Summer“, Florentina Holzinger – Wenn Robo-Hunde die nackten Performerinnen bedrängen, kippt der Abend endgültig in ein posthumanes Alptraum-Panorama.

 

 

Beste Oper – „Das Paradies und die Peri“, Staatsoper Hamburg
Tobias Kratzers „Paradies und die Peri“ eröffnet die Staatsoper-Hamburg-Ära als Programm: Alles, was Oper kann. Schumanns Oratorium wird zur gegenwärtigen Prüfungsreihe zwischen Krieg, Pandemie, Klimakrise. Prägnante Bilder, ein Chor unter Hochspannung, Live-Kameras, die das Publikum ins Spiel holen, und eine Peri, die durchs Parkett klettert – Trost mit Verantwortung auch.

 

Und auch: 

„Maria Stuarda“, Salzburger Festspiele – Belcanto im Rasche-Maschinenraum.

„Echnaton“, Komische Oper Berlin – Barrie Kosky setzt Glass’ Minimal Music in einen klinisch weißen Ritualraum.

 

 

Bestes Konzert – Berliner Philharmoniker / Petrenko: Dusapin „Exeo“ & Brahms 1
Pascal Dusapins „Exeo“ mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko tastet wie ein Orchester, das seine eigene Wunde prüft: Hoch und Tief glühen, die Mitte bleibt schwarzer Zwischenraum. Danach Zimmermanns Oboenkonzert, schließlich Brahms Eins – Tradition unter Strom. Ein Abend, der zeigt: Trost kann radikal klingen, wirklich und wunderschön zugleich.

 

 

Beste Ausstellung – „Fünf Freunde“, Museum Brandhorst München
„Fünf Freunde“ im Museum Brandhorst zeigt John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly als Kunst-Reaktor im Quintett: über 180 Werke, Partituren, Kostüme, Filme. Black Mountain College, New York, Tanz, Klang, Bild – alles funkt ineinander, widerspricht sich und sprüht dennoch gemeinsam: reine Inspirationsdichte für mehrere Museumsbesuche.

 

Und auch: 

Diego Giacometti, Kunstmuseum Chur – Tische, Stühle, Lampen als leise Tierwesen und Hausgeister.

 

 

Bestes Fernsehen – „Somebody Somewhere“, HBO Max
„Somebody Somewhere“ erzählt von den Abgehängten im amerikanischen Nirgendwo – aber mit Liebe, Humor und Songs, die mitten ins Zwerchfell zielen. Bridget Everett taumelt, lacht, singt sich durch Trauer und Alltag, Jeff Hiller als Joel ist das sanfteste Sicherheitsnetz der Welt. Zärtlich, warm, echt, hochtröstlich für dunkle Herbstserien-Abende zu zweit.

 

Und auch: 

„Lost Boys and Fairies“, arte – Queerer Familienentwurf zwischen Club, Küche und Kinderschutzbehörde – und wenn Cass Elliots „It’s Getting Better“ einsetzt, weiß man, wie fragil Hoffnung klingen kann.

 

 

Bestes Buch – „Der deutsche Film“, Hatje Cantz / Deutsche Kinemathek
„Der deutsche Film“ von der Deutschen Kinemathek bei Hatje Cantz ist das Coffee-Table-U-Boot unter den Film-Büchern: fast 1000 Seiten, fast 5 Kilo, dafür erstaunlich günstig. Ein Schatzraum aus Stills, Plakaten, Essays, Biografien – ideal zum Schmökern, Nachschlagen, Versinken. Nur der Couchtisch muss stabil sein und darf gern patiniert gelesen werden.

 

 

Bestes Album – Alice Sara Ott, „John Field: Complete Nocturnes“
Die irische Erfindung des Nocturne im Fokus: Alice Sara Ott spielt John Fields 18 Klaviernachtstücke schlank, transparent, ohne Chopin-Schmelz. Statt großer Gesten: Atem, Linien, kleine Steigerungen. Ein Album, das nichts beweisen muss – und so zum Begleiter später Stunden wird.

 

 

Bester Song – „Anxiety“, Doechii
„Anxiety“ von Doechii sampelt Gotyes „Somebody That I Used to Know“ zu einem hyperventilierenden Pop-Rap-Mantra: zwischen Soulgesang, nervös versetzten Flows und ploppenden Beats jongliert sie ihre innere Panik weg – tanzbar, aber mit Kloß im Hals. Ein Song wie ein Overthinking-Loop, der erstaunlich tröstlich knallt, im Club, im Kopf, überall.

 

And a Farewell to Robert Wilson. Silence.

 

Side Feature

Jahreswechsel, Zeitenwechsel, Zeiten, Zeit? Da habe ich einen ganz besonderen Tip:

 

In der Neuen Nationalgalerie wird gerade ein Film gezeigt, der nie auffhört und der eigentlich keiner sein will – Christian Marclays “The Clock”. 24 Stunden lang montiert er tausende Szenen aus Kino- und TV-Geschichte, immer dann, wenn irgendwo eine Uhr durchs Bild läuft oder jemand die Zeit sagt – und synchronisiert das Ganze minutengenau mit der Berliner Echtzeit.

 

Man sitzt in einem eigens in Mies’ gläserner Halle gebauten Kinoraum auf Sofas, draußen flimmert die Stadt, drinnen flimmert die Zeit. Natürlich, so ein Mammutprojekt ließe sich heute mit Hilfe von KI vermutlich in einem Bruchteil der Jahre zusammenschneiden, die Marclay und sein Team damals tatsächlich gebraucht haben. Aber die obsessive Handarbeit ist spürbar, Szene für Szene, und entwickelt einen beinahe hypnotischen Sog: Alltag, Drama, Kitsch und Suspense fallen auf die Sekunde zusammen.

 

Unbedingt vormerken: eines der 24-Stunden-Screenings gleich Anfang Januar 2026 – wenn die Nacht, der Morgen und der nächste Tag in einem einzigen Kinotag ineinander übergehen.

Next Feature

Vielen Dank für die Unterstützung, das ermutigende Feedback und auch die Kritik in diesem ersten Jahr von Double Feature. Die Reise geht in 2026 weiter – Mitte Januar erscheint der nächste und erste Newsletter 2026.

 

Ich werde – weiterhin – berichten…

with cultural regards,

Signature D
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